Roboter-Superintelligenz ist die dominierende Lebensform des Weltalls

Die Astrobiologin Susan Schneider ist überzeugt, dass die meisten extraterrestrischen Lebewesen nicht mehr biologischer Natur sind, sondern ihre Existenz längst auf eine uns weit überlegene künstliche Intelligenz upgedatet haben.

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Dez. 29 2014, 6:00am

​​NASA / Wikimedia | Gemeinfrei

Falls wir tatsächlich jemals auf außerirdisches Leben stoßen, dann erwarten uns aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die spindeldürren, insektenähnlichen Kreaturen oder untersetzten grünen Wesen, die wir Menschen landläufig mit extraterrestrischem Dasein verbinden. Höchstwahrscheinlich werden unsere galaktischen Nachbarn gar keine biologischen Kreaturen sein—sondern High-Tech-Roboter, die unserer menschlichen Form von Intelligenz auf jede erdenkliche Weise überlegen sind. Auch wenn nicht wenige Philosophen, Forscher und Futuristen ​das Zeitalter der künstlichen Intelligenz und der Singularität vorhersagen, beschränken die meisten von ihnen ihre Zukunftszenarien auf die Erde. Nur wenige Denker (außerhalb der Science Fiction) haben bisher in Betracht gezogen, dass es in den Tiefen des Universums längst Lebensformen mit künstlicher Intelligenz geben könnte.

Susan Schneider dagegen glaubt, dass die im Weltall dominierende Intelligenz künstlicher und nicht biologischer Natur ist. Mit dieser These befindet sich die Philosophieprofessorin der University of Connecticut in illustrer, aber kleiner Gesellschaft mit einigen anderen Wissenschaftlern wie Seth Shostak, Leiter des SETI-Programms (Search for Extraterrestrial Intelligence) der NASA, Stephen Dick, Vorsitzender des Astrobiologieprogramms der Library of Congress und Paul Davies, ebenfalls Astrobiologe bei der NASA. Susan Schneider erläutert in ihrem Paper, mit dem schönen Titel Alien Minds, das in einer aktuellen NASA-Publikation erschienen ist, warum außerirdische Lebensformen vermutliche synthetischer Natur sind und wie solche Kreaturen wohl denken mögen.

„Die meisten Menschen haben dieses ikonische Bild von Aliens als biologische Kreaturen, aber vor dem Hintergrund einer zeitbezogenen Argumentation ergibt das überhaupt keinen Sinn", erklärte mir Shostak. „Ich habe schon dutzende Astronomenkaffees verwettet, dass, wenn wir ein außerirdisches Signal empfangen, es von artifiziellen Lebensformen stammen wird."

Die jüngsten ​Daten der Kepler Mission haben erneut auf die Existenz mehrerer potentieller bewohnbarer Planeten hingewiesen. Es wird zunehmend schwerer die Behauptung, dass wir nicht alleine im Universum sind, als reine Science-Fiction abzutun. 

Wir werden im All nicht auf IBM-Prozessoren stossen. extraterrestrische Intelligenz dürfte der menschlichen Auffassungsgabe weit überlegen sein.

Sollten wir dann tatsächlich einmal auf fremde Lebensformen treffen, dann werden wir auch mit ihnen kommunizieren wollen und müssen dem entsprechend ein Verständnis für ihre Wahrnehmungsweisen entwickeln. Die allermeisten Astrobiologen, die vor allem einzellige Lebewesen erforschen, haben das Thema intelligenter Aliens allerdings überhaupt nicht auf dem Schirm.

„Wenn ich dir jetzt aufzählen sollte, welche Forscher sich bisher ausgiebig mit dem Thema auseinander gesetzt haben, dann würde auch mir das ziemlich schwer fallen", erkärte mir Shostak, der schon lange auf dem Gebiet forscht. „Manch einer macht sich Gedanken über mögliche Formen der Kommunikation. Aber nur wenige Wissenschaftler erforschen die Natur außerirdischer Intelligenz."

Das 16-seitige Paper von Susan Schneider zählt zu den ersten seriösen und ausgiebigen Abhandlungen des Themas.

„Es ist wichtig, beim Thema künstlicher ​Superintelligenz eine Unterscheidung zu herkömmlichen Begriffen von ‚künstlicher Intelligenz' zu machen", betonte Schneider mir gegenüber. „Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir im All auf IBM-Prozessoren treffen werden. Jede Form extraterrestrischer Intelligenz dürfte der menschlichen Auffassungsgabe deutlich überlegen sein."

