Anti-Depressions-Apps haben mich erst so richtig fertig gemacht

"Das Glück ist wie ein Schmetterling" – in diesem Moment wollte ich mein Handy am liebsten zerschmettern, während ich zusammengekauert unter dem Schreibtisch hockte.

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11 Dezember 2017, 10:00am

Bild: imago 

Eine der schlimmsten Nächte meines Lebens wird mir tagtäglich in Erinnerung gerufen – und zwar durch ein paar Apps auf meinem Smartphone. Dabei sollten die eigentlich genau das Gegenteil bewirken.

Alles begann mit einer Push-Benachrichtigung von der Therapie-App 7 Cups:

"Das Glück ist wie ein Schmetterling. Wenn du es greifen willst, gleitet es dir durch die Finger. Aber wenn du dich ruhig hinsetzt, kommt es vielleicht von alleine zu dir."

Ich erinnere mich an den genauen Wortlaut dieser Nachricht, weil ich mich in diesem Moment in einer absoluten Ausnahmesituation befand: Ich saß gerade zusammengekauert unter einem Schreibtisch in der Lobby eines verdunkelten Motels in Las Vegas. Wenige Minuten zuvor hatte in unmittelbarer Nähe eine Schießerei stattgefunden.

Es war der 1. Oktober 2017. Wir hatten uns in Las Vegas getroffen, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern und wollten im Mandalay Bay Casino ein paar Drinks nehmen. Als wir uns gerade hingesetzt hatten, eröffnete ein Mann 32 Stockwerke über uns das Feuer aus seinem Hotelfenster. An diesem Abend starben 58 Menschen, Hunderte wurden verletzt.

In dem Durcheinander rannten meine Freunde und ich zu einem nahegelegenen Motel und suchten dort Schutz. Wir verbarrikadierten uns unter dem Empfangsschalter und starrten gebannt auf einen kleinen Fernseher: Wir sahen Bilder von dem Kugelhagel auf die Menschenmasse, der wir gerade noch so nah gewesen waren. "Das Glück ist ein Schmetterling"? In diesem Moment wollte ich mein Handy am liebsten an der billigen Holzvertäfelung zerschmettern.

Am nächsten Tag, nachdem meine Freunde und ich es zurück in unsere Airbnb-Wohnung geschafft hatten, meldete sich die nächste App bei mir: Daylio, ein digitales Tagebuch. Ich hatte die App vor der Reise heruntergeladen und sie erkundigte sich nach meinem Befinden. Ich antwortete wahrheitsgemäß: "Schrecklich. Habe gerade eine Massenschießerei miterlebt."

Screenshot Daylio

An dem Tag nach der Schießerei brach ich zu einem lange geplanten Solo-Trip durch die kalifornische Wüste auf. Ich beschloss, die Selbsthilfe-Apps zu behalten, egal wie nervig ihr ständiges Pingen und die Push-Nachrichten mir auch erschienen. Ich wollte testen, ob sie mir dabei helfen konnten, das gerade Erlebte zu verarbeiten.

Wie viel Hilfe steckt in den Selbsthilfe-Apps?

Noch nie waren so viele Apps zur psychologischen Selbstoptimierung auf dem Markt wie heute. Sie sollen Nutzern dabei helfen, ihr eigenes Wohlbefinden zu verfolgen und zu optimieren. Einige der Angebote stützen sich auf wissenschaftliche Methoden und besitzen nachweislich das Potenzial, das Leben positiv zu verändern. Viele andere sind jedoch aufgeblasener Bullshit – und im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv, was eine gesunde Psyche angeht.

Kurz vor meiner Reise hatte ich ein halbes Dutzend dieser Apps installiert. Ich wollte eine These überprüfen: Der Markt ist bereits mit Selbsthilfe-Apps gesättigt, die vorgeben, Menschen mit psychischen Krankheiten tatsächlich helfen zu können. Es gibt Studien, die besagen, dass eine exzessive Smartphone-Nutzung unsere mentale Gesundheit gefährdet. Ich ging daher davon aus, dass es nicht gerade förderlich sein würde, Ängste und Probleme in weiteren digitalen "Communities" über das Smartphone zu bekämpfen.

