Snapchat entfernt nach Rassismusvorwürfen seinen Yellowface-Filter

Der Filter wurde zwar inzwischen entfernt, doch die Rassismus-Diskussion hält an.

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Aug. 11 2016, 9:43am

Bilder: mhroque, bkisnah, tequilahfunrise

Wir kennen und lieben sie alle: Den Hunde-Filter, den Regenbogen, den wir auskotzen können und viele andere Filter aus der bunten Snapchat-Welt. Die Filter sollen vor allem eins tun: uns schöner, hässlicher, witzig oder total bizarr aussehen lassen. Was sie jedoch nicht tun sollten ist, uns in rassistische Karikaturen zu verwandeln.

Doch offensichtlich ist diese Message bei Snapchat noch nicht ganz angekommen. Seit Anfang der Woche wird das Unternehmen von Twitter-Usern für seinen neuen „Anime" Filter heftig kritisiert: Der Filter „schmückte" das Foto mit Schlitzaugen, Hasenzähnen und runden Bäckchen. Snapchat hat den Filter zwar nach nur einem Tag wieder entfernt, doch die Diskussion um Rassismus ist damit noch lange nicht beendet. Menschen mit asiatischer Herkunft weltweit fühlen sich durch die Idee, dass dieser Filter ein nettes Social-Media-Gimmick sein soll, diskriminiert.

Bild: Twitter

„Es macht mich wütend. Sucht man im Netz nach ‚Stereotyp einer asiatischen Person', erhält man sofort verengte Augen und hervorstehende Vorderzähne. Das soll abwertend sein", führt die Studentin Grace Sparapani, die ihrem Ärger über den Filter zuvor in einem viel beachteten Tweet Luft gemacht hatte, gegenüber Motherboard aus.

Falls ihr nicht versteht, warum diese Darstellungen eines asiatischen Stereotypsproblematisch sind, frischen wir gerne kurz euer Wissen auf: Wenn jemand wie Mickey Rooney in seiner kontroversesten Rolle als Mr. Yunioshi in dem Film „Frühstück bei Tiffany" aussieht, ist es wahrscheinlich rassistisch. Wenn dieser jemand mit verengten Augen, einem spitzen Strohhut und übertrieben gelber Haut dargestellt wird, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Rassismus. Und das wohl wichtigste Kriterium für die Frage, ob etwas rassistisch ist oder nicht: Wenn Asiaten selbst etwas als rassistisch wahrnehmen, könnt ihr euch ziemlich sicher sein, dass es das auch ist.

Ein Snapchat-Pressesprecher reagierte auf die Kritik mit der Erklärung, dass der Filter „von Anime-Charakteren inspiriert" sei—man habe den am Dienstag hinzugefügten Filter inzwischen jedoch entfernt. Auf unsere Nachfrage dazu, dass der Filter eine offensichtliche Ähnlichkeit zum „Yellowface"-Stereotyp aufweise, erhielten wir die Antwort, dass „die Filter spielerisch und niemals beleidigend sein sollen."

Das Problem ist aber, dass es so gut wie keine Anime-Charaktere gibt, die Snapchats fragwürdiger Interpretation ähnlich sehen. Keines der für das Genre typischen Merkmale wie bunte Haare, übertrieben große Augen oder eckige Gesichter ist in dem Filter zu finden.

„Nach Ghost in the Shell [der Verfilmung einer beliebten japanischen Manga-Serie, in der Scarlett Johansson die Hauptrolle spielt] sind viele der Meinung, dass Anime einfach nur ein bestimmter Stil ist und es daher auch in Ordnung ist, wenn weiße Leute Anime-Charaktere spielen", fügte Sparapani hinzu.

„Doch Anime kommt ursprünglich aus asiatischen Ländern. Die Charaktere sind eindeutig asiatischem Aussehen nachempfunden, oder zumindest den Merkmalen, die von der asiatischen Community idealisiert werden."

Motherboard hat bei Snapchat außerdem nachgefragt, wer für die Entwicklung der jeweiligen Filter zuständig ist, und wer sie vor der Veröffentlichung überprüft, doch eine Antwort steht bisher noch aus.

Der aktuelle Snapchat-Reinfall kann aber nur schwerlich als einmaliger Ausrutscher abgetan werden. Vor weniger als vier Monaten hat die App nämlich bereits einen Bob-Marley-Filter zur Feier des „420 Day", des inoffiziellen Jahrestags der Cannabis-Konsumenten, eingeführt. Dieser Filter wurde von vielen als klarer Fall von digitalem „Blackfacing" wahrgenommen. Zwar versuchte Snapchat, sich mit der Tatsache zu rechtfertigen, dass die App in Zusammenarbeit mit der Bob Marley Estate entstanden war, doch Kritiker sahen in dem Filter eine reduzierende Falschdarstellung einer gesamten Kultur und des persönlichen Erbes von Bob Marley.

Der Mitbegründer von Snapchat, Evan Spiegel, hat bereits in der Vergangenheit nicht gerade mit kultureller Sensibilität glänzen können. Auf Fragen nach der Diversität im Unternehmen reagierte er bisher extrem zurückhaltend. Auf der Bühne der Recode Code Konferenz im vergangenen Jahr antwortete er auf die Frage nach dem Minderheitenanteil bei Snapchat folgendermaßen: „Das ist eine Herausforderung und ich sollte Ihnen genaue Zahlen nennen können, doch hier bei Snapchat denken wir nicht in Zahlen über Diversität nach. Und eins der Vorteile eines so kleinen Unternehmens wie Snapchat ist, dass wir uns von Anfang an Gedanken über Diversität machen mussten, sodass wir uns nicht in zehn Jahren in der Situation wiederfinden, in der wir merken, dass wir etwas an unseren Zahlen ändern müssen."

Rassismus ist in der Tech-Branche bei Weitem kein neues oder besonders überraschendes Phänomen. Angefangen beim subtilen Rassismus im Silicon Valley bis hin zu den oberflächlichen Versuchen, Frauen und Farbige zu beschwichtigen, ist die Tech-Industrie noch immer zu einem viel zu großen Teil eine gut geschützte Bastion für eine weiße, männliche Elite.

Der aktuelle Fehltritt von Snapchat zeigt also einmal mehr, wie wichtig es ist, dass Minderheiten sich zu Wort melden—ansonsten könnte unsere Zukunft tatsächlich eine sehr Weiße sein.

„Rassismus in Sozialen Netzwerken ist nichts Neues. Durch die Snapchat-Filter wurde er nur offiziell gemacht", erklärte Sparapani. „Dank Snapchat ist es einfacher geworden, rassistisch zu sein."