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Wie Club Mate vor 20 Jahren zum Lieblingsgetränk von Hackern und Ravern wurde

1994 hat die Hacker-Brause die Clubs von Berlin erreicht. Heute wird das Getränk der mittelfränkischen Familienbrauerei Loscher in über 40 Länder exportiert.

„Dein erster Schluck schmeckt wie Pferdeurin, der durch Heu gefiltert wurde", sagt Jens Ohlig.

Aber irgendwann gelangst du an den Punkt, an dem es sich gut anfühlt—sehr, sehr gut sogar. Jens erinnert sich gerne an jenen Moment im Jahr 1998 auf einem Camp des Chaos Computer Clubs zurück, als er das Getränk zum ersten Mal probierte. Inzwischen ist Club Mate für den in Berlin lebenden Wikimedia-Programmierer zum alltäglichen Grundnahrungsmittel geworden. Zwischen drei und viereinhalb Liter können es pro Tag werden: „In stressigen Zeiten habe ich auch schon mal 10 Flaschen pro Tag getrunken. Aber das war extrem."

In den frühen 1990er Jahren erreichten die ersten Club Mate-Lieferungen Hamburg und Berlin. Für rund ein Jahrzehnt wurde das Getränk vor allem von Hackern wie Jens Ohlig bei Treffen des Chaos Computer Clubs, in temporären Berliner Clubs oder in linken, sozialen Zentren wie der Roten Flora in Hamburg konsumiert. Für die Ausdauer auf mehrtägigen Raves bot sich das Getränk ebenso an, wie in Plenumsdiskussionen oder bei nächtelanger Programmiererarbeit. Ohlig drückt es so aus: „Club Mate war eine der legalen Optionen."

Inzwischen wird das Getränk in über 40 Länder exportiert, von Kasachstan bis Chile. Dennoch schreitet die Globalisierung des Getränks nur langsam voran. Das liegt wohl auch daran, dass die kleine mittelfränkische Brauerei Loscher von normalem Marketing absieht. Stattdessen setzen sie auf Mund-zu-Mund-Propaganda. So hat es das Getränk inzwischen zum Standard in Berliner Spätis gebracht, während viele Leute in den Nachbardörfern der bayrischen Provinz bis heute noch nie von Club Mate gehört haben. Und die die es kennen, bestellen es mancherorts bis heute unter seinem in der Region geläufigen Vorkriegsnamen Sekt-Bronte.

Das Starbucks der Mate-Getränke

Mit einem halben Liter Club Mate in meinem Bauch, mache ich mich von meinem Büro aus auf den Weg zu Meta Mate. Es ist die einzige Bar Berlins, die sich ganz den Erzeugnissen des Mate-Strauchs verschrieben hat. Ich bin mit Jens Ohlig für eine Geschmacksprobe der verschiedensten Mate-Versionen verabredet.

Während die Nachfrage nach dem Mate-Strauch selbst auf niedrigem Niveau stabil geblieben ist, ist das Ausmaß und die Vielfalt der verschiedenen Mate-Getränke, die inzwischen in Deutschland erhältlich sind, bemerkenswert. Der Erfolg von Club Mate hat zu vielen Nachahmern und Neuauflagen von großen und kleinen Brauereien geführt—von der landesweiten Supermarktkettenmarke Bio bis zum kleinen, unabhängigen Hamburger Kollektiv 1337Mate (inklusive stilechter Geek-Referenz für den Nerd-Code für Elite). Die Alternativen unterscheiden sich in Sachen Farbton, Textur, Süße und der Stärke des Mate-Geschmacks, und schmücken ihre Labels nicht mit dem typischen Club Mate-Gaucho, sondern mit Stacheltieren und Geckos. Aber letztlich zählen sie alle zum Stammbaum der Mate-Erfrischungsgetränke.

Ohlig weiß dennoch von interessanten Nebenwirkungen der Ausdifferenzierung zu berichten:

„In Berlin gibt es schon Leute, die kein Club Mate mehr anrühren. Es gilt als zu Mainstream. Es ist so etwas wie das Starbucks der Mate-Getränke."

Der Meta Mate Laden quetscht sich ins Souterrain eines Wohnhauses im Prenzlauer Berg. Der Hauptraum ist voll mit Mate-verwandten Produkten: Limonade, Schokolade und „Mier", eine Mischung aus Mate-Eistee und Bier. „Wir nennen uns selbst Mate Hacker", sagte mir Kritikha DoCanto, der die Bar zusammen mit ihrem Mann gehört, während sie uns ein halbes Dutzend Mate Flaschen an unseren Tisch bringt.

Ein bunter Strauß an Mate-Sorten. Bild: Greg Thomas

Jens Ohlig kann getrost als Mate Experte bezeichnet werden. Nicht nur aufgrund seiner intensiven eigenen Praxiserfahrung mit dem Getränk, sondern auch da er zusammen mit zwei Freunden vor drei Jahren das Buch Hacker Brause, die ultimative Abhandlung über den koffeinhaltigen Drink, herausgegeben hat. Unser Treffpunkt Meta Mate ist nicht nur bedeutend, da es die einzige Bar dieser Art in Berlin ist, sondern auch weil der Laden im Prenzlauer Berg liegt—dem inzwischen vollkommen verwandelten Viertel, in dem vor genau 20 Jahren die moderne Club Mate Saga begann. 