Bereits vor dem traumatisierenden Ereignis in Las Vegas hatte ich also gemischte Gefühle gegenüber dem digitalen Therapeuten in meiner Tasche – und die sollten sich während meiner Reise noch verzehnfachen.

Zugegeben: Obwohl die penetrant fröhlichen Fragen und freundlichen Erinnerungen der Apps mir meistens unangemessen und nervig erschienen – in einigen Momenten spendeten sie mir auch Trost. Während ich den Vorfall in Las Vegas verarbeitete, beruhigten mich die Meditationssitzungen von 7 Cups; egal ob in gerade im Hotelzimmer, Wohnwagen oder Mietauto saß. Über meine psychische Verfassung führte ich auf den Tagebuch-Apps Daylio, Pacifica und Glow Buch – obwohl ich mich noch nicht bereit fühlte, mich wieder bei meiner Therapie-App Talkspace einzuloggen oder mit meinen Freunden über das Erlebte zu reden.

Die Interaktion mit anderen Nutzern ist ein wichtiger Bestandteil vieler Therapie-Apps, die oft mit Pinnwänden oder Chat-Funktionen ausgestattet sind. Fehlender sozialer Rückhalt und Isolation können Auslöser für Depressionen und Angstzustände sein. Daher kann die Möglichkeit, sich über eine App mit anderen auszutauschen, ein wichtiges Hilfsmittel darstellen.

Auch Cai Kingston hat mit einer solchen App, dem PTSD Coach , positive Erfahrungen gemacht. PTSD Coach wurde vom US-Ministerium für Kriegsveteranen für Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickelt. Kingston benutzt die App bereits seit einem Jahr. Er sagt, dass er vor allem die wöchentliche Evaluierung von Symptomen sinnvoll findet. Sie helfe ihm dabei, seinen Heilungsprozess nachzuvollziehen. Außerdem nerve die App ihn nicht mit ständigen Push-Nachrichten. Er kann die App nutzen, wie und wann er möchte – zum Beispiel dann, wenn er wütend ist und dieses Gefühl als PTSD-Symptom erkennt. Dann holt er sich von der App Ratschläge, wie zum Beispiel mal kurz an die frische Luft zu gehen, oder nutzt sie zum Meditieren.

"Für mich ist es genau das Richtige, denn abgesehen von der Erinnerung an die wöchentliche Evaluierung geht die Interaktion mit der App immer von mir aus", schreibt mir Kingston in einer E-Mail. "Ich rufe die App auf, wenn ich es möchte. Sie bedrängt mich aber nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, eine App zu nutzen, die mich die ganze Zeit damit nervt, dass ich Wasser trinken oder meine Wäsche waschen soll. Das wäre für mich die pure Reizüberflutung."

Wenn der Druck durch ständige Push-Nachrichten noch verstärkt wird

Amber Discko, eine Social-Media-Managerin aus Hillary Clintons Wahlkampfteam, leidet bereits ihr ganzes Leben an Depressionen und Angstzuständen. Da die zahlreichen Lifestyle-Apps ihr nicht das bieten konnten, was sie suchte, entwickelte sie kurzerhand eine eigene Anwendung.

"Ich suchte im Appstore nach einer App, die mir dabei helfen würde, mein Leben in den Griff zu bekommen", schrieb Discko mir per E-Mail. "Am Ende fühlte ich mich überfordert, enttäuscht und hatte Gewissensbisse, weil ich ständig vergaß, die Apps zu benutzen. Am Ende gab ich die Suche auf. Ich merkte, dass ich niemals das finden würde, wonach ich suchte. Da stand fest, dass ich einfach selber eine App entwickeln musste – für mich und für andere, die sie brauchen."

So entstand Aloe , eine App, bei der die Nutzer Erinnerungen selbst nach ihren eigenen Bedürfnissen einstellen können. Sie können sich beispielsweise daran erinnern lassen, regelmäßig Wasser zu trinken oder Tagebuch über ihre Gefühle zu führen. Für Menschen mit schweren Depressionen können diese einfachen Erinnerungen echte Lebensretter sein.

