Alle Illustrationen von Julia Weber

Welche deutsche Nachrichtenseite verbreitet die meisten Falschmeldungen auf Facebook?

Wir haben fast 2.000 Facebook-Posts nachrecherchiert, um der Hysterie um Fake News ein paar Daten entgegenzusetzen.

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Sep. 19 2017, 10:30am

Alle Illustrationen von Julia Weber

Was ist denn da schon wieder in Dortmund los? Es ist Ende November und eine skandalöse Facebook-Meldung macht die Runde: Ein Woolworth-Geschäft "verkauft ab sofort keine Weihnachtsartikel mehr". Und warum? "Wir sind ein muslimisches Geschäft", heißt es in dem Post, der einen Artikel zu dem Thema ankündigt. Ein dicker Hund.

Man kann sich die Kommentare unter dem Post bildhaft vorstellen: Islamisierung des Abendlandes, Überfremdung, Grenzen zu, Merkel wegsperren, Höcke for President! Nur: Das Ganze stimmt so nicht.

Wie Woolworth wenig später genervt klarstellt, habe man sich wegen des schleppenden Absatzes dieser Artikel dazu entschieden, das Weihnachtszeug auf die umliegenden Filialen zu verteilen. Bei Winterjacken, die sich schlecht verkaufen, mache man das genauso, versichert eine Sprecherin gegenüber der Rheinischen Post. Kein Wort von einem Glaubenskrieg auf dem Grabbeltisch.

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Aber wer würde so einen Quatsch in die Welt setzen? Es ist kein kleiner, unseriöser Blog, sondern die deutsche Ausgabe der Huffington Post mit immerhin 647.000 Facebook-Fans. Ihr unschuldiger Claim lautet: "Die Welt ist besser als ihre schlechten Nachrichten. Wir müssen nur hinschauen". Mit 604 Shares ist die vorweihnachtliche Empörungsente die am meisten geteilte Nachricht in einer Woche. Ein voller Erfolg – zumindest für die Facebook-Performance von HuffPost. Auch im sehr kurzen Artikel wird die Falschmeldung nicht aufgelöst. Nur wenn man das Video zum Artikel anschaut, heißt es in den letzten zehn Sekunden des Clips: "Der Grund für den Weihnachtsartikel-Stopp: Nicht Religion, sondern Marktwirtschaft."

Und wo kommt dieses Zitat vom muslimischen Geschäft, das die schönen Christbaumkugeln verbannt hat, nun eigentlich her? Von "Medienberichten", heißt es im HuffPost-Artikel, der ohne jede eigene Recherche auskommt. Der Focus schreibt, die Bild hätte dieses Zitat eingesammelt. Bild dagegen hat sich diesen vermeintlichen Vorfall aber nur aus zweiter Hand von einer empörten Kundin erzählen lassen – vielleicht. Egal: HuffPost berichtet das mal eben mit Zitat in der Facebook-Copy, als hätten sie es selbst eingesammelt – wie auch weitere Medien im deutschsprachigen Raum.

Warum wir Falschmeldungen untersuchen, ohne Fake News zu sagen

Es gibt wohl kaum einen Begriff, der blitzartig einen so dramatischen Aufstieg und Fall in den Medien hingelegt hat, wie Fake News: Noch im Oktober 2016 wusste kaum jemand etwas mit dem Begriff anzufangen, kurz vor der US-Präsidentschaftswahl gab es sie dann plötzlich überall. Ende 2016 wurde der Begriff schließlich so lange herumgeworfen, verzerrt und je nach Agenda umgedeutet und missbraucht, bis ihm jede Bedeutung aus den Buchstaben herausgelutscht wurde. Kein Wunder in Zeiten, in denen der US-Präsident kritische Nachrichten pauschal als Fake bezeichnet und Thomas de Maizière schon von einem "Fake-News-Abwehrzentrum" träumt.

