Wenn magnetische Kopfhörer-Implantate zur Cyborg-Altersvorsorge werden

Wir haben mit dem 34-jährigen Rich Lee über sein Leben mit In-Ear-Kopfhörern und die nächsten von ihm geplanten Cyborg-Aufrüstung gesprochen.

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24 Oktober 2014, 7:00am

Alle Bilder: Rich Lee. Verwendet mit freundlicher Genehmigung.

Früher glaubte Rich Lee an Religion. Heute glaubt er an Wissenschaft und Technik. Mit Mitte 20 begann der Bio-Hacker seine Erlösung nicht mehr in den Heilsversprechungen der Kirche, sondern in der Technologie zu suchen. In 50er Jahre Pop-Sci-Magazinen seiner Oma fand er die Art von Paradies, auf das er bis heute mit seinen Grinder-Projekten hin arbeitet: 200 Jahre alt werden, Familien-Urlaube auf dem Mond und Jetpacks. „Irgendwann merkte ich dann, dass ich die Realisierung dieser Zukunftsvisionen selbst in die Hand nehmen muss", erzählte mir Rich Lee in einem E-Mail-Interview über sein Konzept der Cyborg-Aufrüstung.

Bekannt wurde der 34-Jährige durch die selbstgebauten Implantate in seinen Ohren, die ihm Musikhören ohne Kopfhörer ermöglichen. Dafür ließ er sich kleine Magnete in die knorpelige Stelle vor dem Gehöreingang (den Tragus) einsetzen, die als Empfänger und Lautsprecher fungieren. Die Signale kommen dabei von einer mit einem Abspielgerät verbundenen Spule, die Lee unter seinem T-Shirt trägt. Die Spule erzeugt ein magnetisches Feld, das die Implantate zum Vibrieren bringt und so den Sound ans Ohr weitergibt. Um die Lautstärke aufzudrehen muss er die Spule einfach nur näher an seine Magneten halten—oder die Magneten mit den Fingern tiefer in die Ohren drücken.

Der Magnetengnubbel in Lees Ohr. Alle Bilder: Rich Lee. Verwendet mit freundlicher Genehmigung.

Lee gibt zu, dass die Soundqualität bei weitem nicht so gut wie bei herkömmlichen Kopfhörern ist—das durfte Motherboard auch schon beim Test der Implantate des Berliner Cyborgs Stefan Greiner erleben. Doch für Rich Lee sind die Implantate keine bloße Spielerei, sondern sowohl eine individuelle Vorsorgemaßnahme als auch Ausdruck seines allgemeinen Cyborg-Ethos. Vor einigen Jahren hat er den größten Teil seiner Sehfähigkeiten auf dem rechten Auge über Nacht verloren, und er hofft nun, dass ihm die Implantate einmal dazu dienen werden, sich mit Echolot zu orientieren. So könnte er sich seine Selbstständigkeit bewahren, wenn er auf dem linken Auge erblindet (wofür medizinisch ein große Wahrscheinlichkeit bei ihm besteht).

Als ich merkte, dass meine Fantasien in absehbarer Zeit nicht realisiert werden, beschloss ich die Dinge selbst zu machen.

Inzwischen lebt Lee seit über einem Jahr zufrieden mit seinen Implantaten. Für die Zukunft möchte er zunächst die Probleme mit der Lautstärke lösen und hofft darauf, irgendwann alle Komponenten des Systems implantiert zu haben. Obwohl das Projekt noch nicht perfekt funktioniert, kann er jedem Cyborg-Interessierten, der die Möglichkeiten eines getragenen Audio-Interfaces erleben will, den Eingriff nur empfehlen. 

Auch wenn Lee in einer kleinen Stadt in Utah lebt, sieht er sich selbst als Teil der globalen Grinder-Bewegung. Deren Mitglieder haben sich der Idee des Transhumanismus verschrieben und legen selbst an sich Hand an, um die Grenzen ihres Körpers technisch zu erweitern und zu überwinden. Lee möchte das Wissen, das er sich mit seinen Projekten über die Jahre angeeignet hat, auch teilen. Dafür tauscht er sich mit anderen Grindern in, wenn er schon nicht persönlich vor Ort mit den lokalen Bio-Hacker-Zellen, wie den Pittsburghern von Grindehouse Wetware oder auch dem Berliner Cyborg e. V. arbeiten kann.

