Wo zum Teufel treibt sich Putin auf seinen Urlaubsfotos rum? Ein biogeographisches Experiment

Harpunenfischen im See, Pilze suchen mit dem Verteidigungsminister – Russlands Präsident hatte scheinbar einen sehr aktiven Sommerurlaub. Wir haben die Bilder mit den vereinten Kräften von Zoologen, Botanikern und Naturforschern unter die Lupe genommen.

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Aug. 22 2017, 12:24pm

Bild: imago | Alexei Nikolsky

Anfang August veröffentlichten die russischen Staatsmedien verschiedene Fotos und ein Video, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Urlaub zeigen. Statt sich am Strand zu sonnen oder eine Runde Golf zu spielen, präsentiert sich der Kreml-Chef gewohnt aktiv und oft mit freiem Oberkörper. Putin fährt Boot, er schwimmt und scheint sich generell prächtig in der Natur zu amüsieren. Obwohl hinter diesen Bilder vermutlich eine sorgfältig geplante Propaganda-Kampagne steckt, nahmen Medien auf der ganzen Welt die Bilder dankbar auf.

Russland stand in der Vergangenheit wiederholt wegen Desinformationskampagnen in der Kritik, ich schaute mir die Bilder also mit einer gehörigen Portion Misstrauen an. Daher kontaktierte ich Sue Jansen, Professorin für Medien und Kommunikation am Muhlenberg College, um herauszufinden, ob ich paranoid geworden war.

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"Das sind wohl kaum Schnappschüsse", urteilt Jansen. "Diese Bilder wurden für die Kamera inszeniert, um Hyper-Maskulinität und körperliche Fitness zu demonstrieren. Sie haben fast schon mythische, gottesähnliche Elemente, die an altgriechische Figuren erinnern."

Wenn die Bilder also tatsächlich sorgfältig inszeniert wurden, um Putin als griechischen Gott darzustellen, wie weit würde Russland dann gehen, um diese unterschwellige Botschaft zu verkaufen? Angeblich fand Putins Urlaub Anfang des Sommers in Sibirien, genauer gesagt in der Republik Tuwa, statt – aber stimmt das überhaupt?

Ich bin Biologe von Beruf und beschloss, die Bilder einmal genau unter die Lupe zu nehmen und nach biogeographischen Kriterien auszuwerten. Die Biogeographie befasst sich mit der Verbreitung und Entwicklung von Tier- und Pflanzenarten – sollte sich in Putins Bildern also Flora oder Fauna verstecken, die in Sibirien nichts zu suchen haben, wäre das ein Hinweis darauf, dass das gesamte Fotoshooting eine Farce war.

Ein Fisch weckt mein Misstrauen

Als erstes nahm ich mir ein Foto vor, auf dem der leichtbekleidete Putin seinen offenbar großen Fang in die Kamera hält: einen grünlichen Fisch mit dunklen Streifen und leuchtend orangefarbenen Flossen. Dieses Bild war mir sofort ins Auge gesprungen, da mich der Fisch sehr an den Amerikanischen Flussbarsch erinnerte, den ich selbst in meiner Kindheit in New York oft geangelt habe. Das irritierte mich.

Bild: imago | Alexei Nikolsky

Dazu muss man wissen, dass Fische die perfekten Studienobjekte für Biogeographen sind. Da Fische weder in neue Gebiete laufen oder fliegen können, ist ihr momentaner Aufenthaltsort in der Regel durch historische Entwicklungen entstanden. Wie konnte es also sein, dass Putin in Sibirien den gleichen Amerikanischen Flussbarsch angelte, den ich als Kind in New York gefangen hatte?

Ich fand jedoch schnell heraus, dass der Amerikanische Flussbarsch (Perca flavescens) einen nahen Verwandten in Russland hat, den eurasischen Flussbarsch (Perca fluviatilis), der seinem amerikanischen Verwandten zum Verwechseln ähnlich sehen. Dieser Fall war also abgeschlossen.

Auch wenn sich mein Verdacht mit dem Amerikanischen Flussbarsch nicht bewahrheitet hatte, hatte mich der kleine Fisch auf eine Idee gebracht: Wenn ich alle Tierarten in Putins Urlaubsfotos identifizieren würde, könnte ich auch ihr geographisches Vorkommen bestimmen. Und genau an dem Punkt, an dem sich die Verbreitungsgebiete der verschiedenen Arten überschneiden, musste Putin sich aufgehalten haben. Wenn die offizielle Geschichte stimmte, dann müsste dieses Gebiet Republik Tuwa heißen. Ich vermute, dass auch die CIA Analysten hat, die sich mit solchen Fragen beschäftigten, aber die Agenten haben bis heute nicht auf meine Anfrage zum Thema reagiert.

Die Tierwelt kann übrigens nicht nurHinweise auf einen geographischen Aufenthaltsort liefern. Viele Arten ändern ihre Verhaltensweise oder sogar ihr Aussehen, wenn sie sich gerade in der Paarungszeit befinden. Sollte also einer der Fische in den Bildern gerade am Laichen sein, könnte das Aufschluss darüber geben, wann Putin sie geangelt hat.

Diese Analyse verlangte nach einer zweiten Expertenmeinung, daher holte ich den befreundeten Fisch-Ökologen Dr. Solomon David ins Boot. Er bestätigte, dass ich den Flussbarsch korrekt identifiziert hatte und gab mir einen wichtigen Hinweis: Da der Fisch bei Sportanglern sehr beliebt ist, wird er inzwischen auch außerhalb seiner natürlichen Umgebung angesiedelt. Somit lässt sich nur sehr schwer sagen, wo dieser Fisch gefangen wurde.