Laut Schneider liegt der Hauptgrund hierfür in der zeitlichen Dimension. Alle, die nicht allzu vertraut mit außerirdischer Intelligenz sind, seien zur Einführung auf eine wichtige Grundannahme hingewiesen: Laut Schneider müssen wir bei jeder Untersuchung auf diesem Feld stets „das kleine Fenster der Beobachtung" bedenken. Also die Annahme, dass eine Gesellschaft ab dem Zeitpunkt an dem sie gelernt hat, durch die Übertragung von Radiowellen zu kommunizieren, nur noch einen zivilisatorischen Katzensprung von einem Upgrade ihrer biologischen Konstitution entfernt ist. Diese Hypothese ist letztlich eine abgewandelte Form jenes ​von Ray Kurzweil bekannt gemachten Konzeptes, dass die Menschheit mit ihrem Fortschrittstempo inzwischen quasi automatisch auf eine nicht mehr weit entfernte post-biologische Zukunft zusteuert.

„Sobald eine Zivilisation die Funkwellenkommunikation entwickelt hat, folgen rund fünfzig Jahre später Computer und dann wird weitere fünfzig bis hundert Jahre später künstliche Intelligenz entwickelt", sagt Shostak. „Ab diesem Punkt sind unsere matschigen Gehirne ein veraltetes Modell."

Sind künstlich intellegente Kreaturen überhaupt auf einen Ozean zum Überleben angewiesen?

Schneider erinnert dabei an die langsam, aber sicher aufkeimende ​Technologie der Brain-Computer-Interfaces. Für sie sind Entwicklungen wie das aktuelle DARPA Programm für neuronale Implantationen, ElectRX, ein Hinweis darauf, dass das ​Zeitalter der Singularität nicht mehr weit entfernt ist. Letztlich glaubt Schneider, dass wir nicht nur unsere menschlichen Gehirne technologisch updaten, sondern einen umfassenden Übergang zu synthetischer Hardware erleben werden.

Bild: YouTube Screenshot

„Es ist durchaus denkbar, dass zu dem Zeitpunkt, an dem wir anderen intelligenten Lebensformen begegnen, auch die meisten Menschen ihre Gehirne grundlegend technisch aufgerüstet haben", sagte Schneier. 

Außerdem dürften die meisten Zivilisationen, die es dort draußen gibt, vermutlich schon Millionen Jahre älter als wir sein. Eine These, die auch von Astronomen gestützt wird, die das Konzept kultureller Evolution ​auf mögliche Lebensformen im Universum übertragen haben. Shostak bestätigt diese Überlegung ebenfalls mit einem knapp umrissenen theoretischen Szenario:

„Eine solche Schlussfolgerung ergibt sich eigentlich recht einfach: Legen wir zunächst zugrunde, dass jegliches Signal, das wir empfangen können, von einer Zivilisation stammen muss, die mindestens so weit entwickelt ist wie die unsere. Gehen wir jetzt davon aus, dass eine durchschnittliche Zivilisation die Übertragung von Funksignalen nach konservativen Schätzungen 10.000 Jahre lang verwendet. Bereits auf der Basis reiner Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind die Chancen, auf eine Zivilisation zu treffen, die bereits sehr viel länger als die unsere existiert, ziemlich hoch."

Die Vorstellung, dass wir im Vergleich zu unseren kosmischen Brüdern und Schwestern lediglich galaktische Primitivlinge mit äußerst einfacher Intelligenz sind, verlangt uns Menschen eine uns nicht unbedingt im Überfluss gegebene Demut ab. Doch trotz der überlegenen gedanklichen Kapazitäten könnte unseren interstellaren Nachbarn eine entscheidende Fähigkeit fehlen: Bewusstsein.

Es mag absurd klingen, aber laut dem Paper von Schneider ist noch lange nicht ausgemacht, ob die außerirdischen superintelligenten Lebensformen überhaupt zu so etwas wie Selbsterkenntnis und einer Reflexion ihres eigenen Daseins in der Lage sind. Diese Ungewissheit liegt, vereinfach gesagt, darin begründet, dass wir bisher so wenig über die neurologischen Grundlagen eines Bewusstseins der eigenen Existenz wissen. 

Vor dem Hintergrund unserer aktuellen wissenschaftlichen Forschung ist kaum auszumachen, was nötig ist, um Selbsterkenntnis künstlich zu reproduzieren. Schneier glaubt allerdings, die These, dass künstliches Leben kein Bewusstsein besitzen kann, gerät zunehmend unter Beschuss:

„Ich wüsste nicht, warum eine künstliche Superintelligenz kein Bewusstsein aufweisen sollte. Es ist aber dennoch wichtig, auch diese These in Betracht zu ziehen. Für mich ist das Gehirn grundsätzlich eine rechenbasierte Einheit [in ihrem aktuellen englischsprachigen Paper wird der Begriff „computational" verwendet]—es gibt bereits rechenbasierte, mathematische Theorien, die bestimmte Aspekte von Bewusstsein beschreiben, wie zum Beispiel die Phänomene Erinnerung und Aufmerksamkeit. Wenn wir von einem rechnenden Gehirn ausgehen, dann wüsste ich keinen Grund, warum nicht auch Silizium statt Kohlenstoff zu einem Medium von Erfahrung werden könnte."