Weil die Debatte so schnell so groß geworden ist, gibt es gleich mehrere Probleme. Das erste: Es gibt keine einheitliche Definition von dem, was Fake News eigentlich sein sollen – auch wenn es gute, differenzierte Ansätze dazu gibt, welche ganz unterschiedlichen Technologien, Akteure und Mechanismen hinter dem Problem der Desinformation stecken. Zweitens: Darüber, wie weit verbreitet diese falschen Meldungen denn nun eigentlich sind, gibt es noch immer kaum Daten. Gerade in Deutschland scheint es, als führten wir eine Phantomdebatte, die vor Meinungen und vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen nur so strotzt – ohne dabei zu verstehen, was das Problem ausmacht und wie es zustande kommt. Daran wollten wir arbeiten.

Was haben wir untersucht?

Über einen Zeitraum von sechs aufeinanderfolgenden Tagen haben wir die Facebook-Seiten von acht verschiedenen deutschsprachigen Online-Nachrichtenmedien mit großer Reichweite untersucht. Jeden ihrer rund 2.100 Facebook-Posts in dieser Woche haben wir gespeichert und inhaltlich vorsortiert. Es blieben noch 1.905 Nachrichtenposts. Jeden davon haben wir nachrecherchiert und haben dabei auch notiert, wie häufig sich die Posts verbreitet haben.

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Um den Wahrheitsgehalt der Posts zu verifizieren, haben wir die Informationen in jeder einzelnen Überschrift, dem Bild des Facebook-Posts und in der sogenannten Copy berücksichtigt. Die Copy ist jener oft nur ein Satz kurze Anreißer, der über dem Bild eines Posts steht und die Leser für den gesamten Artikel interessieren soll. Die im Facebook-Post präsentierten Informationen haben wir anschließend bei anderen Quellen nachrecherchiert und sie dann nach ihrem Wahrheitsgehalt in drei Kategorien einsortiert.

Was heißt hier überhaupt "falsch"?

Wer sich über einen längeren Zeitraum die von deutschen Facebook-Nutzern besonders häufig geteilten Artikel anschaut, stellt schnell fest: Mit einer starren Zweiteilung in wahr und unwahr kommt man nicht weit. Immer wieder haben Meldungen zwar einen richtigen Kern, aber werden auf Facebook so verzerrt oder verkürzt berichtet, dass man sie zwar nicht als ganz falsch, aber auch nicht als akkurat berichtete Nachricht bezeichnen kann, die journalistischen Standards entspricht und den Leser informiert.

Dem glitschigen Diskurs setzen wir für unsere Recherche daher eine andere, dreiteilige Einordnung entgegen.

  • Kategorie A, "richtig" – unsere Definition einer sauberen Geschichte: Der Inhalt des Facebook-Posts basiert auf Fakten. Es lässt sich nachrecherchieren, dass das Gepostete weitestgehend so passiert ist.
  • Kategorie B, "na ja"unsere Definition einer Halbwahrheit: Der Inhalt des Posts beruht nur teilweise auf Fakten und/oder ist sehr irreführend und reißerisch aufgemacht. Unter diese Kategorie fällt damit beispielsweise auch das, was als Clickbait bezeichnet wird.
  • Kategorie C, "falsch" – unsere Definition einer Falschmeldung: Der Inhalt des Posts lässt sich gar nicht verifizieren, ist so nicht passiert und/oder vermittelt über die Facebook-Aufmachung ein völlig falsches Bild.

Den aufgeladenen und missverständlichen Begriff "Fake News" lassen wir im Folgenden in Frieden ruhen und verwenden stattdessen die drei Kategorien "richtig" (A), "na ja" (B) und "falsch" (C). "Fake" benutzen wir allein schon deshalb nicht, weil wir uns in unserer Auswertung kein Urteil darüber erlauben, aus welchen Gründen eine irreführende oder falsche Information in die Welt gesetzt wurde – nicht immer kann man Absicht unterstellen, und damit auch nicht den Vorsatz einer Fälschung.