Laut Ohlig kam die Loscher Brauerei nur durch einen Zufall an das Getränk. Das Rezept hat im letzten Jahrhundert mehrfach den Besitzer unter deutschen Geschäftsleuten gewechselt, wobei die früheste Aufzeichnung über seine Existenz bis in das Jahr 1924 zurückreicht. Die Familie Loscher hat das Rezept 1994 erstanden.

Die Dreifaltigkeit der 90er Jahre: Techno, Hacking und Club Mate.

Nach dem Fall der Mauer entwickelte sich der Prenzlauer Berg schnell zu einem riesigen verlassenen urbanen Spielplatz. Viele der Bewohner des überwiegend armen Ostberliner Bezirks mit seinen verlassenen Warenhäusern und Fabriken waren schnell in den Westen geflohen und das Viertel wurde zum Paradies für Hausbesetzer und hungernde Künstler. Ohlig erinnert sich gut daran, wie überall die Schlösser von verlassenen Gebäuden geknackt, der Besen geschwungen, eine große Anlage hineingeschafft und draußen ein Schild aufgehängt wurde, dass die (temporäre) Wiedergeburt der Räume als Techno Club verkündete.

„Es gab den schönen Spruch, dass ein Hausbesetzer nur drei Dinge braucht: K.G.B.—Kohle für den Winter, Gips zum Renovieren und natürlich Bier."

In den ersten unübersichtlichen Jahren der Berliner Wiedervereinigung zog ein unabhängiger Verkäufer mit einem Karren durch den Prenzlauer Berg und versorgte die Clubs mit den wichtigsten Waren. Ohne eine offizielle Lizenz waren die Club-Betreiber über jede Möglichkeit an Getränke heranzukommen dankbar und der Mann mit dem Eselskarren, der seine Bestellungen auf einem Klemmbrett entgegennahm, erfreute sich schnell einiger Beliebtheit. Schon bald tauschte er seinen Karren gegen einen kleinen Laster. Eines Nachts, während einer seiner Touren, gab einer seiner Kunden eine Sonderbestellung auf: Er verlangte nach einer besonderen Limonade aus seinem mittelfränkischen Heimatdorf mit dem Namen Club Mate.

„Der Lieferant nahm Mate in sein Angebot auf und das ganze ging durch die Decke", sagte Ohlig. „Die Loscher Brauerei wusste gar nicht, was sie da in ihren Händen hatte." Für Ohlig liegt der Erfolg von Club Mate in dem ungefähr parallelen Aufkommen von Techno Musik, dem Internet bzw. Hacking begründet—zusammen bilden sie eine Art Dreifaltigkeit der 1990er Jahre.

Als ich Ohlig fragte, was er damals vor dem Beginn seiner Mate Diät getrunken hat, muss er lange nachdenken. Damals bedeutet hier auch noch vor 1995, dem Jahr in dem der Film „Hackers" in die Kinos kam. „Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, aber ich glaube, dass wir damals jede Menge Jolt Cola getrunken haben." Er und seine Freunde hätten keine Mühe gescheut um Jolt Cola aus den USA nach Deutschland zu importieren. „Heute ist es andersherum." 

Im Angesicht der Popularität von Mate ist es durchaus überraschend, dass die Produktion nach wie vor in den Händen der kleinen Brauerei Loscher (Achtung: Webseite mit absoluter Anti-Geek-Ästhetik) im kleinen Ort Münchsteinach liegt. Die auch nach 20 Jahren erhalten gebliebene Konzentration auf den Familienbetrieb bedeutet aber auch, dass ein kleines Problem bei Herstellung und Lieferung erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung deutscher Großstädte mit der Hacker-Brause haben kann.

Genau dies ist dann auch 2011 während der etwas überdramatisierten temporären Mate-calypse geschehen. Als die Piraten im selben Jahr in das Berliner Abgeordnetenhaus einzogen, sorgte eine ihrer ersten Amtshandlungen, nämlich das Bestücken der staatlichen Getränkeautomaten mit ihrem Lieblingsgetränk und der folgende allgemeine Hype, für eine Nachfrage auf die Loscher nicht vorbereitet war.

Loscher wurde vollkommen überrascht von dem nun landesweit gestiegenen Bedarf und es kam zu einem gewissen Lieferengpass. Ohlig erinnert sich an die ersten Sitzungen der Piraten: „Sie verbrachten Stunden damit, darüber zu debattieren, was in welchen Schacht der Getränkeautomaten gepackt werden sollte."

Die Sorge um einen weiteren Versorgungsengpass flammte auch im März 2013 noch einmal kurzzeitig auf, als ein LKW auf der A3 zahlreiche Mate-Kisten verlor. Statt die Berliner Kreativwirtschaft weiter mit Nachschub zu versorgen, verursachten die gelben Getränkekisten nun auf einem Autobahnzubringer  stundenlange Aufräumarbeiten.

