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BaladnaFM kämpf mit Radioprogramm gegen den tödlichen Kriegsalltag in Syrien

Nachdem er aus seiner Heimat vertrieben wurde, gibt Monis Bukhari der syrischen Bevölkerung mit seinem Radiosender aus dem Exil Überlebenstipps für den Alltag im Bürgerkrieg.

Der Alltag der Menschen in Syrien hat sich längst zu einem realen Alptraum entwickelt. Syrische Aktivisten versuchen auf vielen Wegen ihren Landsleuten zu helfen die Grauens dieses nun schon über drei Jahren währenden Bürgerkriegs zu bewältigen und ihren Alltag im verheerenden Ausnahmezustand zu meistern.

Einer dieser Alltagshelfer ist Monis Bukhari. Er ist Fotograf und Journalist aus Damaskus und in Syrien selbst aufgrund seiner Berichterstattung über die herrschenden Zustände zum Tode verurteilt. Mit viel Engagement und Entschlossenheit will er die Situation in seinem Heimatland verbessern und gründete dafür den Radiosender BaladnaFM, der mittlerweile mit fast 100 ehrenamtlichen Mitarbeitern zwischen Amman und Amsterdam die syrische Zivilgesellschaft durch den Krieg begleitet.

Viele kleine Transmitter navigierten die Menschen aus Homs in Sicherheit

Dabei ist der Internetsender, der seine Programme über Youtube, Soundcloud und Voscast verbreitet, auch selbst Angriffen ausgesetzt ist. Die Syrian Electronic Army, eine Vereinigung von circa 20.000 regimetreuen Hackern attackiert regelmäßig Assad-kritische Webseiten und versucht die Stimmen der Kritiker mundtot zu machen.

Zur Zeit wohnt Monis in Berlin und organisiert als Chef von BaladnaFM das Radioprogramm von Deutschland aus. Wir wollten ihn natürlich treffen, um seine Geschichte zu hören, in die er ohne Umschweife direkt einstieg.

Motherboard: Warum bist du heute in Berlin und nicht in Syrien?

Monis Bukhari: Ich kann nicht nach Damaskus zurückkehren, weil ich dort als Spion verurteilt bin. Auf mich wartet in Syrien die Todesstrafe. Ich arbeitete als Journalist für die Los Angeles News. Im April 2011 bekam ich Drohungen vom Regime damit ich aufhöre über die Tatsachen in Syrien zu schreiben, einen Monat später wollten sie mich dann aufspüren und verhaften.

Ich versteckte mich also drei Wochen lang, bevor ich Damaskus illegal Richtung Beirut verließ. Doch dort war es auch gefährlich für mich, ich konnte die Straße in der ich wohnte nicht verlassen, da die Hisbollah mich sonst gefunden hätte. Es fühlte sich an wie ein Gefängnis und ich floh weiter nach Jordanien, wo ich dann zwei Jahre blieb, bis ich schließlich nach Berlin ging. Heute darf ich nicht einmal mehr nach Jordanien zurückkehren.

Motherboard: War es einfach einen Radiosender aufzubauen?

Ich wollte eigentlich schon in Beirut einen Radiosender aufbauen, doch der Libanon erteilte mir keine Lizenz, weil sie mich nicht beschützen konnten. Also versuchte ich es in Jordanien. Doch dort wollten sie mehr als 100.000 Euro Registrierungsgebühr, womit mir die Finanzierung meines Plans unmöglich wurde.

In Zypern hätte ich einen Radiosender gründen können, doch auf Grund der großen Entfernung zu Syrien war das Signal war zu schwach. In der Türkei wurde mir das gleiche gesagt wie im Libanon: ich hätte die Erlaubnis bekommen, doch mir kann kein Schutz zu meiner eigenen Sicherheit gewährt werden. Da wir den Sender in Grenznähe zu Syrien aufbauen wollten, um das Signal weit ins Landesinnere hinein zu schicken, bestand das Risiko, dass Bombenangriffe auf die Radiostation ausgeübt würden.

Monis Bukhari von BaladnaFM bei unserem Treffen in Berlin.

Monis Bukhari bei unserem Treffen in Berlin. Foto: Gergana Petrova

Wie ging es dann weiter?

Ich behielt meine Wohnung in Jordanien und verwandelte sie in einen Arbeitsplatz für Aktivisten. Ich bin Mitgründer der Organisation Syrian Charta und schließlich beschlossen wir, das Projekt online zu starten, da es einfach keine Möglichkeit gab einen UKW-Sender an der Grenze von Syrien zu stationieren.

