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Chemical Love vor Gericht: Wer hinter dem millionenschweren Drogen-Webshop stecken soll

Daniel Mützel

Mastermind der 3,5-Millionen-Euro-Bande soll der Sohn des Ex-Nationalspielers Walter Kelsch sein, der zuvor im Rotlichtmilieu und als Straßendealer sein Geld verdiente.

„Höchste Qualität, diskrete Verpackung, günstige Preise" – das versprach Europas größter Online-Drogenversand Chemical Love seinen Kunden. Rund ein Jahr und vier Monate versorgte der Webshop Haushalte auf dem ganzen Kontinent mit einem bunten Strauß an Designerdrogen, Psychedelika, Uppers und Downers. Obwohl Chemical Love längst nicht nur im Darknet, sondern hauptsächlich im Clearnet seine Ware anbot, schien der Shop lange uneinnehmbar für die Behörden. „Wir kennen alle Tricks", so die wenig bescheidene Botschaft auf der Website.

Doch im Frühling des vergangenen Jahres kam das Geschäft urplötzlich ins Stocken – der Händler schien verschwunden und reagierte nicht mehr auf Anfragen. Nach einer Razzia am 14. April im pfälzischen Rülzheim sitzen die drei mutmaßlichen Hintermänner nun in Landau vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern vor, zwischen Januar 2015 und April 2016 über 100 Kilo Drogen nach Deutschland geschmuggelt und von dort aus gewerbsmäßig verkauft zu haben. Den Großteil des Stoffs sollen sie aus den Niederlanden beschafft haben, das Crystal Meth aus Tschechien. Als die Beamten am 14. April vergangenen Jahres in Rülzheim ein Drogendepot aushoben, fanden sie darin neben kiloweise Stoff und anderen Beweismitteln auch das Trio, das sich nun in Landau vor dem Amtsgericht verantworten muss. 3,5 Millionen Euro sollen die Angeklagten bis zur Zerschlagung des Shops umgesetzt haben.

Es ist ein außergewöhnlicher Prozess: 30 Verhandlungstage, eine 5.000 Seiten schwere Akte, mögliche Haftstrafen bis 15 Jahre. Wie die drei sich zu den Anklagepunkten verhalten, entscheidet sich in den nächsten Wochen. An diesem Donnerstag, dem ersten Tag des Prozesses, geht es allerdings um das Leben der Angeklagten vor ihrer Zeit als mutmaßliche Drogen-Kingpins.

Prozessauftakt am Amtsgericht in Landau. Bild: Daniel Mützel / Motherboard

Eine Verurteilung des Trios könnte auch das Online-Geschäft mit Drogen in Deutschland nachhaltig verändern. Denn mit der Zerschlagung von Chemical Love scheinen die Behörden die kurze Ära großer deutscher Drogen-Versandhäuser vorerst gestoppt zu haben. Eine Ära, die der Drogen-Webshop Shiny Flakes begann, der 2013 an den Start ging und mit einem professionellen Shopsystem und serviceorientiertem Marketing den Drogenmarkt in Deutschland ins Internet brachte. Nach der Verhaftung von Shiny Flakes füllte Chemical Love 2015 die entstandene Lücke, ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht.

Dreh- und Angelpunkt der Anklage ist der Sohn des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Walter Kelsch und mutmaßlicher Kopf der Bande. Kelsch junior soll unter dem Alias z100 die Fäden hinter Chemical Love gezogen haben: Als Mastermind hinter der Organisation soll er die Mitangeklagten Dennis T. und dessen Bruder René L. erst für sein Business gewonnen haben, sie hätte er – wie auch seinen Vater Walter Kelsch – zur „Umsetzung seines Tatplans" gebraucht, wie es Staatsanwalt Alexander Fassel formuliert.

Ist Kelsch junior z100?

Bild: Screenshot Chemical Love

z100 beschrieb sich auf Chemical Love als „eleganten Strategen und konsequenten Geschäftsmann – Spezialgebiet: Kokain und schöne Uhren". Eine Beschreibung, die nur mit Mühe auf den 30-Jährigen passt, der in Landau auf der Anklagebank kauert und den Fragen des Richters zunächst nur widerwillig, fast patzig antwortet. Kelsch wirkt bisweilen so, als könnte er immer noch nicht so ganz begreifen, wie er überhaupt in diese Lage gekommen ist.

