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AfD vs. Wissenschaft: Eine Stichprobe aus dem geleakten Parteiprogramm

Welche innovativen Ideen außer dem Schießen auf Flüchtlinge sickern noch aus der Aufsteiger-Partei? Wir haben uns wissenschaftliche Themen im geleakten Grundsatzprogramm angeschaut und mit dem Stand der Forschung verglichen.

Theresa Locker

Theresa Locker

Bild: imago

Am Freitag hat die Recherche-Plattform Correctiv das vorläufige Grundsatzprogramm der AfD geleakt. Dass dieses im Wahlkampf von Seiten der Partei nicht öffentlich gemacht wurde, hat Wähler bei den gestrigen Landtagswahlen nicht davon abgehalten, der AfD in allen drei Bundesländern zweistelligen Zuspruch zu bekunden.

Insbesondere, seitdem sich die AfD am Sonntag nach ihrem triumphalen Einzug in die Landtage von Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg zur Volkspartei erklärt hat, wird es Zeit, sich genauer mit den ausformulierten Thesen auseinanderzusetzen und zu analysieren, was die Bürger da eigentlich gewählt haben.

Das bisher noch nicht verabschiedete Grundsatzprogramm ist nicht, wie bei einer Partei üblich, mit der Basis erarbeitet, sondern wurde von einer kleinen Gruppe (der Elite!!!!11!!) in der Führung entwickelt, wie von Correctiv veröffentlichte E-Mails zeigen. Eigentlich als Anti-Euro-Partei gegründet, schwenkte die AfD unter Frauke Petry auf Anti-Einwanderungskurs um und wetterte gegen die Aufnahme von Flüchtlingen.

Wie überträgt sich aber die in den Kernthemen geschürte Verachtung und Angstmache auf wissenschaftliche Themen und wie haltbar sind sie gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens? Falls ihr gerade besseres als die Lektüre von 72-Seiten AfD-Programm zu tun haben solltet, geben wir euch hier einen Überblick über wissenschaftliche Standpunkte der AfD und zeigen, welche innovativen Ideen außer dem Schießen auf Flüchtlinge noch so aus der neuen Aufsteiger-Partei sickern:

Der Klimawandel ist eine Verschwörung: #CO2welcome

Und da dachten wir, die AfD steht für Ausgrenzung und Abschottung—bis wir ins Kapitel der Klimapolitik vordrangen. Dort stellt sich nämlich heraus: Die Partei hat doch ein großes Herz, und zwar für CO2, einen Stoff, der laut AfD zu unrecht „stigmatisiert" wird. Wir lernen: „Kohlendioxid (CO2) ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens". Nun wissen zwar bereits Medizinstudenten im ersten Semester: Die Dosis macht das Gift. Die AfD orakelt nichtsdestotrotz: „Je mehr es davon in der Atmosphäre gibt, umso kräftiger fällt das Pflanzenwachstum aus".

Dass der Klimawandel zu Dürren, Unwetter und Überschwemmungen führt und die prognostizierten Ernteausfälle so ganz besonders die Länder treffen, in denen die Nahrungsmittelsicherheit keineswegs gewährleistet ist, scheint die Partei trotz globalem Konsens über diese Tatsachen nicht zu stören. Stattdessen deutet man die Welt lieber wie verschwörungsfreundliche Klimaskeptiker: Die Klimaschutzpolitik beruhe „auf untauglichen Computermodellen des IPCC", und die „deutsche Regierung" würde „die positive Wirkung des CO2 auf das Pflanzenwachstum und damit auf die Welternährung" unterschlagen. Und wie erklärt sich die AfD den gemessenen, unmöglich zu leugnenden Anstieg der Erdoberflächentemperatur? Ganz einfach, wie alles in der Partei: Wir würden eben in einer „Warmzeit" leben, genau wie die Römer oder im Mittelalter. Dass es für den menschgemachten Klimawandel zahlreiche unabhängige Belege gibt, findet keine Erwähnung—„Warmzeit" klingt ja auch irgendwie angenehmer.

Was das Pflanzenwachstum angeht, führt ein Überangebot an Kohlendioxid übrigens so gut wie nie zu mehr Ertrag, weil der Boden parallel dazu mehr Nährstoffe produzieren müsste. Durch Effekte des Klimawandels tut er das aber nicht, denn der bringt trockenere Böden, die weniger Nährstoffe wie Phosphor enthalten. Dadurch bilden sich weniger Proteine in den Pflanzen—und das hat übrigens nicht nur negative Auswirkungen auf den Nährwert, sondern auch auf die Backeigenschaften.

Mag ja sein, dass die CO2-haltige Düngung zu einem kurzfristigen Pflanzenwachstum im Gewächshaus führen kann. Für den Freilandanbau ist sie allerdings völlig ungeeignet. Ein höheres Kohlendioxidniveau in der Atmosphäre führt zu schlechterer Weizenqualität—und das gilt auch erwiesenermaßen für Kartoffeln, Mais, Hafer und Maniok, kurz: Grundnahrungsmittel, wie der Fünfte Sachstandsbericht des Weltklimarats zusammenfasst.

Der Klimawandel zaubert also keineswegs eine üppige Flora in die Landschaft, sondern lässt im Gegenteil nährstoffarme Pflanzen wachsen—und dabei sind Umweltfaktoren wie Bodenqualität und Extremwetterbedingungen (die durch den Klimawandel zu erwarten sind), noch gar nicht berücksichtigt.