Hauptberuflich ist Lee auch heute noch im Bereich Sales tätig. Einen wissenschaftlichen oder technischen Hintergrund hat er nicht. Für seine Kopfhörer-Implantate hat er sich einfach bei einer relativ einfachen im Web kursierenden Anleitung bedient—nur dass er einen Schritt weiter ging und sich die Magnete gleich implantierte, anstatt sie sich, wie vorgesehen, nur in die Ohren zu stecken. 

Biologische Schweißdrüsen Hacks und Penis-Implantete zur Sexoptimierung

Natürlich hat Rich Lee seine Entwicklung als Bastelanleitung über das H+ Magazin wiederum selbst öffentlich gemacht, um sie anderen Grindern zur Verfügung zu stellen. Ich habe mit ihm über seine Utopien der Selbstaufrüstung und Implantate gegen Überwachung gesprochen, und ihn gefragt, was er nach seinen Kopfhörern noch so alles mit seinem Körper vorhat.

Motherboard: Wie bist du von den utopischen Zukunftsversionen aus Wissenschaftsmagazinen zum Grinding gekommen?

Rich Lee: Früher lag mein fundamentale Denkfehler in meinem Glauben und Vertrauen in andere Menschen. Das unterschied sich eigentlich gar nicht von dem Glauben, den ich zuvor in Gott hatte. Irgendwann wurde mir klar, dass jeglicher Glaube eine falsche Tugend ist. Es war eine Sünde gegen mich selbst - unterbewusst dazu bestimmt einem Individuum Trost zu spenden.

Das geistige Bild das ich von meinem zukünftigen Ich hatte, beinhaltete kybernetische Implantate, exotische Arten der Transportation und komplizierte Gentherapien. Ich war der Meinung, dass ich irgendwann einfach in einen Laden gehen und diese Sachen kaufen könnte. Als ich erkannte, dass diese Fantasie in absehbarer Zeit unrealistisch war, beschloss ich, dass ich viele Dinge wohl selber machen muss.

Denkst du, dass das Interesse an Themen wie Biohacking und Grinding in nächster Zeit zunehmen wird?

Kinder und Leute im College-Alter lieben meine Implantate. Ich habe große Hoffnung in die jüngere Generation. Menschen in meinem Alter reagieren eher unangenehm berührt. Sie verstehen es nicht. Sie mögen keine Abweichungen von der Norm. Alles über was sie reden möchten ist Football, Rentenpläne und Lokalpolitik. Sehr wenige Menschen in meiner Gemeinde wissen überhaupt, wer ich bin. Sobald ich aber in größere Städte reise, erkennen mich die Menschen und begrüßen mich auf der Straße. Zu Hause bin ich unsichtbar.

An welchem Projekt arbeitest du gerade?

Zurzeit arbeite ich an einem Implantat das nahegelegene Transmitter aufspüren kann. Mir geht es hier vor allem darum, um mich herum auftretende Radiofrequenzen zu erforschen. Es kann allerdings auch dazu genutzt werden, versteckte Mikrophone und Kameras zu finden. Ein Spion würde so ein Implantat vielleicht mögen.

Hast du noch andere Ideen für Transplantate, an denen du nicht konkret arbeitest?

Ich interessiere mich für alles, was meine Sinne erweitern und verändern kann. Alles womit ich die Welt außerhalb unserer biologischen Wahrnehmung spüren kann. Ich würde gern meine Audio-Implantate verbessern und um weitere Funktionen erweitern. 

Eine andere Idee von mir ist ein Nasen-Implantat, das Luft filtern, erhitzen und kühlen kann. Damit könnte man seine innere Körpertemperatur verändern, so dass wir mitten im Winter nackt in unserem Haus sitzen könnten, ohne es beheizen zu müssen.

Ein Projekt mit dem ich mich schon seit Jahren auseinandersetze ist der Lovetron900. Das ist im Grunde genommen ein Vibrator, der im Penis implantiert wird und Sex besser machen wird. 

Es gibt auch viele biologische Hacks, wie zum Beispiel die Bakterien in Schweißdrüsen zu manipulieren, so dass man anfängt nach Wassermelone zu riechen, sobald man schwitzt. Oder eine Gen-Therapie die die Augen zum Leuchten bringt, sobald man wütend wird.

Ich habe noch viele andere Ideen. Ehrlich gesagt sind das viele zu viele, um sie dir jetzt alle aufzählen zu können.

Redaktionelle Mitarbeit: Theresa Locker.