Mit Virtual Reality gegen Traumata

Studien belegen, dass als Trauma verdrängte Erinnerungen mit dem Erleben einer außerkörperlichen Wahrnehmung zusammenhängen.

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11 März 2014, 1:13pm
Bild: 807MDSC/Flickr

Bei Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörung gelingen therapeutische Durchbrüche meist dann, wenn der Patienten es schafft in Ruhe über seine Erlebnisse zu sprechen. Unglücklicherweise können sich die Betroffenen in einigen Fällen aber gar nicht an die Details erinnern. Mit Hilfe von Virtual Reality-Anwendungen versuchen Wissenschaftler nun ein besseres Verständnis für die Gründe zu entwickeln. Und vielleicht können sie die Technologie in Zukunft sogar dazu einsetzen, traumatische Erlebnisse im Gedächtnis des Opfers wieder herzustellen.

Wenn etwas Traumatisches passiert fühlen sich viele Menschen dissoziiert von ihren Körpern. Oft berichten Patienten, dass sie ihre Erlebnisse wie eine aussenstehende Person beobachtet. Dieses Gefühl ist auch von Patienten mit den unterschiedlichsten psychischen Krankheiten bekannt und viele berichten auch, sich nicht wirklich daran zu erinnern, was während dieser Erlebnisse passierte.

Das Militär experimentiert bereits mit dem Gebrauch virtueller Realitäten als Therapieform zur Wiedererweckung von Traumata und Studien der University of Southern California und der John Hopkins University bestätigten ebenfalls die Möglichkeiten solch einer Behandlung. Doch bis heute gab es keinen vernünftigen Weg, exakt herauszufinden, warum Menschen mit PTBS unter Gedächtnisschwund leiden. Eine neue Studie, die in Prosceedings of the National Academies of Science veröffentlicht wurde, zieht nun in Erwägung, dass es wohl unmöglich ist, Erinnerungen während einer außerkörperlichen Wahrnehmung zu kreieren.

Henrik Ehrsson vom schwedischen Karolinska Institut entwarf ein Experiment, bei dem 84 Studenten an einem Quiz teilnahmen, das von einem exzentrischen, alten Professor präsentiert wurde. Die Hälfte der Studenten nahmen den Test in ihren „eigenen Körpern“ wahr, die andere Hälfte beobachteten die Situation aus einer künstlichen Distanz: Die Virtual Reality-Brille präsentierten ihnen den Test als würden sie in dem Raum mit dem Professor wie in einer Fernsehshow sitzen.

Eine Woche später wurden die Studenten an eine Maschine für funktionelle Magnetresonanztherapie (fMRI) angeschlossen und wurde nach ihren Erfahrungen während des Tests befragt—es ging nicht speziell um Fragen und Antworten, sondern um Gefühle während der Untersuchung, die Handlungen des Professors und den Ablauf der Geschehnisse.

Obwohl keiner der 84 Teilnehmer unter einer psychischen Störung leidet, konnte sich die Gruppe, mit der „außerkörperlichen Wahrnehmung“ an nahezu nichts erinnern.

„Personen mit einer ausgeprägten psychischen Störung, fühlen sich nicht in ihrem Körper lokalisiert und haben Erinnerungsprobleme“, erzählt Ehrsson. „Es sieht so aus als wäre es zumindest ein Teil des Problems, dass diese dissoziierten Momente mit einem assoziierten Sinn verknüpft sind, der die Welt in einer geschwächten Weise erleben lässt.

Ehrsson erklärt, dass die fMRI-Scans in beiden Fällen eine erhöhte Aktivität im Stirnhirnlappen der Studenten anzeigten. Das ist der Teil des Gehirns, der für Erinnerungen zuständig ist. Zusätzlich konnte bei denjenigen, die von einer außerkörperlichen Wahrnehmung berichteten, eine sehr geringe Aktivität im Hippocampus festgestellt werden, dem Ort, wo episodische Erinnerungen gespeichert sind. Offensichtlich werden die „out of body“-Erinnerungen woanders abgelegt, was auch beweist, warum ein Wiederherstellen der Erlebnisse so wichtig für deren Behandlung ist.

Aus diesem Grund sind therapeutische Applikationen der virtuellen Realität so vielversprechend. Wenn wir traumatische Zustände auf eine sichere Art wiederherstellen können, würden Patienten diese möglicherweise besser verarbeiten. Zur Zeit ist es noch zu früh um zu sagen, ob daraus neue Behandlungsmöglichkeiten für psychische Störungen entstehen, aber die Resultate sind ein wichtiger Schritt in Richtung eines besseren Verständnisses der Gehirntätigkeiten bei außerkörperlichen Wahrnehmungen.

„Wir wissen nicht, ob die Außerkörperlichkeit die Erinnerungen im Moment ihrer Entstehung dauerhaft schädigt“, sagt Ehrsson. Wenn dem so ist, sind die Erinnerungen verloren. Aber die Forscher nehmen an, dass die Erinnerungen, die in einem out-of-body-Zustand hergestellt werden nur wiederbelebt und auf eine unkonventionelle Weise abgelegt werden müssen: „Wir interessieren uns dafür, ob ein neues Erleben dieser außerkörperlichen Illusionen dazu genutzt werden kann, trotz posttraumatischer Verhaltensstörung, ein Ereignis auf normalem Weg zu erinnern.“