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Eine Woche billige Klickarbeit machte mich zum digitalen Lumpenproletarier

Meine Karriere als Crowdworker hat mir einen maximalen Stundenlohn von vier Euro und einen dystopischen Einblick in die digitale Arbeiterschaft von morgen eingebracht.

Sebastian Strube

​Der Autor bei der Klickarbeit. Bild: Sebastian Strube

Digitalisierung und Hyperkapitalismus globalisieren nicht nur unseren Freundeskreis, sondern bescheren uns auch neuartige Formen der Lohnarbeit. In den letzten Jahren entwickelte sich im Netz ein unterbezahltes Klickproletariat, in dem sich der Arbeiter selbstverantwortlich gegen eine große unbekannte Konkurrenz von Mikro-Jobbern abschuftet. 

Als Karl Marx der globalen Arbeiterschaft zurief: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch", meinte er damit sicher nicht den massenhaften Log-In auf Plattformen wie Mechanical Turk. Die Masse der klickenden Crowdworker verkauft hier eigenverantwortlich als Freelancer ihre Produktivkraft und steht gleichzeitig in einem gnadenlosen Job-Wettbewerb zueinander. Trotz der theoretischen Möglichkeit einer digitalisierten Vernetzung erscheint jede Aussicht auf Solidarität hier weiter entfernt als je zuvor.

Ich habe mich in die Masse der vielen zehntausend aktiven Klickarbeiter eingereiht und mich eine Woche an einer Karriere in der kalten spätkapitalistischen Wunderwelt von Mechanical Turk und Clickworker versucht.

Die Entstehung des digitalen Proletariats

​November 2005: Amazon stellt eine neue Website ins Netz. Sie heißt Mechanical Turk und soll ein ganz bestimmtes Problem lösen: Seit Kurzem verkauft der Onlinebuchhändler nämlich auch CDs. Da Amazon 2005 schon ein Gigant im Onlinehandel ist, geht es dabei nicht nur um ein paar CDs, sondern um Hunderttausende—und diese Angebote müssen ganz schnell ihren Weg auf die Webseite finden. Die Herausforderung dabei: Jemand muss überprüfen, ob die Cover jugendfrei sind, ob alle Liedtitel richtig angezeigt werden, ob die Sänger- und Komponistennamen stimmen. 

Ein Computer aber kann nicht sagen, ob ein Bild jugendfrei ist. Ein Computer weiß auch nicht, ob der Name eines, sagen wir, indischen Sängers, richtig vom CD-Cover abgetippt wurde. Nur ein Mensch kann das erkennen und zwar innerhalb von Sekunden. Allerdings müsste man verdammt viele Menschen einstellen, um ein paar hunderttausend CDs schnell zu überprüfen. Amazons Lösung, auf die angeblich Amazon-Gründer Jeff Bezos höchstpersönlich kam: Outsourcing. Aber nicht in ein Dritte-Welt-Land, sondern in die digitale Welt: Also Crowdsourcing.

Die Website www.mturk.com funktioniert ganz einfach. Amazon bietet dort Aufgaben an, sogenannte HITs (Human Intelligence Task). Jeder kann sich anmelden und gegen Geld diese Jobs im Internet abarbeiten. Allerdings ist die Bezahlung eher gering: Zwei bis neun amerikanische Cent gibt es in der Regel für einen kleinen HIT.

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Mittlerweile nutzen Firmen und Arbeiter aus der ganzen Welt die Seite. Nach Angaben von Amazon sind im Moment 500.000 Personen aus 190 Nationen bei Mechanical Turk angemeldet.

Teil der Crowdworking-Gesellschaft zu werden ist gar nicht so einfach. Auf meine aus Deutschland abgeschickte Bewerbung bei Amazons Mechanical Turk kommt folgende Antwort-Mail: „Leider müssen wir dir mitteilen, dass wir dir nicht erlauben können, auf Mechanical Turk zu arbeiten. Die Kriterien, nach denen wir entscheiden, sind nicht öffentlich, also können wir dir nicht sagen, warum du abgelehnt wurdest." Auf Nachfrage sagt Amazon, dass man nur noch Menschen aus Ländern außerhalb der USA aufnimmt, wenn es akuten Bedarf gibt. Auch aus Ländern des globalen Südens, wie zum Beispiel Indien, zieht sich Merchanical Turk inzwischen de facto immer mehr zurück. Man befürchtet wohl steuerliche und rechtliche Probleme.

Der Eignungstest

Aber kein Problem, es gibt ja genug deutsche Crowdworking-Seiten. Die größte Firma heißt Clickworker und gebietet über eine Crowd von 500.000 Menschen. Ein Drittel davon kommt aus Deutschland, ein Drittel aus Nord- und Südamerika und ein Drittel aus dem Rest von Europa.

