Flüchtlinge haben Edward Snowden das Leben gerettet

Wo versteckt man den meistgesuchten Mann der Welt für mehrere Wochen? Die Antwort, die heute erst ans Licht kam, ist traurig und tröstend zugleich: Bei denen, die am meisten geächtet und daher ignoriert werden.

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07 September 2016, 4:58pm

Bild: imago

Die ganze Welt fragte sich im Juni 2013, wo Edward Snowden steckte. Das war kurz nach seinen weltverändernden Enthüllungen über das globale Überwachungsprogramm der NSA—und vor seinem Asylantrags-Marathon rund um die Welt, der den Whistleblower schlussendlich mangels anderer Optionen in Russland landen ließ. Ein ganz besonderes Interesse an seinem Aufenthaltsort hatte natürlich die USA.

Seit Mittwoch, den 8. September wissen wir dank der kanadischen Zeitung National Post und des Handelblatts endlich, wie Edward Snowden damals über zwei Wochen unerkannt untertauchen konnte und seine spektakuläre Flucht gelang, obwohl sein Gesicht von allen Titelseiten prangte: „Sie wollten die Daten und sie wollten ihn zum Schweigen bringen", beschreibt sein Anwalt Robert Tibbo bei der National Post die Herausforderungen, den meistgesuchten Mann der Welt zu verstecken.

„Ich habe mich also entschlossen, ihn bei den am stärksten ausgegrenzten Menschen überhaupt unterzubringen: Bei Asylsuchenden", so Tibbo. Dazu bat der Anwalt für Menschenrecht seinen Klienten Ayith, einen Flüchtling aus Sri Lanka, in die UN-Vertretung zu kommen, um seinen potenziellen neuen Untermieter kennenzulernen.

„Ich habe ihm geholfen, weil er ein Flüchtling war, so wie ich."

Ohne ihn persönlich zu kennen, wusste Ayith sofort, wen er da vor sich stehen hatte—er hatte Snowden schon hundertfach gesehen. Zu diesem Zeitpunkt war der Whistleblower überall im Fernsehen zu sehen. Doch die Situation, in der sich Snowden befand, erinnerte die Geflüchteten an ihr eigenes Schicksal: „Ich habe ihm geholfen, weil er ein Flüchtling war, so wie ich."

Eben noch hatte er im luxuriösen Fünfsternehotel Mira in Hongkong unter höchster Anspannung ein Interview gegeben, das die Welt verändern sollte, nun fand Edward Snowden dort Zuflucht, wo ihn niemand vermutete—und auch nicht suchen würde: In den Tiefen eines der dichtbesiedeltesten Gebiete der Welt, dem Hongkonger Slum im Stadtteil Kowloon.

Zu seinem neuen, temporären Zuhause wurde Snowden von zwei Anwälten nachts im Auto, verkleidet mit dunklen Brillen und Kopfbedeckungen gebracht. Nadeeka und Supun, zwei weitere Flüchtlinge aus Sri Lanka, überließen ihm ein Zimmer, Nadeeka bewirtete ihn dort, das Paar schlief im Flur.

Kowloon City ist immer noch der beliebteste Cyberpunk-Slum des Internets

Snowdens Anwalt Tibbo hatte kaum eine Wahl, als sich auf seine ebenfalls schutzsuchenden Klienten zu verlassen: „Ich musste ihn so schnell wie möglich rausbringen—ich bin damals zu dem Schluss gekommen, dass es am besten wäre, ihn bei den Menschen zu verstecken, denen die Regierung nicht mal im entferntesten Beachtung schenkt."

Es gibt rund 12.000 Asylsuchende in Hongkong. Mit sehr eingeschränkten Rechten hausen sie jahrelang auf engstem Raum, während sie auf eine Entscheidung über ihren Asylstatus warten—und werden quasi in die Illegalität getrieben. Wer es wagt, entgegen den geltenden Gesetzen arbeiten zu gehen, ob ehrenamtlich oder gegen Entgelt, muss mit bis zu zwei Jahren Gefängnis rechnen.

„Sie hatten hunderte Gelegenheiten, mich zu verraten, und angesichts ihrer prekären Situation hätte ihnen das keiner verübeln können", sagt Snowden in einem faszinierenden Interview mit der National Post über sein Leben in Kowloon unter Flüchtlingen. „Die Kinder haben mich beobachtet, wie ich W-Lan-Stationen in der Nachbarschaft mit einer speziellen Antenne gecrackt habe, um mit Journalisten zu kommunizieren, ohne die Aufmerksamkeit der Polizei auf mich zu ziehen." Bei jeder Sirene zuckte Snowden zusammen—doch sie waren nie für ihn bestimmt.

Zwei Wochen lang versteckte sich Snowden in drei verschiedenen Flüchtlingsfamilien, bevor er weiterzog. „Ich möchte ihm sagen, dass wir ihn nicht vergessen und oft an ihn denken.", bilanziert Nadeeka in einem Video beim Handelsblatt. Für seine Gastgeber empfinde er unendliche Dankbarkeit, gibt Snowden im Post-Interview dagegen zu Protokoll. „Sie haben mir beigebracht", so der Whistleblower, „dass—egal wer oder wo du bist—ein wenig Mut manchmal den Lauf der Geschichte verändern kann."