Alle Details darüber, wie wir gearbeitet haben und nach welchen Kriterien wir die knapp 2000 Facebook-Posts ausgewertet haben, findet ihr in diesen FAQ zu unserer Methodik

Wir haben bei unserer Auswertung also nicht berücksichtigt, was die Motivation für das Verbreiten einer Falschmeldung sein könnte. Ob hinter den fehlerhaften Informationen gezielte Lügen, Propaganda, handwerkliche Fehler, Zeitdruck oder der Wunsch nach Klicks steckt, ist erstens kaum nachzuweisen und zweitens für unsere Untersuchung nebensächlich: Die Unwahrheit ist schließlich in der Welt und hat mit Facebook ein ideales Biotop zur Weiterverbreitung.

Warum wir Facebook-Posts statt Artikel analysiert haben

Facebook ist für Nachrichtenmedien enorm wichtig geworden, um Leser zu erreichen. Das soziale Netzwerk ist der lukrativste Marktplatz, um Leser zu gewinnen; es ist die Plattform, auf der sich mit über 30 Millionen aktiven Usern in Deutschland das mit Abstand größte Publikum für Nachrichtenmeldungen findet. Auf keiner anderen Plattform haben Geschichten ein solches Potential, um viral zu gehen und sich rasant zu verbreiten.

Längst beziehen in Deutschland mehr Internetnutzer ihre Nachrichten über Soziale Medien als über die Online-Angebote von Nachrichtenseiten – auch wenn Deutschland dabei im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Das wirft Fragen auf: Welche Verantwortung haben Journalisten für die Aufmachung ihrer Inhalte auf Facebook? Sollte man den Leser dort genauso umfassend informieren wie in Anreißer und Überschrift auf einem Website-Artikel – oder ist Zuspitzung erlaubt? Und wenn ja, wie viel?

Untersuchungen haben gezeigt, dass 60 Prozent der geteilten Artikel nie gelesen werden. Das bedeutet: Bei vielen Facebook-Usern bleibt nicht mehr von einem Thema hängen als Überschrift, Bild und die Copy. Genau deshalb ist es wichtig, die Darstellung der Fakten in den Facebook-Posts in den Blick zu nehmen. Längst nicht jeder deutsche User dürfte Überspitzungen, Falschmeldungen und Clickbait immer als solches erkennen. Laut einer OECD-Studie sind die deutschen Social-Media-Nutzer formal weniger gebildet als der Durchschnitt – damit ist Deutschland ein Sonderfall.

Welche Rolle große Medien spielen

Reichweite als Kriterium: So viele Facebook-Fans hatten die von uns untersuchten Medien zum Zeitpunkt der Analyse

Schaut man sich den US-Wahlkampf 2016 an – also die Zeit, in der die Fake-News-Debatte hochkochte –, fällt auf, dass Falschmeldungen vor allen Dingen auf sehr einseitigen Nachrichten-Blogs entstanden, die aggressiv für einen der beiden Kandidaten Partei ergriffen und versuchten, dem jeweils anderen eine Schmutzkampagne anzuhängen. Diese Storys erlangten enorme Reichweite und eine erschreckend hohe Glaubwürdigkeit – doch das war eben in den USA.

Die mazedonischen Blogger-Kids, die fürs schnelle Geld Fake News gegen Hillary Clinton produziert haben, sind im deutschen Kontext noch nicht aufgetaucht. Noch immer haben wir hierzulande ein recht solides Mediensystem und können uns im europäischen Vergleich auf eine relativ stabile Vertrauensbasis an Lesern verlassen, die ihre Informationen zu einem großen Teil von etablierten Medien beziehen.

Noch immer spielen in Deutschland traditionelle Massenmedien und etablierte Marken eine größere Rolle für die Meinungsbildung als das breite Spektrum verschiedener Online-Angebote, wie die Medienwissenschaftler Konrad Lischka und Christian Stöcker in einem Paper gezeigt haben. Eindeutige Falschmeldungen gab es in der Vergangenheit in Deutschland eher auf obskuren Blogs oder auf abseitigen Nachrichtenseiten zu lesen. Häufig stecken dahinter rechte Propaganda oder Verschwörungstheorien. Doch diese Websites haben bis auf einzelne Ausreißer kaum Reichweite in der breiten Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, eine Analyse der Viralität von Falschmeldungen auch bei jenen Medien durchzuführen, wo sich eine signifikante Menge von Lesern und Nutzern dauerhaft rumtreibt – und das sind eben in Deutschland eher große Medienmarken als kleine Blogs.

