Wieso das erste unzensierte Erotikgame auf Steam nicht überall erscheint

Mit 'Negligee: Love Stories' testet ein ziemlich flaches Hardcore-Game die Grenzen des Erlaubten auf der größten Spiele-Plattform der Welt. Doch vor den deutschen Gesetzen scheuen die Entwickler zurück.

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19 September 2018, 11:01am

Pioniere haben es schwer, und wer das erste unzensierte Pornospiel auf der weltgrößten Spieleplattform Steam rausbringen will, muss sich auch mit Endbossen wie dem Jugendschutz und nationalen Gesetzen rumschlagen. Genau vor diesen kapitulierten nun die Verantwortlichen des britischen Dharker Studio. Ihr neues Sex-Spiel Negligee: Love Stories ist in Deutschland und 27 weiteren Ländern vorerst nicht auf Steam verfügbar. Ein Verlust für die Gaming-Welt ist das nicht, aber das nächste Kapitel einer Debatte über erlaubte und verbotene Videospiele.

Bislang mussten pornografische Inhalte und zu viel Nacktheit auf der weltgrößten Spieleplattform Steam durch schwarze Balken zensiert werden – wenn sie denn überhaupt von Steam akzeptiert wurden. Im Sommer aber lockerte das hinter Steam stehende Unternehmen Valve überraschend seine Richtlinien für neue Spiele und ebnete somit den Weg für Inhalte wie Negligee: Love Stories.

Steams Entscheidung wurde kontrovers unter Spielern und Entwicklern diskutiert. Der Vorwurf: Die Plattform legitimiere damit so manches menschen- und frauenverachtende Spiel und entziehe sich unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit der Verantwortung. Auch der aktuelle Fall von Negligee: Love Stories wirft Fragen auf: Wer entscheidet künftig darüber, welche Spiele auf Steam erscheinen? Und wie konsequent ist die Plattform, wenn es um das Filtern von grenzwertigen bis illegalen Inhalten geht?

Steam führt neue Filter für Sex-Games ein

Seit der ersten Septemberwoche gibt es bei Steam jedenfalls neue Filtermöglichkeiten. Waren Games für Erwachsene bislang nur mit einer Altersabfrage versehen, können die Nutzer und Nutzerinnen seit kurzem auch in den Einstellungen angeben, ob sie im Steam Store "nicht jugendfreie Inhalte" wie "Gewaltdarstellungen" oder "sexuelle Inhalte für Erwachsene" überhaupt sehen möchten. Wer etwas nicht sehen möchte, soll eben nicht hingucken, so lautet anscheinend die fragwürdige Strategie der Games-Plattform, die damit auch in Kauf nimmt, dass minderjährige Nutzer und Nutzerinnen mit grenzwertigen Inhalten konfrontiert werden.

Etwa mit Negligee: Love Stories. Wer auf die Store-Seite des Games klickt, bekommt einen entsprechenden Warnhinweis angezeigt: Das Spiel enthalte "Nacktheit", "homo- und heterosexuelle Beziehungen", "sexuelle Aktivitäten" sowie Themen wie "Missbrauch in der Ehe", "Seitensprünge" und "Nymphomanie".

Warnung, dass das Spiel nicht für alle Altersgruppen angemessen sein könnte
Wer das Spiel öffnet, sieht zunächst einmal diese Warnung | Bild: Screenshot | Steam

Das Spiel selbst ist sowohl von der Story als auch vom Stil her an Mangas für Erwachsene angelehnt; es ist eher eine Adult Novel zum Durchlesen als ein komplexes Spiel. Die Spieler und Spielerinnen schlüpfen nicht nur in den Unterwäscheladen mit dem kreativen Namen Negligee, sondern auch in die Unterwäsche von vier jungen Frauen. Nach ziemlich vielen ziemlich flachen Dialogen, Video-Zwischensequenzen und Multiple-Choice-Fragen entkleiden sich diese nach und nach und gelegentlich wird es dann auch etwas härter, wie Screenshots der Entwickler zeigen. Wie unser US-Kollege Mathew Gault schreibt, versuche das Spiel dabei zwar teilweise, den inneren Dialog der Frauen und weibliche Lust abzubilden. Letztlich bleibe es aber eine von Männern für Männer geschriebene Fantasie.

'Negligee: Love Stories' gibt es nicht in Irak, Russland, Uganda – und Deutschland

Ziemlich hart feierten diese Entwickler auf Steam und Twitter kurz vor der Veröffentlichung das "erste unzensierte Erotikspiel" auf Steam. Doch die Aufmerksamkeit wurde ihnen zum Verhängnis. In einem Forenbeitrag schreiben sie, dass sie das Spiel gerne weltweit unzensiert angeboten hätten. Das sei aufgrund nationaler Gesetzgebung aber nicht möglich, weshalb das Spiel unter anderem in Ländern wie Russland, Malaysia, Nigeria, Uganda und Irak nicht verfügbar sei.