Denkt denn niemand an die Vögel?

Umweltschutz findet die AfD übrigens trotzdem ein bisschen wichtig, solange es um deutsche Vögel geht: Denn für die seien Windkrafträder eine „tödliche Gefahr"—ein wahres Killerargument für Atomkraft, Kohle und Öl und gegen das Erneuerbare Energie-Gesetz (EEG), das ersatzlos abgeschafft werden soll.

Kinder in den Knast

An vielen Stellen im Grundsatzprogramm ist ein tiefes Misstrauen gegenüber der eigenen Gesellschaft herauszulesen sowie die Forderung nach einer Aufrüstung der inneren Sicherheit. Nicht nur soll die Polizei mehr Befugnisse bekommen (die erstens nicht näher definiert werden; zweitens bei einer stetig sinkenden Kriminalitätsrate in Deutschland jeder Grundlage entbehren), die AfD will neben Alkoholikern und psychisch Kranken auch Kinder ins Gefängnis stecken. „Auf volljährige Täter ist das Erwachsenenstrafrecht anzuwenden, das Strafmündigkeitsalter auf zwölf Jahre zu senken", heißt es im Abschnitt „Innere Sicherheit".

Wozu das führen kann, zeigt das Beispiel USA: Dort sitzen an jedem Tag im Jahr rund 50.000 Kinder im Gefängnis, zudem verhängt die Justiz auch lebenslange Haftstrafen ohne Bewährung gegen Jugendliche. Nicht nur sind sie überproportional anfällig für psychische Krankheiten wie Schizophrenie und Depressionen, die frühe Inhaftierung statt Resozialisierung führt auch noch zu mehr Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch—sowohl im Gefängnis als auch nach der Freilassung.

Wem das Fallbeispiel eines Landes noch nicht reicht: Die Kinderrechts-Kommission der Unesco, die sich mit der Anwendung von Strafjustiz auf Minderjährige befasst, empfiehlt Staaten weltweit dringend, das Alter der Strafmündigkeit höher als zwölf Jahre anzusetzen, vor allem „unter Berücksichtigung von Fakten rund um ihre emotionale, mentale und intellektuelle Reife".

Abtreibungen den Frauen austreiben

„Freie Bürger, keine Untertanen"—mit diesen dramatisch-salbungsvollen Worten beginnt das Grundsatzprogramm der AfD. Die vollmundige Forderung soll aber nicht für Frauen (na gut, und Muslime und Juden) selbst bei Entscheidungen über ihren eigenen Körper gelten: Der Zugang zu sicheren und legalen Abtreibungen soll erschwert und bereits in der Schule verteufelt werden, um in der kruden, völkischen Logik der Partei der höheren Geburtenrate unter Migranten entgegenzuwirken und den „ethnisch-kulturellen Wandel der Bevölkerungsstruktur aufzuhalten".

Die Wissenschaft hält wenig überraschend dagegen, denn Illegalität von Schwangerschaftsabbrüchen führt nirgendwo auf der Welt zu weniger Abtreibungen, sondern nur zu unsicheren Praktiken, die im schlimmsten Fall tödlich enden können.

Aktivistinnen liefern Abtreibungspillen per Drohne über die polnische Grenze

Selbst der Vorwand, eine legalisierte Abtreibung würde zu massenhaften Schwangerschaftsabbrüchen führen, lässt sich nicht halten: In der Schweiz (von der AfD gern als Musterland bei Themen wie Einwanderung und Volksabstimmungen gelobt) sind Abbrüche seit 14 Jahren legal; die Abtreibungszahlen blieben aber stabil, wie das Bundesamt für Statistik mitteilte. Darüber hinaus bereuen 95 Prozent der Frauen ihre Abtreibung nicht, so das Ergebnis einer Studie aus Kalifornien. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass die Entscheidung den Betroffenen leichtfallen würde—bestätigt aber, dass die Hoheit über den eigenen Körper ein Menschenrecht ist und die Entscheidung einem einzigen Menschen überlassen werden sollte: Der Schwangeren.

Atommüll — ja, bitte!

Eine Rolle rückwärts möchte die AfD auch beim „wirtschaftlich falschen" Atomausstieg machen. Nicht nur sollen die Reaktoren wieder ans Netz, auch für das Problem des strahlenden Mülls hat die AfD eine richtig innovative Lösung: Denn es könne ja immer mal sein, dass man Atommüll nochmal gebrauchen kann—also sollte er möglichst für den schnellen Zugriff irgendwo aufbewahrt werden, statt sich zu mühen, den radioaktiven Abfall zu entsorgen: „Es ist falsch, zu versuchen, radioaktive Reststoffe zentral und für die Ewigkeit zu entsorgen. Stattdessen sollten diese zugänglich und katalogisiert in gesicherten Orten eingelagert werden, wo jederzeit der Zugriff möglich ist, um sie mit technischem Fortschritt aufbereitet weiter verwenden zu können."

Wo wird in Deutschland eigentlich überall Atommüll gelagert?

Gut, dass wir die Asse haben—da ist der einfache Zugriff durch die korrodierenden, dünnwandigen Fässer praktischerweise schon heute gewährleistet. Auch in Brunsbüttel gelten 154 Fässer mit radioaktivem Abfall als beschädigt. Fehlt also nur noch der „technische Fortschritt" zur Aufbereitung und Weiterverwendung—vielleicht zu Uranmunition? Gegen Minarette? Gegen Flüchtlinge? Man darf weiter gespannt sein.