Wenn man die virale Verbreitung von Falschmeldungen im Netz untersuchen will, muss man die Suche dort beginnen, wo sich eine breitere Basis an Nutzern online informiert: bei den Social-Media-Kanälen großer Nachrichtenseiten – denn Soziale Medien spielen mittlerweile in Deutschland eine fast ebenso große Rolle als Nachrichtenquelle wie Online-Nachrichtenangebote. Und wenn es ins Bild passt, dann dient eine falsch berichtete Meldung auf etablierten Medien auch randständigen Blogs als Legitimation für die eigene Agenda.

Warum wir genau diese acht Medien ausgesucht haben

Vor diesem Hintergrund haben wir uns auf zweimal vier deutschsprachige Medien konzentriert – vier neuere Medien und vier etablierte. Die neueren Medien wurden nach folgenden Kriterien ausgewählt:

Reichweite: Die Online-Angebote der von uns ausgewählten Medien haben pro Monat mindestens 3,5 Millionen Aufrufe. Zur Vergleichbarkeit haben wir für alle Medien die Zahlen des Analysedienstes Similarweb genutzt.

Kritik: Wir haben uns besonders für solche Seiten interessiert, die bereits häufiger im Zusammenhang mit falschen oder irreführenden Nachrichten in Erscheinung getreten sind und kritisiert wurden.

Vollredaktion: Wir haben nur Online-Medien in Betracht gezogen, die sich nicht nur an einem Themenkomplex abarbeiten, sondern beanspruchen, den Leser in vollem Umfang mit Nachrichten des aktuellen Zeitgeschehens zu versorgen. Damit fallen auch monothematische Blogs oder sogenannte Aggregatoren, die nur Inhalte anderer Medien sammeln, heraus. Auch Medien, die von Politikwissenschaftlern politisch klar links oder rechts eingeordnet werden, wie die taz oder die Junge Freiheit, haben wir nicht berücksichtigt.

Nach den bisherigen drei Kriterien haben wir vier Seiten ausgesucht: Epoch Times, Huffington Post, RT Deutsch und Sputnik. Alle Angebote existieren in Deutschland erst seit wenigen Jahren. Um herauszufinden, wie weit verbreitet das Phänomen mit den Falschmeldungen in Deutschland ist, wollten wir aber nicht nur die größeren "neuen" Player auf dem Markt untersuchen, sondern auch etablierte Angebote näher betrachten.

Aus einigen der größten deutschen Nachrichtenmedien haben wir eine Kontrollgruppe erstellt: Mit der Bild ist das reichweitenstärkste Medium überhaupt vertreten, mit der Facebook-Seite von Spiegel Online das größte linksliberale Medium und mit Focus die größte konservative Nachrichtenseite. Und weil wir selbst schließlich auch ein Onlinemagazin sind, haben wir unsere Firma, also den Facebook-Output von VICE Deutschland, auch gleich selbst untersucht.

Anteile der in Kategorie B oder C eingestuften Posts an der Gesamtzahl der Posts der acht untersuchten Nachrichtenseiten

Was wir herausgefunden haben

Unsere Recherche zeigt, dass das Problem der Desinformation nicht erst bei absurden, über Blogs und Foren verbreiteten Verschwörungstheorien wie der sogenannten Pizzagate-Story über einen angeblichen von Clinton-Vertrauten betriebenen Pädophilenring anfängt – sondern, dass es die nicht ganz korrekten, hoch emotionalen und reißerischen News sind, die falsche Vorurteile fördern und den Leser weniger informiert als vorher zurücklassen.