Das ist besonders blöd für die Entwickler, weil das Spiel auch in Deutschland – einem der wichtigsten Märkte – nicht verfügbar ist. Die Erklärung von Dharker Studio allerdings wirft Fragen auf. In einer ursprünglichen Version des Forenbeitrags, den Motherboard als Screenshot gespeichert hat und auf den sich auch andere Medien bezogen, schrieben die Verantwortlichen, sie seien vor der Veröffentlichung des Games von der USK kontaktiert worden, also von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, die in Deutschland Videospiele überprüft. In Absprache mit den eigenen Anwälten habe man sich anschließend entschieden, das Spiel nicht für deutsche Nutzer anzubieten.

Szene aus dem Spiel 'Love Stories'
Bild: Screenshot | Negligee: Love Stories

Diese Art von Geoblocking ist auf der Plattform tatsächlich möglich: Steam überprüft den Standort von Nutzern über die IP-Adresse. Gamer könnten zwar VPN-Anbieter nutzen, um diese IP-Kontrolle zu umgehen, würden damit aber gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen und riskieren, dass Steam ihren Account sperrt.

Dharker Studio zufolge habe die USK Negligee: Love Stories aber nicht in erster Linie wegen des pornografischen Inhalts abgelehnt, sondern weil Steam keine entsprechende Altersüberprüfung anbiete: "Steam hat kein umfassendes Altersverifikationssystem für Drittanbieter in Deutschland. Daher könnte es als illegal gelten, dieses Spiel in Deutschland über Steam zu verkaufen", heißt es in dem Beitrag. Oder anders gesagt: Das Problem sei nicht das Spiel an sich, sondern Steam.

Die USK will von einer Anfrage der Sex-Game-Entwickler nichts wissen

Motherboard hat bei der USK nachgefragt, ob ihre Mitarbeiter die Entwickler von Negligee: Love Stories tatsächlich vorab kontaktiert und vor einer Veröffentlichung gewarnt hätten. Die überraschende Antwort: Eine Prüfung bei der USK sei nicht beantragt worden und das Spiel sei somit auch gar nicht geprüft worden. Und weiter: "Weder Steam, noch der Entwickler des Spiels sind ein Mitglied der USK. Die USK hat somit keinerlei Einfluss darauf, was auf der Plattform Steam für Deutschland erscheint und was nicht."

Am Dienstagabend hat Dharker Studio den Blogbeitrag aktualisiert. Die USK wird darin nun gar nicht mehr erwähnt. Stattdessen heißt es allgemein, dass es mit der lokalen Gesetzgebung in einigen Ländern Probleme gegeben habe. Die mangelnde Altersüberprüfung sei weiterhin das Problem für den Vertrieb über Steam in Deutschland. Eine Nachfrage von Motherboard bei den britischen Entwicklern, weshalb der Beitrag geändert wurde und was genau die mutmaßliche Begründung der USK war, blieb bislang unbeantwortet.


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Eine mögliche Erklärung findet sich in den "Ergänzenden Kriterien der USK für den Bereich des Jugendmedienschutz" auf der Website der Prüfstelle. Dort geht es unter anderem um Spiele, die nicht etwa auf CDs zu kaufen sind, sondern im Netz – Spiele auf Steam gehören also dazu. Demnach müssten Anbieter wie Steam sicherstellen, dass pornographische Inhalte "nur Erwachsenen zugänglich gemacht werden", was durch eine "bloße Altersfreigabe" nicht gegeben sei. Diese Regelung könnte erklären, warum Negligee: Love Stories von vornherein keine Chancen für eine Veröffentlichung in Deutschland gesehen hatte.

Deshalb geht der Streit um die Verantwortung von Steam weiter

Wie der Sprecher der USK gegenüber Motherboard erklärte, liege es "zuvorderst beim Anbieter beziehungsweise der Plattform oder dem Entwickler selbst", abzuwägen, ob ein Spiel in Deutschland veröffentlicht werden soll oder nicht und ob es die gesetzlichen Jugendschutzregeln beachtet. Was aber eben auch nichts anderes bedeutet, als dass prinzipiell jedes Spiel auf Steam erst einmal veröffentlicht werden kann – die Entwickler aber unter Umständen dann im Nachhinein in einzelnen Regionen Probleme bekommen könnten.

Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage wären: Nämlich ob Steam es verantworten muss, wenn grenzwertige oder gar illegale Spiele auf der Plattform erscheinen – oder ob Steam das Problem auf die Entwickler und regionale Gesetzgebungen abwälzen kann. Davon hängt ab, ob Steam den neuen, laxen Umgang mit umstrittenen Inhalten noch einmal überdenken müsste und eventuell gewaltverherrlichende Shooter und sexistischen Mist doch wie früher von vornherein sperrt. Egal, welchen Kurs Steam einschlägt – Negligee: Love Stories ist ein Spiel, auf das die Welt ganz sicher nicht gewartet hat, aber das den Anfang einer noch viel größeren Debatte bedeutet.

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