Ein Tag ohne Club Mate ist ein verschwendeter Tag

Die Brauerei gibt jedoch an, dass die Probleme, die zu dem Lieferengpässen geführt hatten, schon vor zwei Jahren gelöst wurde—es fehlten bei der Mate-calypse schlicht die typischen 0,5 Liter Flaschen, in die das Getränk abgefüllt wird. Der Braumeister Marcus Loscher ist ziemlich schmallippig, was die Details der Produktion angeht, aber er versichert, dass eine Mate-calyse nicht wieder vorkommen wird. Daran ist ihm schon aus persönlichen Gründen gelegen, da er ebenfalls abhängig von seiner täglichen Dosis ist, wie er mir gegenüber in einer E-Mail zugab:

Sogar im Urlaub gehört es zu meinen Grundnahrungsmitteln. Ein Tag ohne Club Mate ist ein verschwendeter Tag.

Zu der Frage, ob diese Art der Markenloyalität ernsthafte gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann, hat Loscher dagegen keine weiteren Angaben gemacht. In den USA werden zumindest Energy Drinks wie Red Bull und Monster mit Einlieferungen in die Notaufnahme in Verbindung gebracht. Im November 2012 zeigte eine Untersuchung der New York Times, dass sogenannte „5-Hour-Energy-Drinks" in 90 Vorkommnissen der Arznei- und Lebensmittelzulassungsbehörde FDA erwähnt wurden. In einem drittel der Fälle kam es zu „ernsthaften oder lebensgefährlichen Verletzungen wie Herzinfarkt, Konvulsion und in einem Fall sogar zu einer spontanen Abtreibung." Insgesamt kam es zu dreizehn Todesfällen und die FDA untersucht inzwischen offiziell die Gesundheitsrisiken von Energy Drinks.

Eine 0,5 Liter Flasche Club Mate beinhaltet 100 mg Koffein, was ungefähr der Menge in einer durchschnittlichen 0,2 Liter Kaffeetasse entspricht. Im Vergleich dazu enthält eine 250ml Dose Red Bull 80mg Koffein. Ein weiterer gesundheitlicher Pluspunkt von Club Mate ist, dass es das Produkt des Mate-Strauchs oder der Yerba Mate ist, was mit seinem Polyphenol dafür bekannt ist die Folgen von Allergien abzumildern, das Risiko von Diabetes einzudämmen und deinem Immunsystem im allgemeinen eine freundliche Unterstützung zu sein.

Wir verkaufen Club Mate, weil wir glauben, dass es eine metaphysische Beziehung zu Techno hat.

Selbst in New York gab es jahrelang nur einen Verkaufspunkt und erst seit dem vergangenen Herbst führt ein Vertrieb in San Francisco Club Mate an der Westküste der USA—wohl in der Hoffnung das Interesse bei den Start-ups und Technikfirmen des Silicon Volleys zu wecken. In Amerika wird Club Mate nach wie vor nur in einer handvoll Läden verkauft. Zum Beispiel in einem Club in Brooklyn, in einem alternativen Buchladen in Seattle und einem Kletterzentrum in San Francisco.

„Wir verkaufen Club Mate, weil wir glauben, dass es eine metaphysische Beziehung zu Techno hat", erklärte mir John Barclay der Betreiber des Brooklyn Bossa Nova Civic Club, der ersten Bar in New York, die Club Mate verkaufte. Und auch im Buchladen Ada's Technical Books in Seattle hat das Getränk eine loyale Anhängerschaft gefunden—nicht nur unter den Mitarbeitern, die Danielle Hulton längst allesamt von dem persönlich erstmals im Jahr 2010 aus Holland importieren Getränk überzeugt hat, sondern auch unter den Kunden: „Im vergangenen Vierteljahr war es unser am zweit häufigsten verkauftes Produkt."

Und als ich vor einigen Monaten eine Tour durch das Hauptquartier von SoundCloud unternahm, vergas die Community Relations Mitarbeiterin nicht mich auf die Google-ähnlichen Annehmlichkeiten für ihre Mitarbeiter hinzuweisen, zu denen selbstverständlich auch bis oben mit Club Mate gefüllte Kühlschränke gehören. SoundCloud ist eines der Zentren der gehypten Berliner Start-up-Szene und sieht sich selbst nicht nur wirtschaftlich sondern auch in Sachen Arbeitskultur als führend.

Für die Produktivität und die Arbeitsmoral ist es von entscheidender Bedeutung den Club-Mate Fluss am laufen zu halten, erzählte man mir während meines Rundgangs: „Wenn es alle ist, haben wir ein Problem."

In einer alten Version hieß es, die Piraten seien 2010 in den Senat eingezogen. Selbstverständlich enternten sie 2011 Berliner Abgeordnetenhaus. Seitdem ist in jedem Falle eine große Menge Mate durch die offiziellen Abgeordnetenflure geschleppt worden. Außerdem steht 1337 mit Leet für und nicht gegen Elite, wie es in einer früheren Version hieß, wie Experten in den Kommentaren dankenswerter Weise angemerkt haben.