Das Problem mit der Wahrheit™ reicht viel weiter als eine einfache Zweiteilung in wahr und falsch: Verkürzte Darstellungen, verbogene Zitate oder unauffindbare Pseudo-Fakten gibt es nämlich auch von Medien immer wieder auf Facebook, wie unsere Analyse zeigt. Jedes Medium trägt dabei seine eigene Handschrift der Halbwahrheit, um Geschichten möglichst weit unters Volk zu bringen – sei es aus politischen Motiven oder Schlampigkeit.

Was die von uns untersuchten Medien zu den Vorwürfen sagen und wie sich die Strategien unterscheiden

Doch noch häufiger ist das Motiv viel profaner: Es gibt einen wirtschaftlichen Anreiz, News auf Facebook so knallig wie möglich aufzumachen, weil Facebook Viralität mit Reichweite belohnt und jedes Medium von Engagement, also Nutzerinteraktion, träumt. Die Autorin Ingrid Brodnig nennt es treffend "Empörungswettbewerb": Oft sind Falschmeldungen so verfasst, dass sie Wut auslösen und die Leser im Affekt teilen, reagieren oder kommentieren, ohne die Echtheit der Meldung zu überprüfen.

Vier zentrale Ergebnisse lassen sich aus unserer Datenanalyse für die Debatte um "Fake News" ableiten.

  1. Fake Sells: Wie Facebook Falschmeldungen belohnt
So häufig werden im Durchschnitt Posts aus den Kategorien A, B und C geteilt

Falsche Posts aus Kategorie C haben im Durchschnitt 89 Prozent mehr Shares als die Posts der Kategorie A, die wir als saubere Geschichten definieren. Selbst im Vergleich zu Kategorie B liegt der Unterschied noch bei 49 Prozent.

Das Resultat: Unwahrheiten und nicht zu verifizierende Tatsachenbehauptungen verbreiten sich auf Facebook viel stärker als nüchterne Nachrichten. Aus Sicht eines Social-Media-Redakteurs, der es auf möglichst viel Reichweite und Interaktion abgesehen hat, gibt es also nicht unbedingt einen Anreiz, faktentreu und wahrheitsgemäß zu berichten.

2. Nicht alle Medien profitieren gleichermaßen, wenn sie Falsches posten

Zwischen den verschiedenen Medien gibt es allerdings große Unterschiede, wie viel besser falsche Posts auf Facebook performen. Auf der Seite von Focus Online Politik verteilen sich die Shares sogar entgegen dem allgemeinen Durchschnitt unserer Untersuchung: Im Untersuchungszeitraum laufen hier korrekte Geschichten um ein Dreifaches besser als Falschmeldungen. Auch bei der Huffington Post gibt es den von uns in der gesamten Analyse beobachten "Fake Boost" nicht in dem Maße: Die durchschnittlichen Shares sind hier bei einer Meldung der Kategorie A quasi gleich hoch wie bei der Kategorie C. Posts aus der "na ja"-Kategorie allerdings laufen um 150 Prozent besser als die anderen Beiträge.

Besonders deutlich ist der Fake Boost in der Untersuchungswoche bei der Bild: Falsche Posts (Kategorie C) haben hier zehnmal so viele Shares wie wahre Posts, wobei es allerdings wichtig ist anzumerken, dass es nur insgesamt sechs Posts gibt, die in diese Kategorie fallen. Auch bei Russia Today laufen Falschmeldungen deutlich besser als wahre Posts: Kategorie C performt hier viermal besser als Kategorie A.

3. Falschmeldungen sind nie nur schwarz oder weiß: Warum es lohnt zu differenzieren

Um der Komplexität des Phänomens der Falschmeldungen gerecht zu werden, lohnt es sich, zwischen dem unterschiedlichen Ausmaß von Verzerrung zu differenzieren. Für die Leser ergibt sich angesichts der kleinen Zuspitzungen und der Kürze der Informationsschnipsel auf Facebook oft folgendes Bild: Je näher eine News an der Wahrheit bleibt, desto plausibler erscheint auch ein zarter Spin – er wird kaum mehr wahrgenommen.

