Das erste große Game mit Hakenkreuzen ist in Deutschland erschienen – warum das ein Erfolg ist

Für die deutsche Gaming-Branche beginnt mit 'Attentat 1942' eine neue Ära: Das sogenannte Hakenkreuz-Verbot in Games ist Geschichte. Trotzdem darf noch längst nicht jedes Spiel mit Nazi-Symbolik auf den Markt.

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Sep. 12 2018, 8:56am

Das Spiel 'Attentat 1942' darf nun unzensiert in Deutschland erscheinen | Bild: Vlambeer | attentat1942.com


"Mein Kanzler!", rufen uniformierte Soldaten im Spiel Wolfenstein 2: The New Colossus dem Diktator zu, der gerade den Krieg gewonnen und die USA besetzt hat. "Heiler" heißt der Mann, dessen Oberlippe kahl rasiert ist. In seinem Büro wie auf den Straßen hängen rot-weiß-schwarze Flaggen mit einem Dreieck oder einem Wolfskopf in der Mitte. In der US-Version des Games sind es Hakenkreuze, der Diktator heißt Hitler und seine Oberlippe schmückt der berühmte Balken. Der Grund für diese Unterschiede: Das Hakenkreuz gilt neben anderen NS-Symbolen in Deutschland als verfassungsfeindlich und durfte in Games nur entfremdet nachgestellt werden – bis vor Kurzem. Nun ist mit Attentat 1942 die erste Vollversion eines Spiels mit Hakenkreuzen unzensiert in Deutschland erschienen.

Am 9. August hat nämlich die USK – die verantwortliche Stelle für die Prüfung von Computerspielen – ihre Haltung geändert. Künftig gilt für Spiele dieselbe Regel wie für Kinofilme: die Sozialadäquanzklausel. Aufgrund dieser Klausel können in Kinofilmen wie Schindlers Liste oder Inglourious Basterds Hakenkreuze auch in Deutschland gezeigt werden. Die Klausel erlaubt die Darstellung von sogenannten verfassungsfeindlichen Symbolen unter anderem in Kunst, Wissenschaft und Lehre.

Lange Zeit konnten sich Games in Deutschland nicht die Kunstfreiheit zunutze machen, obwohl selbst die Bundeskanzlerin im Jahr 2017 Spiele als Kulturgut bezeichnet hatte. Seit Jahrzehnten ärgerten sich Gamer in Deutschland über die Zensur von Spielen wie Sniper Elite, Wolfenstein oder Call of Duty. Dass die Sozialadäquanzklausel nun auch für Games gilt, lässt sich durchaus als historische Wende bezeichnen.

Historisches Ereignis für die Spielebranche

Seit wenigen Tagen können Gamer also Attentat 1942 mit einer Altersbeschränkung von zwölf Jahren in Deutschland kaufen. Das Spiel schreibt damit deutsche Gaming-Geschichte. Nach seinem Release im Oktober letzten Jahres konnte es in Deutschland zunächst nicht verkauft werden – wegen Nazi-Symbolen.

Screenshot aus dem Spiel 'Attentat 1942'.
Das Spiel 'Attentat 1942' darf nun unzensiert in Deutschland erscheinen | Bild: Vlambeer | attentat1942.com

Attentat 1942 , entwickelt an der Prager Karls-Universität und der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, handelt vom Widerstandskampf gegen die Gestapo im von Nazis besetzten Prag. Der Spieler recherchiert in der heutigen Zeit über das Leben des eigenen Großvaters, der von der Gestapo 1942 festgenommen wurde. Während er mit Zeitzeugen über ihre Erinnerungen spricht und Mini-Spiele löst, kommt er seiner Familiengeschichte auf die Spur.

Ein Sprecher der USK bezeichnete das Spiel im Gespräch mit Motherboard als guten ersten Einstieg, um die Sozialadäquanzklausel auf Games anzuwenden. In Attentat 1942 werde nicht nur der Widerstand gegen das NS-System thematisiert, es vermittle dem Spieler auch Wissen über die Zustände der Nazizeit. Vieles spricht dafür, dass es sich bei Attentat 1942 um einen Präzedenzfall handelt, an dem sich künftige Spiele mit NS-Symbolen zu messen haben, wenn sie in Deutschland erscheinen wollen. "Das USK-Rating soll nicht nur für einen Tag bestand haben", so der USK-Sprecher gegenüber Motherboard.