„Ich bin ein kompletter Emotionsmensch"

Während die Anklage verlesen wird, wirkt er abwesend, schreibt hin und wieder was in seinen Block. Durch das gebügelte Hemd schlängelt sich ein schwarzes Tattoo über den Unterarm bis zu den Fingern. „Ich bin ein kompletter Emotionsmensch", sagt Kelsch, als der Richter ihm zu verstehen gibt, jetzt mal mehr über ihn wissen zu wollen als ein paar genuschelte Halbsätze. Sein Verhältnis zu seinem Vater beschreibt Kelsch als schwierig. „Papa" habe nur wenig Gefühle gezeigt, ihn stattdessen mit Geschenken überhäuft. Die Mutter aber sei „ein herzensguter Mensch", so der Sohn, er sei ohnehin durch und durch ein „Mamakind".

Wie der stereotype Boss eines Drogenrings wirkt er nicht, aber um Wirkung geht es bei dem Prozess nur sekundär. Was seine Zeit vor Chemical Love betrifft, so würde ein Personaler wohl sagen: Die Voraussetzungen für den Job hat er mitgebracht. Drogen habe er laut eigener Aussage in „extremen" Ausmaßen konsumiert, am Ende bis zu vier Gramm Kokain pro Tag. Als „verwöhntes" Kind, wie er sich selbst beschreibt, habe er lange Zeit viel bekommen und musste wenig dafür tun. Der wirtschaftliche Crash seines Vaters, der nach seiner Sportlerkarriere mit windigen Immobiliengeschäften 2012 seine Firma verlor, führte den Sohn auf andere Bahnen, „weg von Papa und der Scheinwelt", wie er sagt.

Einer der Hauptangeklagten (oben) und seine beiden mutmaßlichen Helfer (unten). Bild: Daniel Mützel / Motherboard

Er stieg laut eigener Aussage zunächst ins Rotlichtmilieu ein, verwaltete „Terminwohnungen" für Prostituierte in Stuttgart, Hamburg und anderen Städten, bis er eines Nachts in einer Bar den vietnamesischen Mafiosi „Jun" kennenlernte, der ihn mit satten Gewinnversprechen für den Straßenhandel mit Crystal Meth gewann. Laut eigener Aussage war dies Kelschs erster Berührungspunkt mit bandenmäßigem Drogenhandel – ein biographischer Wendepunkt, der Jahre später für die Geburt von Chemical Love eine zentrale Rolle gespielt haben könnte.

Wie kamen die Ermittler ihnen auf die Spur?

Ein Knackpunkt der Verhandlung ist die Frage, wie die Ermittler es schafften, den Shop-Betreibern auf die Schliche zu kommen. Chemical Love bot seine Ware über eine .cc- und später eine .to-Adresse im Internet an. Beworben wurde das Angebot über ein Schwarzmarkt-Forum im Internet mit zuletzt rund 60.000 Mitgliedern. Erst später konnte man das im Internet verfügbare Sortiment auch auf einer .onion-Seite im Darknet finden.

Wie aus Verteidigerkreisen zu hören ist, dürften die Behörden auf den ersten brauchbaren Hinweis über einen Testkauf gestoßen sein: So sei davon auszugehen, dass zunächst ein verdeckter Ermittler eingesetzt wurde, um als Kunde über Chemical Love ein Päckchen zu bestellen. Möglich ist weiterhin, dass die Fahnder nach Erhalt des Stoffes – etwa über die Rückverfolgung des Poststempels oder der Trackingnummer – eine Adresse oder eine Postfiliale ermitteln konnten, wo das Päckchen eingeworfen wurde.

Die nächsten, möglichen Schritte wären: Observation der Filiale, Überwachung der Telekommunikation (TKÜ) von Verdachtspersonen  – und warten. Fest steht zumindest, dass es zunächst Ermittlungen gegen die beiden Mitangeklagten gab. Erst über sie kamen die Ermittler auf den mutmaßlichen Kopf der Bande, wie Kelschs Anwalt Achim Bächle gegenüber Motherboard bestätigt.

Das zuvor beworbene „Nature One-Paket". Bild: Screenshot Chemical Love-Website

Ob sich die drei Angeklagten auch zur Sache äußern wollen, ist noch nicht bekannt. Die Beweislast scheint zumindest erdrückend: Als die Beamten im April vergangenen Jahres das Depot der Bande in Rülzheim stürmten, fanden sie neben dem Trio und anderen Beweisen auch eine stattliche Menge Stoff: 55 Kilo Amphetamine, 25.000 XTC-Pillen, 1,3 Kilo Kokain und 4 Kilo Heroin. Das meiste in „sehr guter Qualität", wie die Staatsanwaltschaft bestätigt.

Auch Ex-Fußballer Walter Kelsch soll Teil der Bande gewesen sein. Laut Anklage habe der Vater seinen Sohn mehrmals zu einem Großdealer nach Rotterdam kutschiert, doch angeblich, ohne vom „kriminellen Zweck der Fahrten" gewusst zu haben. Gegen ihn wird separat verhandelt.

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Haupttäter wird nächste Woche fortgesetzt.