Bei Clickworker klappt die Anmeldung. Nach Angabe meiner persönlichen Daten, und einer SMS-Verifizierung meiner Handynummer, die meine Identität wenigstens halbwegs eindeutig klärt, muss ich mich erst mal zu meinen beruflichen und sonstigen Kenntnissen äußern. Zumindest die Rubrik Erotikinhalte lässt spannende Aufträge erwarten, als Profi in diesem Bereich will ich mich lieber nicht ausgeben, aber Hobby kann ich aus Neugierde ja mal anklicken.

Gleich loslegen kann ich mit der Arbeit allerdings nicht. Bevor ich schuften darf, muss ich mich erst mal einem Test unterziehen:

83 Prozent, das klingt eigentlich nicht schlecht, irritierend nur, dass 40 Prozent meiner Clickworker-Kollegen besser sind. Mit einer Wertung von 80 Prozent kann ich im Moment nur sehr wenig machen, lediglich für eine großes Onlinekaufhaus darf ich Texte über Handtaschen schreiben:

Bevor ich mich an Handtaschen wage, will ich erstmal einfache Jobs erledigen. Also: E-Mail Adressen recherchieren. Fünf Cent gibt es pro Adresse.

Auf der Webseite einer großen japanischen Energiebehörde suche ich seit fünf Minuten verzweifelt nach der richtige Adresse. Weitere zwei Minuten später finde ich sie. Nachdem ich zehn Adressen zusammengesucht habe, also 50 Cent verdient habe, schaue ich auf die Uhr. Fast 40 Minuten sind vergangen. Mein erster Stundenlohn liegt unter einem Euro. Da hilft es mir auch nicht, dass in der Arbeitsbeschreibung deutlich darauf hingewiesen wird, dass man auf keinen Fall mehr als drei Minuten recherchieren darf. Selbst wenn ich nur zwei Minuten pro Adresse brauche, komme ich auf maximal 1,50 Euro die Stunde.

Mein erster Stundenlohn: Weniger als ein Euro

Die Bezahlung für einfache Crowdworking-Jobs ist nicht nur bei Clickworker erbärmlich. Es gibt jedoch keine verlässlichen Statistiken, die aussagekräftigsten Daten liegen noch über Amazon Mechnical Turk vor. Das klickende Proletariat muss sich teilweise mit zwei bis drei Dollar die Stunde zufrieden geben. Erfahrene Turker aus den USA, die teilweise Vollzeit bei Mechanical Turk arbeiten, verdienen zwischen sieben und neun Dollar die Stunde. 

Die Powerturker, wie sie sich selbst nennen, orientieren sich laut einer Studie des Xerox Research Center Europe von 2014 vor allem am US-Mindestlohn. Dieser liegt bei im Moment bei 7,80 Dollar. Die Powerturker stellen nur etwa 20 Prozent der Arbeitskräfte bei Mechanical Turk, erledigen aber 80 Prozent der Arbeit. So erreichen Facharbeiter unter den Turkern in etwa ein Jahresgehalt von 15.000 Dollar. Viele andere Crowdworker, die weniger Zeit in die Arbeit bei Mechanical Turk investieren können oder nicht über die gleichen Erfahrungswerte verfügen, haben ein deutlich niedrigeres Jahreseinkommen.

Die meisten Zahlen über den Verdienst der Turker liegen aus den USA vor; über das Einkommen von Turkern in anderen Ländern gibt es leider kaum Erkenntnisse. Vor allem in Indien gibt es eine große Anzahl an diesen Mikro-Jobber, sie arbeiten grundsätzlich zu den gleichen Konditionen wie die Amerikaner. David Martin kennt Power-Turker in Indien, die etwa 10.000 Dollar im Jahr verdienen. In Indien ein gutes Gehalt, mit dem der Turker einen Drei-Generationen-Haushalt anständig ernähren kann.

In Deutschland kalkulieren die Crowdworking-Seiten mit einem Stundenlohn von etwa acht Euro. Mit Google-Jobs, wie ich sie bisher gemacht habe, schafft man das aber sicher nicht. Das bringen nur Schreibjobs ein.

Mein Aufstieg zum Handtaschenautor

2,10 Euro soll ich für 150 Wörter über eine Handtasche von Marc O'Polo kriegen, der Text wird als Produktbeschreibung auf der Seite einen großen Kaufhauses erscheinen. Zwanzig Minuten brauche ich für den ersten Text, für den zweiten noch 15 Minuten. Schon jetzt merke ich, der wichtigste Satz als professioneller Akkordlohn-Handtaschenbeschreiber lautet:

„Die drei Innentaschen, von denen eine mit einem Reißverschluss verschließbar ist, sorgen für Ordnung in der Tasche." 

Dieser Satz stimmt nämlich bei 90 Prozent aller Handtaschen, lässt sich einfach immer wieder kopieren und er hat immerhin 16 Worte. Willst du vier Handtaschen-Texte in der Stunde schaffen, um auf einen Stundenlohn von 8, 40 Euro zu kommen, sind solche Sätze Gold wert. Jetzt muss ich nur noch warten, ob meine Texte angenommen werden.​

Vermeiden sie solch schablonenhafte und stilistisch unschöne Phrasen.