Auf der Gaming-Plattform Steam erklärten die Entwickler von Attentat 1942 auf Englisch: "Wir haben uns sofort für eine Prüfung [der USK] beworben und sind super stolz, Attentat 1942 endlich unseren Freunden in Deutschland präsentieren zu dürfen."

Zuvor kam die neue Regelung bereits auf der diesjährigen Spielemesse Gamescom zum Einsatz, und zwar als die Demo-Version von Through the Darkest of Times von der USK freigegeben wurde. Das Spiel des Berliner Entwicklerstudios Paintbucket Games enthält Hakenkreuze und den Hitlergruß und hätte zuvor nach der bisherigen Regelung in Deutschland in dieser Form nicht erscheinen dürfen. In Through the Darkest Times muss der Spieler als Teil des Widerstands gegen das Nazi-Regime kämpfen, die Story folgt dabei historischen Ereignissen.

Was der USK durch die neue Regelung jetzt bevorsteht

In einem Interview mit Zeit Online äußerte sich Lisa Gotto, Professorin für Media and Game Studies an der TH Köln, optimistisch über die neue Regelung der USK: "Kinder werden nicht zu Nazis, wenn sie ein Hakenkreuz sehen", so Gotto. Wichtig sei der Kontext, in dem ein Hakenkreuz oder eine SS-Rune auftauche.

Für Entwickler bislang zensierter oder verbotener Spiele heißt all das: Ab jetzt können sie ihre Produkte bei der USK prüfen lassen. Falls ihre Inhalte unter die neue Klausel fallen, dürfen die Spiele entsprechend unzensiert in Deutschland erscheinen. Wie viele Spiele derzeit von der USK unter der neuen Klausel geprüft werden, möchte die USK auf Anfrage von Motherboard nicht preisgeben. "Die Titel werden meist in einem Pre-Alpha-Status getestet, von dem keine Informationen an die Öffentlichkeit gelangen sollen. Es handelt sich oft um Spiele, die man noch nicht einmal bei Google findet", erklärte ein Sprecher der USK.


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Schon im Mai wurde eine mögliche Lockerung des sogenannten Hakenkreuz-Verbots in Games sichtbar. Der Anlass war eine Debatte über das Spiel Bundesfighter der Komiker von "Bohemian Browser Ballett": Ihr Game war der Spielreihe Street Fighter nachempfunden und ließ unterschiedliche Politiker in einer Arena gegeneinander kämpfen. So auch ein virtuelle Version des AfD-Politikers Alexander Gauland, der mit einer Spezialattacke seinen Körper zu einer Swastika verdrehen konnte.

Zu einem Verfahren gegen die Entwickler kam es aber nicht. So begründeten die Staatsanwälte ihre Entscheidung: "Nach hiesiger Bewertung dient das Online-Spiel Bundesfighter sowohl der Kunst als auch der staatsbürgerlichen Aufklärung." Am Ende jedes Kampfes erscheine zum Beispiel die Aufforderung: "Don't forget to vote."

Für die Entwickler von Wolfenstein 2:The New Colossus ist es jetzt also möglich, ihr Spiel erneut von der USK prüfen zu lassen. Ganz so einfach wie im Fall von Attentat 1942 könnte eine mögliche Entscheidung über Wolfenstein aber nicht werden. Zumindest der Wert des Games für Wissenschaft und Lehre ist ein anderer: Der Protagonist kämpft in dem Spiel zwar gegen Nazis, aber das geschieht in einer fiktiven Zukunft, in der die Nazis unter anderem den Mond eingenommen haben und Hitler auf der Venus lebt – historisch akkurat ist das eindeutig nicht. Das letzte Wort über diese und andere Games hat nun die USK. Und wie ihr Sprecher abschließend bemerkte: "Wir leben bei der USK damit, dass es Unmut über Entscheidungen geben kann."

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