Das gesamte Jahr während ich permanent auf der Flucht war habe ich mich weiterhin an den revolutionären Aktionen beteiligt, in Artikeln darüber berichtet und meine Verpflichtungen in der Koalition und dem Rat der syrischen Opposition wahrgenommen. Irgendwann ließ ich all das hinter mir, um mich auf das Radioprojekt zu konzentrieren, und es Wirklichkeit werden zu lassen.

Warum ist das Radio das beste Medium in der aktuellen Situation in Syrien?

Ich glaube, dass das Radio das effektivste Medium ist, um die meisten Menschen zu erreichen. Die syrische Gesellschaft ist durch das Regime, die Opposition und die Revolution gespalten. Es gibt nicht genügend Elektrizität und Internetempfang, denn wegen des Kriegs wurde das Internet und der Fernsehempfang durch die Regierung zerstört. Die einfachste Möglichkeit mit den syrischen Bürgern und Kämpfern zu kommunizieren ist das Radio, das sie mit kleinen Geräten oder Telefonen hören können. Sie benötigen nur eine Batterie dazu, keinen Strom und müssen während des Zuhörens auch nicht am selben Ort verweilen.

Bekommt ihr Feedback von den Hörern?

2012 geschah etwas, was uns ermunterte, weiter zu machen. Wir brachten viele kleine Transmitter in Homs, in der Mitte von Syrien, an, um die Menschen in der Stadt aus den Kämpfen und dem Krieg heraus in sichere Straßen zu leiten. Das war eine sehr erfolgreiche Aktion und ich bekam in Amman Telefonanrufe aus Homs, in denen mir die Menschen für den Service dankten und mir Informationen über weitere sichere Orte gaben, die wir im Radio verbreiten können. Viele entkamen auf diesem Wege den Kämpfen und gelangten in Sicherheit.

Monis während einer Produktion für BaladnaFM.

Monis während einer Produktion für BaladnaFM. Bild: Monis Bukhari

Wie sieht das Programm eures Senders aus?

Wenn du das Programm hörst, dann sind die Inhalte vor allem kurze Nachrichten, die ständig wiederholt werden. Es sind Hinweise dazu, wie du dich bei Bombenangriffen verhälst und gebrochene Beine oder anderen Verletzungen versorgst. Was tust du bei Wasserknappheit oder fehlender Stromversorgung.

Manchmal erzählen wir auch, wie die Leute sich online schützen können und eine sichere Internetverbindung herstellen, doch die meiste Zeit geht es darum physisch und psychisch zu überleben, gesund zu bleiben. Die Menschen sind verzweifelt und wissen vor allem nicht, wie sie mit ihren verängstigten Kindern umgehen sollen.

Verhaftet und getötet—wegen ein paar Kindermalereien.

Die Kinder leiden am allermeisten in dieser Situation und die Eltern wissen oft nicht, was sie tun sollen. Wenn Kinder zum Beispiel das Essen verweigern, haben sie oft schlichtweg große Angst und können daher nicht essen, sprechen oder spielen.

Wie könnt ihr als Radiosender den Kindern zu helfen?

Wir arbeiten in unserem Team mit Experten, die Menschen dazu beraten und unterstützen. Wir lassen die Kinder Bilder malen durch die sie uns erzählen, was sie fühlen und brauchen. Durch diese Bilder geben die Kinder ohne Worte auf ehrliche Weise ganz viel über sich preis. Anhand dieser Informationen können wir den Eltern helfen, mit ihren Kindern besser umzugehen.

Wie verhält sich die Regierung dabei?

Erst vor kurzem verhafteten sie fünf Aktivisten, die an diesen Workshops für Kinder arbeiteten. Um die Bilder aus Syrien herauszubekommen mussten wir sie schmuggeln, das ging nicht auf legalem Weg. Bei dieser Aktion wurden zwei Mitglieder unseres Teams verhaftet und umgebracht—wegen ein paar Malereien von Kindern. Die Regierung behandelt uns wie Feinde und alles, was wir machen ist schlecht und muss gestoppt werden.

