Alle Bilder: Rebecca Rütten

Andreas Scheuer feiert sich, weil er ein einzelnes Funkloch stopft

Anna Biselli

Der Minister für Verkehr und Digitales Andreas Scheuer karrte einen Haufen Journalisten auf einen Acker in Brandenburg, um den Einzug des Mobilfunks zu feiern. Die Absurdität der deutschen Digitalpolitik in einer Busfahrt.

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Es besteht Anschnallpflicht und bitte nur im Sitzen pinkeln – auch die Herren! Die Belehrung darf zu Beginn keiner Busfahrt fehlen, auch nicht wenn das Bundesverkehrsministerium (BMVI) zu einem Ausflug einlädt. In den Reihen sitzen Journalisten, ganz vorn fährt Verkehrsminister Andreas "Andi" Scheuer mit, der auch für digitale Infrastruktur zuständig ist. Es geht ins brandenburgische Kleßen-Görne, das in anderthalb Stunden den wohl größten Presseansturm seiner Geschichte erleben wird. Der Grund: Das 360-Einwohner-Dorf soll nun endlich Handyempfang bekommen und dafür kommt der Bundesminister persönlich vorbei. Er will einen Funkmast der Deutschen Telekom anschalten. Oder wie er sagt: "die Funkstille beenden".

Smartphone, das eine WLAN-Fehlermeldung zeigt
Angekündigt war WLAN im Bus. Stattdessen gab es Brezeln | Alle Bilder: Rebecca Rütten

Das herumgereichte Passwort für das Bus-WLAN funktioniert schonmal nicht, auf der Fahrt ins 75 Kilometer von Berlin entfernte Dorf reiht sich ein Funkloch ans nächste, wie die Heuballen am Straßenrand. Kleßen-Görne ist international zum Symbol für den Kampf um Empfang geworden, mit drastischen Bildern. Die Märkische Allgemeine berichtete davon, dass in der Nähe eine Autofahrerin den Rettungsdienst nicht alarmieren konnte, als sie ein brennendes Auto bemerkte. Immer wieder sprach der ehrenamtliche Bürgermeister deswegen mit Land- und Bundestagsabgeordneten. Ohne Erfolg.

Andi Scheuer feiert den Funkmast als seinen eigenen Erfolg

Die Telekom vertröstete die Dörfer auf eine Zeit nach 2020, ein Funkmast sei wirtschaftlich nicht sinnvoll. Die 360 Menschen können gar nicht so viel telefonieren, dass sich die Kosten für den Mast lohnen. Dass es dann doch zwei Jahre schneller ging, feiert Andi Scheuer als seinen Erfolg und frotzelt in Richtung des Telekom-Vorstands Walter Goldenits, der auch mit auf die Landpartie gekommen ist: "Das BMVI hat gequält und das gequälte Lachen, dass sie als Vorstand für diese Maßnahme haben, macht mir auch Spaß, weil jetzt haben wir für Kleßen-Görne einen Sendemast."

"Den Handyempfang kann ich nur mit einem Wort beschreiben. Und das fängt mit 'S' an."

Fernsehkameras filmen Andreas Scheuer
Die Reporter sichern sich im extra aufgestellten Festzelt die beste Sicht auf Bundesminister Andreas Scheuer, den Telekom-Vorstand Walter Goldenits und den Bürgermeister von Kleßen-Görne

Wie schlecht der Handyempfang in der havelländischen Gemeinde bisher wirklich war, berichtet eine Anwohnerin Motherboard am Telefon – natürlich übers Festnetz: "Das kann ich nur mit einem Wort beschreiben. Und das fängt mit 'S' an." Sie könne schon telefonieren, aber dafür müsse sie die richtigen Stellen suchen: "Manchmal renne ich übers Grundstück und halte das Handy in die Luft, um zu gucken, wo Empfang ist. Wenn man angerufen wird, ist das natürlich blöd."

"3, 2, 1, Netz für Kleßen-Görne"

Bundesminister, Telekomvorstand, Bürgermeister drücken auf eine Laptop-Taste
Gemeinsam erlösen Bundesminister, Telekomvorstand, Bürgermeister und andere die Kleßen-Görner vom schwachen Netz

Einige Einwohnerinnen haben es in das weiße Zelt am Rande eines Ackers geschafft und können Andi Scheuer, ihrem Bürgermeister und Telekomvertretern dabei zuzuschauen, wie sie zusammen den Funkmast anschalten: "3, 2, 1, Netz für Kleßen-Görne", zählt Scheuer runter, Knopfdruck! Für Fragen von Einheimischen bleibt keine Zeit, stattdessen drängeln sich die Medienmenschen um die weißen Stehtische mit den weißen Hussen. Die Fotografen und Fotografinnen wollen gute Bilder schießen. Ein großer, roter Knopf hätte wohl eine bessere Symbolkraft gehabt als eine Taste auf einem kleinen Laptop.