Natürlich gibt es auch in unserer Analyse Meldungen, die eindeutig falsch sind: so zum Beispiel die Sputnik- und RT-Meldung "Kein Platz mehr für Flüchtlinge: Dänemark stoppt Zuwanderung!". In Wahrheit hat Dänemark vorübergehend die Umsiedlung von 500 Flüchtlingen aus einem Programm der Vereinten Nationen ausgesetzt, um mehr Syrien-Flüchtlinge zu betreuen – was eine ganz andere Geschichte ist. Doch längst nicht immer lässt sich die Frage nach "wahr" oder "falsch" so eindeutig klären.

Viel häufiger sind die Fälle, in denen die Grenze zwischen akzeptabler Sensationsberichterstattung und falscher Berichterstattung schwer zu ziehen ist. Es sind Meldungen, die zwar oft einen wahren Kern haben, aber in ihrer Überspitzung den Leser nicht mehr über zentrale Fakten informieren – das Ziel scheint die Eskalation und die sofortige Reaktion der Leser zu sein.

Es sind Geschichten wie die Focus-Meldung "Früher belächelt, nach Trump-Wahl bitterer Ernst: US-Bundesstaat will Abspaltung". Stimmt nicht: Tatsächlich sind es nur eine Handvoll Aktivisten der Initiative "Yes California", die für die Abspaltung Unterschriften sammeln und nicht repräsentativ für Kalifornien stehen können. In Kombination mit einem Bild der offiziellen kalifornischen Flagge kann jemand, der die Hintergründe nicht kennt oder gerade keine Zeit zum Nachrecherchieren hat, das aber kaum unterscheiden – und fragt sich vielleicht, warum niemand mehr über diese Initiative eines großen US-Bundesstaates berichtet.

4. Große Medien sind Teil des Problems, das wir als "Fake News" kennengelernt haben

Anteile der Kategorien "wahr", "na ja" und "falsch" an der Gesamtzahl der Posts jeder untersuchten Nachrichtenseite

Unsere Auswertung zeigt: Es sind nicht immer nur die verrufenen kleinen Blogs und Boulevardmedien, die es mit den Fakten nicht so genau nehmen. Auch große Medienhäuser verbreiten bei Weitem nicht nur korrekte Meldungen – manche allerdings in einem deutlich größeren Ausmaß als andere.

Um die Leser auf ihre eigene Seite zu bewegen, konkurrieren große Nachrichtenseiten mit all dem anderen Lärm im Feed zwischen "Dianas Bildern mit Herz", Urlaubsfotos, Kettenbriefen und nicht zu verpassenden Veranstaltungen.

Das Mittel der Wahl ist dabei oft maximale Zuspitzung, die bares Geld bedeuten kann: Selbst wenn die Geschichte hinter dem Facebook-Post, der den User auf die Website eines Mediums gelockt hat, dort plötzlich ganz anders aufgemacht ist – es wurde mit dem Post doch ein Klick generiert.

Bei der Zuspitzung gehen die von uns untersuchten Seiten sehr unterschiedlich vor. Manche setzen auf maximales Aufreger-Potential auf Facebook und bauen darauf, dass sie die Wut dann mehr schlecht als recht wieder in ihren gemäßigten Artikeln einfangen. Andere reißen besonders häufig Zitate von Politikern aus dem Zusammenhang, um bestimmte Erwartungen und Vorurteile zu bedienen. Andere denken sich einfach Details dazu, die die Leser besonders wütend machen. Und wieder andere "vergessen" Begebenheiten oder drehen sie so weit, dass sie nichts mehr mit der ursprünglichen Meldung zu tun haben.

