Hobby-Autor entlarvt, wie leicht man die Amazon-Bestsellerlisten stürmt

Schritt 2: Mache ein Foto von deinem linken Fuß

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März 11 2016, 1:59pm

Foto: Screenshot Brent Underwood/LinkedIn

Brent Underwood hatte gehörig die Schnauze voll, also wurde er zum Troll. Der Grund seines Ärgers: Reihenweise minderbemittelte Hobby-Autoren, die sich auf Amazon einen Bestseller-Status erschleichen und mit diesem dann in den sozialen Medien prahlen, um diese Bücher tatsächlich zu verkaufen.

In der Tat wird der altehrwürdige Begriff „Bestseller" auf Amazon mittlerweile inflationär rausgehauen und taugt kaum mehr als Qualitätssiegel für hochwertige Literatur. Das liegt nicht zuletzt auch an einigen windigen Online-Anbietern: Für ein Honorar von 3.250 US-Dollar versprechen sie, jedes Buch zum Bestseller auf Amazon zu machen.

Alles Fake, war sich Underwood sicher und so beschloss er, das völlig sinnfreie Amazon-Bestseller-System ad absurdum zu führen—mit Erfolg.

Das Bild von Underwoods Fuß, das zum Cover seines Fake-Bestsellers werden sollte. Foto: Screenshot Brent Underwood/LinkedIn

Als erstes machte Underwood—seines Zeichens übrigens Marketing-Experte für Bücher, die das Prädikat Bestseller tatsächlich verdienen—ein Foto von seinem linken Fuß. Fertig war das Cover für seinen ersten Fake-Bestseller, den er „Putting My Foot Down" taufte. Da Underwood wenig Lust hatte, etwas für sein Werk zu schreiben, nutzte er das Fußfoto auch gleich als einzigen Inhalt für die erste Seite des Buchs. Ohne weitere Seiten hinzuzufügen, lud er sein neues Ebook dann auf Amazon hoch.

Jetzt gelangte Underwood an den entscheidenden Punkt: Auswahl einer Kategorie. Jedes Buch, das zu den 100 meistverkauften seiner Kategorie gehört, wird von Amazon automatisch zum Bestseller gekürt. Amazon aktualisiert diesen Status stündlich. Ihr merkt schon, worauf es hinausläuft. Bei über 500 verschiedenen Kategorien sollte es möglich sein, in einer von diesen für kurze Zeit zu den Top 100 zu gehören, oder?

Underwood entschied sich, dass „Putting My Foot Down" inhaltlich am Besten in den Kategorien „Transpersonal" und „Freemasonry" aufgehoben sei. Anschließend musste er sich für einen Preis entscheiden und hielt 0,99 US-Dollar für angemessen.

Fotos: Screenshot Brent Underwood/LinkedIn

Mit Amazons hauseigenem „Cover Creator" bekam „Putting My Foot Down" dann den letzten Schliff und für Underwood begann die bange Wartezeit. Würde Amazon das Buch absegnen? Natürlich würden sie. Nur wenige Stunden nach dem Upload, der ihn fünf Minuten gekostet hatte, sah Underwood die Bestätigung, ein Bestseller-Autor zu sein, Orange auf Weiß in seinem Amazon-Profil.

Schlimm genug, dass Amazon sein Buch überhaupt veröffentlicht hatte—wie aber war Underwood auch noch ohne Umwege zum #1 Bestseller mutiert? Nun ja, er selbst hatte zwei Exemplare von „Putting My Foot Down" geordert und ließ ein drittes von seinem Kumpel bestellen.

Fotos: Screenshot Brent Underwood/LinkedIn

Klar, dass Underwood den immensen Meilenstein seiner literarischen Karriere sofort auf LinkedIn präsentierte. In einem Artikel für den Observer hat er die ganze Geschichte zusammengefasst und resümiert: „Ich habe das nicht geschrieben, um meinen Fuß berühmt zu machen. Ich habe diesen Post verfasst, weil ich von diesen eitlen Titeln und dem Erfolg ohne Qualität genervt bin. Ich wollte auch aufzeigen, wie simpel es ist, sich Bestseller-Autor zu nennen—in der Hoffnung, dass die Leute, die Bücher kaufen, bewusstere Konsumenten werden. Denkt dran, wenn ich meinen Fuß in fünf Minuten und für weniger als drei Dollar zum Bestseller-Autor machen kann, solltet ihr jede Person, die diesen Titel trägt, mit Vorsicht genießen."

Das Buch ist mittlerweile übrigens nicht mehr auf Amazon erhältlich. Wie Underwood auf LinkedIn erklärt, habe er diesbezüglich nichts weiter als eine standardisierte Email von Amazon bekommen. Eine Antwort auf die Frage, was man nun genau als Buch betrachte und was nicht, bleibt Amazon unterdessen weiterhin schuldig. Während das Unternehmen fragwürdige Schmöker wie das aus 200 leeren Seiten bestehende „What Every Man Thinks About Apart from Sex" für 9,95 $ anbietet, ist Underwoods Einseiter verschwunden.

Seit dem 3. März findet sich allerdings ein neues Werk mit demselben Titel auf der Online-Plattform. Es kostet 6,91 Euro, zeigt keinen Fuß auf dem Cover und erzählt die Geschichte des Autors, der in fünf Minuten zum Bestseller-Autor wurde. Außerdem setzt es sich intensiv mit der Rolle und Verantwortung Amazons als größter Vertriebsplattform für Bücher weltweit auseinander. Geschrieben hat es Brent Underwood.