Werden Sie nicht. Der Marc O'Polo Text kommt mit der Anmerkung zurück, dass ich den Firmennamen falsch geschrieben habe. Stimmt, heißt ja Marc O'Polo und nicht Marco Polo. Wer ist eigentlich auf diese dämliche Schreibweise gekommen? Aber gut, sowas ist schnell verbessert. Also den Namen neu und zurückgeschickt. Dann kommt der Hinweis für den zweiten Text. Der ist ein Tritt in die Magengrube:

Ehrlich gesagt, ich bin sauer. Wie soll ich denn 150 Worte in 15 Minuten über ein Produkt schreiben, von dem ich nur ein Foto und eine extrem dürftige Produktbeschreibung habe, ohne Floskeln zu verwenden? Das geht einfach nicht, außer, ich lasse mich zum Handtaschen-Beschreiber ausbilden. Zähneknirschend versuche ich dem Text noch einmal zehn Minuten lang mehr Inhalte abzuringen. Jetzt recherchiere ich sogar schon bei Wikipedia, wofür man als Clickworker eigentlich absolut keine Zeit hat. Nach weiteren zehn Minuten schicke ich den Text weg.

Mittlerweile sollte der Marc O'Polo Text eigentlich fertig redigiert sein, aber der nächste Ärger ist bereits im Anmarsch: Mein Werk wurde abgelehnt, endgültig! Begründung: „viele lexikalische und inhaltliche Wiederholungen".

Was verdammt nochmal sind "lexikalische Wiederholungen"? Davon stand kein Wort in der letzten Kritik. Die Folgen dieser Ablehnung sind ganz einfach: Ich habe umsonst gearbeitet. Für den Text an dem ich immerhin 25 Minuten gesessen habe, viel zu lange, bekomme ich keinen Cent. Einspruch erheben kann ich auch nicht mehr. Irgendwo in den Untiefen der Clickworker-Seite gibt es eine Möglichkeit, mich zu beschweren, aber für 2,10 Euro lohnt sich das ganze natürlich nicht. In der Zeit, die ich für die Beschwerde benötige, habe ich auch zwei weitere Handtaschentexte geschrieben. Mein Stundenlohn ist mittlerweile allerdings wieder weit entfernt vom gesetzlichen Mindestlohn, im Moment liege ich eher bei vier Euro.

8 Euro Stundenlohn als Clickworker-Karriereziel

Das einzige Trostpflaster ist der kleine graue Pfeil im Ablehnungsfeld. Er zeigt mir an, dass wenigstens mein Rating nicht gesunken ist. Ich falle also nicht unter die magische 80 Prozent-Marke, bei der ich überhaupt keine Texte mehr schreiben darf. Ich spüre sogar einen Anflug von Glück, denn der vorher so harsch kritisierte Text ist durch. 2,10 Euro sind mein. Ich spüre tatsächlich so etwas wie Erleichterung und sogar Stolz. Absurd für jemanden, der beruflich eigentlich fast jeden Tag Texte schreibt, aber ich kann nicht anders. Auch mein Rating ist durch diesen und andere Texte mittlerweile auf 87 Prozent gestiegen. Simple psychologische Tricks, aber sie funktionieren.

Auf einmal tauchen auf meinem Bildschirm Anfragen für SEO-Texte auf, die man erst ab einem 85 Prozent-Rating bearbeiten darf. Hier muss der Online-Worker schnell zuschlagen, denn die Jobs sind offensichtlich recht beliebt und schnell wieder weg. Langsam denke ich, ja, wenn ich jetzt noch zwei Wochen lang jeden Tag mehrere Stunden hier arbeiten würde, könnte ich wahrscheinlich acht Euro in der Stunde verdienen. 

Mit Gemeinschaft hat die Crowd beim Crowdworking allerdings nichts zu tun. Jeder ist hier auf sich gestellt und versucht selbst die besten Jobs für sich zu krallen. Auch Journalismus oder gar Schriftstellerei gehören in eine andere Welt. Hier geht es um Content-Produktion im Akkord. 

Wer die acht Euro in der Stunde haben will, muss schon verdammt gut sein und ist immer noch den recht willkürlichen Bewertungen der Korrektoren ausgesetzt. Soziale und rechtliche Absicherung gibt es sowieso nicht—wenn die digitale Arbeiterschaft von Morgen nach den Methoden von Clickworker oder Mechanical Turk schuftet, dann sieht ihre Zukunft eher ungemütlich aus.

Und dann wäre da noch der Nerv-Faktor von Big Data: Seit meiner Arbeit für Clickworker wird mir online nun ständig Handtaschen-Werbung eingeblendet. Meine eigenen Texte werden mir als Werbung unter die Nase gerieben. Ich will wirklich keine Handtaschen mehr sehen, vor allem keine von Marc O'Polo.