Andreas Scheuer posiert am Funkmast
Der Funkmast wird besichtigt, die wichtigen Männer dieses Tages nehmen ihre Posen ein

Es bleibt keine Zeit für die bereitstehenden Häppchen und Törtchen, jetzt wird der Funkmast bestaunt.

Der mobile Mobilfunkmast ist nichts für die Ewigkeit

Er wird nicht ewig stehen, denn er ist kein herkömmlicher Mast. Er ist ein mobiler Mobilfunkmast in einem Container, so wie man sie auch als zusätzliche Versorung bei Festivals aufstellt. Innerhalb von nur 14 Tagen sei ein richtiger, stationärer Mast nicht machbar gewesen, sagt Scheuer. Aber warum eigentlich nur 14 Tage? Das erklärt Scheuer nicht und es verwundert. Denn dass die Telekom einen neuen Mast im Havelland errichten will, ist seit spätestens Anfang Mai bekannt. Seit mehr als zwei Monaten.

Dass man es plötzlich so eilig hatte, nach jahrelanger Tatenlosigkeit einen temporären Container aufs Feld zu bringen, muss andere Gründe haben. Genau wie die recht ungewöhnliche Aktion, einen Bus voller Journalisten für einen einstündigen Landbesuch nach Brandenburg zu kutschen.

Journalisten auf der Busfahrt nach Brandenburg
Mit vielen Interessierten von Web, Funk und Fernsehen startet der Reisebus gegen 12 Uhr Mittags vom Bundesverkehrsministerium nach Kleßen-Görne

Einen Tag nach dem feierlichen Sendebeginn in Kleßen-Görne startet der Mobilfunkgipfel, zu dem sich Netzbetreiber und Länder hinter verschlossenen Türen im Verkehrsministerium versammeln. Worüber sie dort reden ist nicht bekannt und es entsteht leicht der Eindruck, als wüssten die Beteiligten es selbst nicht. "Wir haben ja noch ein paar Stunden Zeit", sagt Scheuer, als ihn auf der Busfahrt ein Journalist nach der Agenda fragt. Goldenits von der Telekom ergänzt trocken, es werde um Mobilfunk gehen.

Dass ausgerechnet Kleßen-Görne und nicht eines der zahlreichen anderen Dörfer in einem deutschen Funkloch sich am Mittwoch über so viel Aufmerksamkeit freuen durfte, liegt offenbar an einer Kombination von Hartnäckigkeit und Glück. Bürgermeister Joachim Tessenow muss an diesem Tag immer wieder erzählen, wie die Gemeinde die Aufmerksamkeit der Bundespolitik erlangte: Das dänische Fernsehen habe ihn auf seinem Hof besucht. "Dann haben die den Beitrag ausgestrahlt und berichtet, dass Deutschland beim Mobilfunk hinter Kasachstan an 60. Stelle ist." Darüber sei dann auch in Japan berichtet worden.

Deutschland ist beim Mobilfunkausbau Schlusslicht in der EU

Heuballen an der Landstraße
Die Landschaft auf dem Weg von Berlin nach Kleßen-Görne erinnert an einen Bildschirmschoner von Windows XP

Laut einer Erhebung der EU-Kommission hatte Deutschland 2017 die schlechteste 3G-Versorgung aller untersuchten Länder. Die LTE-Versorgung erreicht demnach zwar 96,5 Prozent aller deutschen Haushalte, aber auch das sind 1,5 Prozent weniger als beim Durchschnitt der EU-Länder. Der Eindruck, dass man am abgelegensten See in Schweden – LTE-Abdeckung 100 Prozent – Netflix übers mobile Internet schauen kann und schon in manchen Randbezirken Berlins nicht mehr in hinnehmbarer Zeit die Verkehrsauskunft aufrufen kann, trügt nicht.

Sabine Thiedig gehört das Schloss Kleßen, zu dem auch ein Hotel gehört. Der Schlossgarten ist weit über die Grenzen des Ortes bekannt, Feriengäste reisen auch aus dem Ausland an. Und die hätten wenig Verständnis für den schlechten Empfang, der sogar geschäftsschädigend sei: "Für geschäftliche Tagungen war es geradezu abstoßend, dass man hier kein Netz hat, da müssen ja auch mal Daten hin- und hergeschoben werden. Im 5-Sterne-Bereich erwarten Gäste natürlich, dass das klappt." Tagungen buche fast niemand mehr bei ihr.

Sabine Thiedig besitzt ein Schloss in Kleßen Görne
Einwohner und Einwohnerinnen von Kleßen-Görne berichten bei dem Event von ihrem Leiden der letzten Jahre. Hier Sabine Thiedig vom Schloss Kleßen

Nicht nur für die in Kleßen-Görne ansässigen Betriebe ist das ein Problem: "Alle reden von Landflucht, dabei könnte man auch Leuten hier in der Region ermöglichen, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber ohne Empfang kann man auch kein Home Office machen", sagt Thiedig. Jetzt freue sie sich darauf, den Handyempfang bei ihren Gästen bewerben zu können.