Nicht nur die Website eines Online-Mediums profitiert, wenn auf Facebook viel Aufregung um die eigenen Themen entsteht. Vor allem für die Facebook-Seiten der Medien ergibt sich daraus ein Vorteil: Selbst wenn die Geschichte hinter dem Link gar nicht gelesen wird, können Medien mit emotionalisierten Inhalten, die viel mehr Likes, wütende Kommentare oder Shares erhalten, vermeintlich punkten. Das liegt daran, dass Facebook eine große Zahl solcher Interaktionen belohnt: Sie dienen dem Algorithmus des Netzwerkes als Gradmesser dafür, wie relevant eine Seite ist – eine höhere Relevanz einer Seite bedeutet wiederum, dass die Posts der Seite den Usern häufiger im Newsfeed angezeigt wird. Ein doppelter Gewinn also für die Websites, die bei einer höheren Sichtbarkeit von mehr Klicks profitieren. Der Fokus auf schnelle, emotional aufgeladene Reaktionen und Interaktionen auf Facebook ist nicht nur schlecht für die Medien, sondern vor allem für die Meinungsbildung der Leser.

Ausblick 1: Der Facebook-Algorithmus fördert ein Klima der Falschmeldungen

Facebook hat nach heftiger Kritik die Gefahr der Desinformation erkannt, die intern als "False News" bezeichnet wird. Zur Vorstellung eines Tools, mit dem auf Facebook falsche Nachrichtenposts markiert werden können, räumte Zuckerberg ein: "Obwohl wir die News-Storys, die ihr verbreitet, nicht selbst schreiben, müssen wir auch anerkennen, dass wir mehr als nur ein Nachrichtenaggregator sind. Wir sind eine neue Art der Plattform für den öffentlichen Diskurs – und das bedeutet, dass wir eine neue Verantwortung dafür tragen, dass Menschen die bestmögliche Diskussion führen, und einen Raum schaffen, in dem sich Menschen informieren können."

Wie gut das Tool funktioniert, mit dem Facebook gegen Fake News kämpft

Doch wie unsere Analyse zeigt, sind es die Algorithmen von Facebook, die Falschmeldungen und Unwahrheit belohnen – und damit auch den Medien vorschreiben, wie sie ihre Inhalte am sichtbarsten und damit am lukrativsten präsentieren. Doch der Input für diese Algorithmen stammt von Menschen, die sie auch verändern können. Das, was Facebook so gern sein will, nämlich ein agora-ähnlicher öffentlicher Raum, in dem Diskussion stattfindet, kann so nicht unter fairen Bedingungen existieren.

Ausblick 2: Redaktionelle Sorgfalt muss für Facebook-Posts genauso wie für Artikel gelten

Medien verspielen das Vertrauen ihrer Leser durch gewagte Social-Media-Posts. Hier liegt das vielleicht größte Problem: Die Gefahr besteht – zumindest in der deutschen Medienlandschaft – wohl weniger in der Fabrikation ganzer Geschichten aus dem Nichts, sondern in einem Klima der latenten Desinformation, das durch die große Menge an nicht mehr so ganz wahren Posts und Artikeln befeuert wird. So kann es passieren, dass für manche Leser Fakten beliebig werden – das wäre genau das Problem, vor dem Beobachter vor einigen Monaten mit dem Begriff "Postfaktisches Zeitalter" warnten .

Warum wir die Wahrheit nicht relativieren dürfen – ein Kommentar zu den Rechercheergebnissen von Stefan Niggemeier

Eine ungenaue Berichterstattung auf Facebook ist auch politisch gefährlich: Denn sie spielt Populisten in die Hände, die durch die erodierende Vertrauensbasis in Institutionen und Journalisten endlich sagen können: Seht ihr, die lügen doch irgendwie alle! Traut niemandem (außer mir)!

Die größte Prüfung dafür, wie wichtig Fakten Lesern und Medien sind, läuft gerade: Wir befinden uns mitten in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes. Am 24. September wird gewählt. Dann werden wir noch besser wissen, welche Macht Falschmeldungen haben und wie Leser auf ein Klima der Desinformation reagieren.

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Redaktionelle Mitarbeit: Daniel Mützel & Sebastian Gluschak

Wenn ihr Fragen und Anmerkungen zu unserer Recherche habt, könnt ihr uns sehr gern auf Twitter kontaktieren, und zwar unter den Handles @ok_but_why (Theresa), @write_restrain (Daniel) und @gluschak (Sebastian).