Die permanente Dauerbefeuerung mit Ratschlägen und Erinnerungen wollten Discko und ihr Team bewusst vermeiden. "Wir haben festgestellt, dass genau die Art von Nachrichten wirklich hilfreich sind, die sanft und anregend statt aggressiv und fordernd wirken", sagen sie.

"Wir wissen, dass es Menschen schwer fällt, unliebsame Gedanken zu unterdrücken", erklärte mir Josh Magee, ein Psychologieprofessor von der Miami University in Ohio. "In vielen Fällen versuchen die Apps diese Gedanken aktiv zu unterdrücken, was dazu führen kann, dass man erst recht über die Dinge nachdenkt, über die man eigentlich nicht nachdenken möchte. Das kann sich dann zu einer Art Teufelskreis entwickeln."

Wenn ich mir heute meine eigenen Einträge in den Therapie-Apps anschaue, stelle ich fest, dass ich damals viel gelogen und somit den Sinn der Apps von vornherein ausgehebelt habe. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich mich schrecklich fühlte und meine Reise allein so gar nicht genießen konnte. Einem echten Therapeuten hätte ich niemals so einfach ins Gesicht lügen können.

Diese Erinnerungen stammen aus einem Nachmittag im November | Bild: Screenshot

Mein erster Versuch mit einer Therapie-App endet damit, dass ich meine Therapeutin ghoste

Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich bereits mit einer großen Portion Skepsis in meinen einmonatigen Selbstversuch gestartet war. Denn ich wusste damals schon, dass ich nicht besonders selbstdiszipliniert bin, noch nicht mal wenn ich mich vor einer echten Person verantworten muss.

Das hatte ich im August auf die harte Tour gelernt, als ich bereits einen ersten Versuch mit einer Therapie-App startete. Es endete damit, dass ich meine virtuelle Therapeutin ghostete.

Damals nutzte ich zum ersten Mal Talkspace, eine der vielen kostenpflichtigen Apps, die ihren Nutzern eine individuell zugeschnittene Therapie auf dem Smartphone versprechen. Das Prinzip ist simpel: Man beantwortet ein paar Fragen, wird einem zugelassenen Therapeuten zugeordnet und in einen Chatroom aufgenommen, der 24 Stunden am Tag zugänglich ist. Da meine Krankenversicherung die Kosten für eine Gesprächstherapie nicht abdeckt, die in New York City für Selbstzahler gut und gerne 170 Euro die Stunde kosten kann, versuchte ich meine Ängste mit einer App in den Griff zu bekommen.

Meine erste virtuelle Therapeutin war an sich völlig in Ordnung – aber unsere Kommunikationsstile passten einfach nicht zusammen. Da Talkspace sehr viel Wert auf Kundenfeedback legt, hätte ich ihr das auch einfach sagen können. Aber zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich bereits überfordert, verunsichert und emotional ausgelaugt – genau die Gründe, aus denen ich eigentlich Hilfe gesucht hatte. Darum beantragte ich in der App nur still und heimlich einen Therapeutenwechsel.

Ein paar Stunden später schickte mir meine virtuelle Therapeutin eine Nachricht im Chat: "Hallo, ich habe gesehen, dass du gerne den Therapeuten wechseln möchtest – darf ich fragen, warum?"

Die Nachricht von meiner virtuellen Therapeutin brachte mich völlig aus dem Konzept | Bild: Screenshot

Sofort schoss mein Adrenalin in die Höhe, als ob ich gerade eine Nachricht von einem gekränkten Ex erhalten hätte. Ihre simple Frage stürzte mich in tiefe Schuldgefühle. Ich antwortete ihr nicht. Ich komme nicht mal mit dieser einfachen Chatroom-Therapie klar, ohne sie zu sabotieren, dachte ich und schaltete mein Smartphone für den Abend aus.

Warum immer mehr Menschen zum digitalen Therapeuten greifen

Ich erzählte Magee, dem Psychologieprofessor, dass mein erster Versuch mit Talkspace nach hinten losgegangen war. Er schätzt, dass in den USA etwa 15 Prozent der Bevölkerung an irgendeinem Punkt im Leben an einer Angststörung leiden und noch viel mehr Menschen deutliche Symptome von Angstzuständen zeigen. Doch es gibt nicht genug Spezialisten, um alle Menschen zu behandeln. Viele Menschen schrecken außerdem davor zurück, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil damit einerseits hohe Kosten verbunden sein können, andererseits auch noch immer gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Menschen bestehen, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen. An dieser Stelle kommen die Therapie-Apps ins Spiel.