Ich hoffe das Schneider mit ihren Annahmen richtig liegt. Die Vorstellung einer Galaxie voller seelenloser Supercomputer ist auf jeden Fall eine unheimliche Vorstellung. „Es ist tatsächlich äußerst gruselig", gibt auch Schneier zu. Sie hat ausführlich zum ​Thema Brain-Upload geforscht und publiziert und drängt darauf, dass wir uns grundlegende Gedanken zu den Konsequenzen kognitiver Aufrüstung machen.

Du verbringst deine Freizeit ja auch nicht damit, Bücher mit deinem Goldfisch zu lesen. Dafür hast du immerhin aber auch kein Bedürfnis, ihn zu töten.

Das Konzept superintelligenter Alien-Intelligenz klingt momentan dennoch vor allem nach einer äußerst spekulativen Angelegenheit. Und das ist es auch. Allerdings bedeutet das nicht, die Theorie wäre es nicht wert, gründlich durchdacht zu werden. Uns ein Bild extraterrestrischer Formen von Intelligenz zu machen, könnte uns auch bei der Suche nach Anzeichen kosmischem Lebens behilflich sein: „Bisher haben wir unsere Suche auf Planeten konzentriert, auf denen sich Ozeane, atmungskompatible Atmosphären und so weiter befinden könnten", erzählte mir Shostak.

„Wenn wir jedoch mit unserer Vermutung richtig liegen, dass die im Kosmos vorherrschende Form von Intelligenz künstlicher Natur ist, ist diese dann zum Überleben überhaupt zwangsläufig auf einen Ozean angewiesen?"

Die Überlegung, dass Welten, die wir möglicherweise als bewohnbar identifizieren, im Angesicht fortschrittlicher Superalien-Lebensformen nur falsche Versprechen bereithalten, verlangt zumindest mir eine extreme Hirngymnastik ab. Aber genau auf diese Schlussfolgerungen scheinen Shostaks Thesen tatsächlich hinauszulaufen:

„Alles, was künstliche Lebensformen bräuchten, wären Rohmaterialien", fährt er fort. „Sie könnten in den tiefen des Weltalls existieren, um einen Stern herumschweben oder sich von der Energie eines schwarzen Lochs im Zentrum einer Galaxie ernähren." Letzteres ist zumindest der Stoff einer Reihe von Science-Fiction-Romanen, wie zum Beispiel den Werken von Greg Bear und Gregory Benford.

Shostak will damit wohl sagen, dass Aliens letztlich überall sein könnten.

Damit drängt sich eine abschließende Frage auf: Was werden superintelligente Aliens wohl über uns denken? Sind wir für unsere kosmischen Cousins nicht viel mehr als praktischer Bio-Treibstoff, à la Matrix? Oder analysieren sie unser Leben längst aus der Ferne und nach einer Star-Trek-ähnlichen Doktrin der Nichteinmischung? Schneider hält all diese Szenarien für unwahrscheinlich. Sie geht eher davon aus, dass wir superintelligenten Aliens mehr als egal sind:

„Wenn sie sich wirklich für uns interessieren würden, dann wären wir vermutlich gar nicht mehr hier. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ihre Ziele und zivilisatorischen Antriebe sich so fundamental von den unseren unterscheiden, dass sie uns nicht kontaktieren werden."

Das ist zumindest eine prägnante Gegenthese zu ​Steven Hawkings Behauptung, dass fortschrittliche Aliens möglicherweise in der Form von Nomaden daherkommen, die darauf aus sind die Ressourcen jedes möglichen Planetens auszuquetschen, und dass jeglicher menschlicher Kontaktversuch zu unserem führen könnte.

„Ich stimme Susan zu, dass sie überhaupt kein Interesse für uns haben", sagt Shostak, der uns schlicht für zu primitiv und für zu irrelevant hält. „Du verbringst ja auch deine Freizeit nicht damit, Bücher mit deinem Goldfisch zu lesen. Dafür hast du aber immerhin auch kein wirkliches Bedürfnis, deinen Goldfisch zu töten."

Wenn wir also je auf galaktische Nachbarn treffen wollen, dann ist es wohl an uns, sie aufzuspüren. Das könnte tausende oder Millionen von Jahren dauern, aber vielleicht gelingt es uns bis dahin ja dann immerhin, unsere eigene Intelligenz soweit zu steigern, dass wir dann auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren können.