BaladnaFM spricht zu den Syrern als ein Volk. Für uns gibt es keine Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Gruppen. Sie sind alle Syrier und müssen eine Weg finden, in diesem Land zu leben. Wegen der Mosaikstruktur kannst du das Land nicht aufspalten. Die Bevölkerung ist sehr gemischt. Die Leute müssen also herausfinden, wie das Land vor diesem Regime aussah und versuchen auf eine normale Art miteinander zu leben.

Wie wehrt ihr euch gegen Angriffe der Pro-Assad-Hacker der Syrian Electronic Army (SEA)?

Die Baladna-Webseite wurde bis jetzt zweimal gehackt und wir mussten sie neu aufbauen. Seitdem haben wir viel dazu gelernt über Open Source-Sicherheitssoftware und welche Webserver für uns sicher sind. Unsere Seite liegt auf einem Server, der die Inhalte in Echtzeit spiegelt, damit sie jederzeit wiederhergestellt werden können. Wir vom Team der Syrian Charta halten auch permanent Ausschau nach den Aktivitäten der SEA und beobachten die Wege, die sie einschlägt.

Was ist deine persönliche Geschichte, die dich bei diesem Engagement antreibt?

Meine Familie ist sehr gemischt. Wir sind Moslems, Christen und Buddhisten in ein und derselben Familie. Während meiner gesamten Kindheit konnte ich keine Unterschiede in diesen Denkweisen und Glaubensrichtungen sehen. Das Regime möchte seine Macht durch die Trennung und Kategorisierung der Menschen festigen.

Mit 16 Jahren verliebte ich mich in eine Christin, eine Maronitin. Maroniten können keine Moslems heiraten, das ist strikt verboten. Nachdem wir vier Jahre zusammen waren, beschlossen wir, dass es unmöglich für uns ist, so weiterzuleben. Sie zog dann nach Argentinien, um der Situation in Syrien zu entkommen.

Jetzt habe ich eine Tochter, die in einem besseren Syrien aufwachsen soll ohne Hass, ohne komplizierte Vorschriften und ohne Rassismus. Sie lebt mit ihrer Mutter in Damaskus und wir mussten uns trennen, weil ihre Familie das Regime befürwortet. Die Menschen dürfen sich nicht durch Glaube, Religion oder Rassismus voneinander abspalten, denn am Ende des Tages sind das alles nur Gedankenkonstrukte, damit ist keiner geboren. Sie sind nicht genetisch festgelegt.

Jetzt lebst du in Berlin und arbeitest von hier für BaladnaFM. Warum gehst du nicht zurück nach Amman?

Ich habe versucht, nach Jordanien zurück zu kehren, aber ich wurde nicht in das Land gelassen. Die Organisation für die ich hier gearbeitet habe, das MICT, das auch ein Projekt für Netzwerk syrischer Radiomacher hat, fragten den syrischen Botschafter nach einer Lösung und er sagte ihnen, es wäre unmöglich für mich, nach Jordanien einzureisen. 

Warum ist es unmöglich?

Zum einen bin ich Syrer und zweitens bin ich Journalist. Schon als ich das erste Mal in Jordanien einreiste wurde ich am direkt Flughafen für sechs Tage inhaftiert. Das sollte ein klares Zeichen dafür sein, was mich in Jordanien erwarten würde. 

Wenn du mit dieser Kamera in Syrien erwischt worden wärst, hätten sie dich eingesperrt.

Das zweite Mal wurde ich vor meinem Haus verhaftet. Sie meinten jemand wäre dort gewesen, der jetzt Waffen nach Syrien verkauft und sie wollten mehr darüber herausfinden. Sie kamen einfach und inhaftierten mich für eine Nacht. Danach entschuldigten sie sich und sagten, sie hätten sich vertan.

Bist du noch öfter verhaftet worden?

Das dritte Mal hatte ich meine Kamera dabei als ich durch die Straßen spazierte. Sie fanden es auffällig, dass ein Syrer solch eine große Kamera trägt und beschuldigten mich der seltsamsten Dinge. Sie sagten ich sei eine terroristische Gefahr, steckten mich in eine sehr dreckige, leere Gefängniszelle und nahmen mir alle meine Sachen weg. Als ich fragte, warum ich inhaftiert war, antworteten sie mir: „Wenn du mit dieser Kamera in Syrien erwischt worden wärst, hätten sie dich eingesperrt." Ich sagte: „Ja." Und sie antworteten: „Siehst du."

Ich habe versucht, Jordanien als meine Heimat zu akzeptieren, aber sie akzeptierten mich nicht. Darum musste ich gehen.