Für Deutschland schätzt die WHO die Zahl der Menschen mit Angststörungen auf 4,6 Millionen. 4,1 Millionen leben außerdem mit Depressionen. 2011 stellte eine Studie der Bundespsychotherapeutenkammer fest, dass Leute im Durchschnitt drei Monate auf ein Erstgespräch warten müssen.


Auf Broadly: Wie einsame Menschen über Apps virtuelle Beziehungen führen


Nicht jede App kann auch die Hilfe bringen, die sie verspricht. Apps, die Nutzer ohne professionelle Unterstützung ihre eigene "Diagnose" stellen lassen, können die Symptome sogar noch verschlimmern. Viele Menschen nutzen das Smartphone sowieso schon als Fluchtmechanismus: Es macht es ihnen leichter, den Problemen im echten Leben aus dem Weg zu gehen. Die meisten Therapie-Apps sind, genauso wie Social-Media-Portale, so konstruiert, den Nutzer durch wohldosierte Likes und Kommentare an sich zu binden.

Seichte Lebensweisheiten statt echte Ratschläge

Als ich gerade einen Satz für diesen Artikel schreibe, blinkt eine Nachricht von Daylio auf meinem Smartphone auf. "Wie war dein Tag?", lautet die Frage – wie jeden Tag. Ich gebe ein halbherziges "bäh" ein, schließe die App und öffne stattdessen Twitter. Eine Stunde später meldet sich die nächste App, 7 Cups. Auf iTunes liest sich die Eigenbeschreibung der App so: "Online-Therapie für Angst und Depressionen". Sie bietet Chat-Sessions mit "Zuhörern" und Achtsamkeitsübungen an. Außerdem hat man die Möglichkeit, sich mit anderen Nutzern der App auszutauschen. Die Benachrichtigung enthielt ein nichtssagendes Zitat darüber, dass ich meine Flügel ausbreiten sollte.

An diesen Apps störte mich nicht nur, dass sie ständig meine Aufmerksamkeit forderten. Viele von ihnen sind außerdem sehr oberflächlich und können ernsten Problemen nur Binsenweisheiten entgegensetzen. Magee sagt, dass der Markt für digitale Therapieangebote so undurchsichtig und unerforscht ist, dass es für Konsumenten sehr schwer ist, zwischen sinnvollen und nutzlosen Anwendungen zu unterscheiden.

Fazit: Ich möchte dringend mit einem Therapeuten über Therapie-Apps reden

Bei dem Versuch, die passende App für meine psychischen Probleme zu finden, fühlte ich mich genauso wie im Casino in Las Vegas: Alles um mich herum blinkt bunt und schreit nach meiner Aufmerksamkeit, während ich einfach nur nach einem Weg suche, der mich nach draußen an die frische Luft und in Sicherheit bringt.

Die Apps, die ich installiert hatte, konnten mir weder während noch nach dieser Ausnahmesituation helfen. Natürlich entwickelt kein App-Anbieter ein digitales Tagebuch, das speziell an die Bedürfnisse nach einer Schießerei angepasst ist, das erwarte ich auch gar nicht. Aber die meisten Selbsthilfe- und Therapie-Apps fordern sehr viel Eigenverantwortung von ihren Nutzern ein – und ich bin nicht sicher, ob man das von jemandem, der in einer psychischen Krise nach Hilfe sucht, erwarten kann.

Meinem seelischen Wohlbefinden wird es zumindest gut tun, die Apps wieder von meinem Smartphone zu löschen. Vielleicht finde ich dann auch einen echten Therapeuten, mit dem ich über diese Erfahrung reden kann.

Bei Depression oder akuten Selbstmordgedanken gibt es zahlreiche Stellen, die professionelle Hilfe anbieten und helfen, das eigene Leid zu lindern. Die Hotlines sind Tag und Nacht erreichbar.