Bild: imago | Alexei Nikolsky

Solomon konnte außerdem den armen Fisch identifizieren, den der speerschwingende Putin angeblich zwei Stunden lang unter Wasser gejagt hatte: Es handelt sich um einen Hecht ( Esox lucius). Dieser geschickte Räuber ist nicht nur in Russland weit verbreitet, sondern auch in ganz Europa und Nordamerika zuhause. Daher gibt auch er keinen nützlichen Hinweis auf Putins Aufenthaltsort.

Schließlich konnte Solomon auch Aufschluss über den dritten Fisch auf den Bildern geben, ein recht unscheinbarer silberfarbener Fisch, der von Putins Angel baumelt. Solomons Meinung nach handelt es sich um eine Arktische Maräne ( Coregonus autumnalis), eine weitere Fischart, die sowohl in Sibirien, Alaska und Kanada weit verbreitet ist. Nachdem Solomon also all meine Hoffnungen zerstört hatte, Putins Aufenthaltsort über die Fische eingrenzen zu können, versetzte er mir den biologischen Todesstoß: Offenbar befand sich keiner der Fische gerade in der Paarungszeit, daher lässt sich auch nicht viel über den Zeitpunkt der Aufnahmen sagen.

Bild: imago | Alexei Nikolsky

Was ist das für Grünzeug in Putins Brusttasche?

Da mir die Fische also nicht weiterhelfen konnten, wandte ich mich nun den Pflanzen und Bäumen in den Bildern zu. Eine ziemlich harte Nuss, da verwandte Arten sich so ähnlich sehen, dass auch Spezialisten die Pflanzen für gewöhnlich vor sich haben müssen, um sie fundiert analysieren zu können. Die Aufgabe wurde noch erschwert, da sich viele Pflanzen nur anhand ihrer Früchte eindeutig identifizieren lassen, doch die Flora in den Bildern stand gerade nicht in Blüte. In meiner Verzweiflung bat ich verschiedene Botaniker um Hilfe und sie konnten mir zumindest bestätigen, dass es sich bei den Bäumen im Hintergrund um Fichten oder Tannen handelt. Diese Bäume sind typisch für Boreale Nadelwälder, auch Taiga genannt, die in Sibirien heimisch sind. Allerdings findet man dieses Ökosystem auch außerhalb von Russland, beispielsweise in Nordamerika.

Bild: imago | Alexei Nikolsky

Besonders interessierten wir uns für einen Zweig, den Putin während einiger seiner Urlaubsabenteuer in der Brusttasche spazieren trägt. Meine Botaniker-Freunde waren sich nicht einig, ob dieser Zweig von einem Blaubeerstrauch oder einem Ligusterstrauch stammte. Liguster kommen ursprünglich aus Asien, sind heute aber auf der ganzen Welt verbreitet. Blaubeer- und Ligustersträuche sind eng miteinander verwandt, und RIA Novosti schrieb ebenfalls, dass es sich um einen Zweig der Blaubeere oder Amerikanischen Heidelbeere handele. Blaubeeren sind in Russland sehr selten, doch es könnte sich auch um einen Zweig der eng verwandten Rauschbeere handeln. Die Amerikanische Heidelbeere ist, wie der Name schon sagt, eine nordamerikanische Pflanze, hat jedoch enge Verwandte auf der ganzen Welt.

Schließlich musste ich einsehen, dass wir uns mit den Pflanzen im Kreis drehten. Es war sehr unwahrscheinlich, dass sie uns dabei helfen würden, Putins Aufenthaltsort zu bestimmen.


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Meine letzte Hoffnung: Ein lustiger Pilz

Obwohl ich mich von den Fischen und Pflanzen im Stich gelassen fühlte, gab ich nicht auf. Denn es gibt da noch dieses eine Foto, auf dem sich der russische Verteidigungsminister Sergei Shoigu und Putin köstlich über einen Pilz zu amüsieren scheinen. Diese Aufnahme schickte ich der Naturforscherin Damaris Brisco, um mehr über den braunen Pilz zu erfahren. Sie musste mich jedoch enttäuschen: "Das könnte eine Variante des Steinpilzes sein. Die sind sowohl in europäischen Laubwäldern als auch Nadelwäldern weit verbreitet. Auf eine bestimmte Pilzart konnte sie sich nicht festlegen, da die Beschreibung "brauner Hut, gelbe Unterseite" auf eine ganze Reihe Steinpilze zutrifft. Ohne den vermeintlichen Steinpilz also genauer unter die Lupe nehmen zu können, entpuppte sich auch der Pilz als Sackgasse.

Bild: imago | Alexei Nikolsky

Fazit: Die Wissenschaft schläft nicht

Da es uns nicht gelungen ist, die Pflanzen in Putins Urlaubsbildern genau zuzuordnen und da die identifizierten Fischarten sehr weit verbreitet sind, konnte uns die Biogeographie leider nicht dabei helfen, Putins genauen Aufenthaltsort zu bestimmen.

Für den Moment sieht es also so aus, als ob die offiziellen Angaben des Kremls stimmen und Putin tatsächlich Urlaub in Sibirien gemacht hat. Vielleicht wird dieser Versuch Russland dazu animieren, auch in Zukunft keine Desinformationen zu streuen – jetzt, wo sie wissen, dass die besten Botaniker und Naturforscher der Welt sie ganz genau beobachten.