Die Internetgeschwindigkeit aus der Leitung ist weiterhin katastrophal

Das Internet aus dem Kabel tröpfelt unterdessen weiterhin langsam vor sich hin. "Wenn man eine Seite aufruft, kommt oft gleich: 'Kann nicht geladen werden.' Dann hat man irgendwann keine Lust mehr", berichtet eine Anwohnerin Motherboard. Thiedig kann das bestätigen, auch sie verliere schonmal die Geduld beim Surfen. Bürgermeister Tessenow versucht auch das zu lösen, sagt er. Die Gemeinde hofft auf Mittel aus dem Breitband-Förderprogramm des Bundes. Das sollte eigentlich kein Problem sein, das Geld ist da. Aber es kommt nur langsam bei denen an, die es brauchen.

Der Bügermeister Joachim Tessenow
Der Bürgermeister von Kleßen-Görne nimmt das Signal im Vorfeld des Mobilfunk-Gipfels und die ungewohnte Aufmerksamkeit dankend an

"Oft musste ich mich ins Auto setzen und versuchen, meine Mitarbeiter irgendwo zu finden."

Von den über 689 Millionen Euro, die im Jahr 2017 vom Bund bereitgestellt wurden, vergab das Verkehrsministerium am Ende nur 22 Millionen Euro. Grund dafür war auch eine mangelnde Zusammenarbeit mit den Ländern, denn der Bund fördert nicht den kompletten Betrag, der für einen Ausbau notwendig ist. Außerdem stellten die komplizierten Förderbedingungen eine hohe bürokratische Hürde gerade für kleine Gemeinden dar. Verkehrsminister Scheuer hat das Programm, das ihm sein Vorgänger Alexander Dobrindt hinterlassen hat, neu aufgelegt. Ob es dadurch schneller geht, wird sich noch zeigen. Tessenow gibt sich optimistisch.

Landwirt Dietmar Plate
Für den Funkmast hat Landwirt Plate einen Teil seines Grundstücks zur Verfügung gestellt

Am Mittwoch freuen sich erstmal alle über den Funkmast. Der Landwirt Dietmar Plate hat für den Mast einen Teil seines Grundstücks zur Verfügung gestellt und hofft, dass der einige seiner Probleme nun löst. Für ihn sei es fast unmöglich gewesen, mit seinen Mitarbeitern auf den Feldern zu kommunizieren und mal schnell eine Absprache zu treffen, erzählt er gegenüber Motherboard. "Oft sind die Gespräche einfach abgerissen und ich musste mich dann ins Auto setzen und versuchen, meine Mitarbeiter irgendwo zu finden."

Wer kein Telekom-Kunde ist, hat Pech gehabt

Monitor mit
Die Telekom sagt Danke, die Telekom-Kunden aus Kleßen-Görne auch

Dem mobilen Mast soll ein richtiger folgen, mit Fundament und allem, sagt Landwirt Plate. Dafür wartet die Telekom jetzt auf die Baugenehmigung. Und dann ist da noch die Frage: Was machen eigentlich die Dorfbewohner, die keinen Telekom-Handyvertrag haben? Bei denen kriechen die Bits nach wie vor mit Schneckengeschwindigkeit vor sich hin.

Bürgermeister Tesserow sieht das pragmatisch: "In Kleßen-Görne haben die meisten sowieso keine Verträge, sondern Prepaid-Karten." Ein Vertrag, den niemand nutzen kann, hätte sich auch kaum gelohnt. Da sich das jetzt wohl ändern wird, kann die Telekom auf ein paar neue Kunden zählen.

Reste des Buffets
Am Ende ist das Buffet gegessen und die Press sitzt wieder im Bus

Und die anderen Dörfer ohne Empfang? "Es geht vor allem darum, ein Signal zu setzen, dass der Wille der Politik und auch der Anbieter da ist, die Mobilnetze von den weißen Flecken zu befreien", sagt Scheuer. Ein Signal kommt in Kleßen-Görne jetzt vielleicht an. Auch in Berlin, denn die Erfolgsbilder für den Mobilfunk-Gipfel sind gemacht. Die Bewohner und Bewohnerinnen von Schwenow, Pfaffendorf, Diensdorf-Radlow und vielen anderen Gemeinden müssen weiter warten.

Ein bisschen Hoffnung macht Scheuer aber schon, zumindest den Journalisten im Bus: "Wir wollen solche Fahrten jetzt öfters machen, damit sie mal aus der Hauptstadt rauskommen. Vielleicht fliegen wir dann ja auch mal mit dem Flugtaxi irgendwohin." Ein flächendeckender Breitbandausbau würde die Anwohner und Anwohnerinnen wohl mehr begeistern.

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