Überraschende Wende im Shiny Flakes-Prozess: Maximilian S. packt aus

Am dritten Verhandlungstag sagt Maximilian S. vor dem Landgericht Leipzig aus und beschreibt, wie er seinen Clearnet-Drogenshop aufgezogen hat.

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28 September 2015, 12:00pm

Die Leipziger Polizei präsentiert wenige Tage nach der Verhaftung von Shiny Flakes die bei Maximilian S. beschlagnahmten Drogen | Bild: Motherboard

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Betreiber der Plattform Shiny Flakes, über die sowohl im Clearweb als auch im Darknet über zwei Jahre Drogen aller Art verkauft wurden, kam es am Montag, den 28.9., zu einer überraschenden Wende: Der Hauptangeklagte Maximilian S. hat am dritten Verhandlungstag ein umfassendes Geständnis abgelegt. Seit seiner Festnahme Anfang März dieses Jahres hatte der 20-Jährige bisher jede Aussage verweigert.

Bei dem Termin im Leipziger Amtsgericht schilderte Maximilian S. nun detailliert, wie er seinen Drogenversandhandel im Internet aufbaute und Schritt für Schritt erweiterte. Dabei sei es ihm nicht um persönliche Bereicherung gegangen, sondern darum, „das Projekt perfekt zu machen".

Auch zu seinen Lieferanten und zwei Mithelfern äußerte sich Maximilian im Prozess vor Ort, wobei er allerdings (trotz geschickter Nachfragen des Staatsanwalts) keine näheren persönlichen Angaben über diese machte. Er nannte weder ihre tatsächlich Vor- noch Nachnamen, noch ihre Wohnorte, sondern erwähnte sie lediglich mit ihren Online-Nutzernamen.

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Vor dem Start von Shiny Flakes im März 2013 hatte Maximilian S. eine andere Idee zum Geldverdienen im Internet, wie er in seinem Geständnis erklärte: Ursprünglich hatte er vor, beliebte kostenpflichtige Porno-Websites zu kopieren und so zu Geld zu kommen. Aufgrund der zu großen Konkurrenz im Erotik-Geschäft entschied er sich jedoch letztlich dafür, seine Ersparnisse von 2000 Euro anderweitig anzulegen.

Nach länger Recherche und Marktanalyse rund um deutsche Online-Drogendealer bestellte er sich ein paar Pilze und 30 Gramm Kokain von einem in der Szene bekannten Händler, um die Drogen anschließend online selbst weiterzuverkaufen. Währenddessen lebte Maximilian S. weiterhin zu Hause, wo er sich von seiner Mutter aushalten ließ. Bei seinen ersten Schritten zum Internetunternehmer sei ihm sein generelles Interesse an Darknet- und Internetthemen sowie autodidaktische Programmierfähigkeiten zugute gekommen.

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Ursprünglich habe er geplant, nur ein Shopsystem für einen Online-Drogenhandel aufzubauen, während ein weiterer Mitstreiter den Versand, und der Großhändler, bei dem er eingekauft hatte, das Drogenhandling übernehmen sollten. Der Händler wurde zu einer Art Mentor für Shiny Flakes, mit dem er sich häufig online austauschte. Zunächst verfolgte man den Plan, lediglich Kokain zu verkaufen (als erfahrener Verkäufer verfügte sein „Mentor" über gute Kontakte); später kam über eine Niederlande-Connection die Angebotserweiterung um diverse chemische Drogen zustande. Mit seinen dortigen Lieferanten arbeitete Shiny zwar vertrauensvoll zusammen, lernte sie aber nie persönlich kennen.

Schon im Januar 2014 stieg einer seiner Mitstreiter aus; der zweite wurde am 28.01.2015 verhaftet. Trotzdem hielt Maximilian S. den Betrieb von Shiny Flakes alleine aufrecht; zum einen, weil er sich technisch abgesichert fühlte, zum anderen gab er an, ein besseres Angebot auf den Markt bringen zu wollen als bislang vorhanden. Heute sagt er: „Das Schlauste wär' gewesen, sofort alles wegzuwerfen".

Er schickte seine Drogen zur Qualitätssicherung an die Uni München—der dortige Mitarbeiter wurde in Koks bezahlt.

Maximilian S. ging es, so ließ sein Anwalt Stefan Costabel verlauten, bei seiner Verkaufstätigkeit ausschließlich um die Anerkennung im Netz—er hatte keinerlei Interesse daran, Geld zu verdienen oder seine Person in den Mittelpunkt zu stellen. Zudem war der Dealer um seinen Ruf so besorgt, dass er sich mit dem Moderator eines einschlägig bekannten deutschen Forums zum Thema Onlinekriminalität häufig darüber austauschte, wie übler Nachrede beizukommen sei—von Konkurrenten, die in dem Forum seiner Ware schlechte Bewertungen in Bezug auf die Qualität der Drogen hinterließen. Den Admin setzte er unter Druck, Nutzer zu sperren, sollten sie sich negativ über seine Qualität äußern. Anderweitig war er um Öffentlichkeitsarbeit bemüht, indem er zum Beispiel Text-Anzeigen auf einer Film-Downloadseite schaltete.

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Zum Zwecke der ständigen Qualitätssicherung gab Maximilian S. an, seine Drogen regelmäßig zur Kontrolle an verschiedene Stellen geschickt zu haben. Neben (zumindest nach dortigem nationalen Recht) legalen Drogenprüfstellen wie Energy Control in Spanien oder Safer Party in der Schweiz schickte er Substanzen zum Test auch an einen Mitarbeiter der Uni München, den er für seine Analysen per Massenspektrometer und im Magnetresonanzverfahren praktischerweise direkt in Koks statt Geld bezahlen konnte. Letzteren Kontakt hatte ihm sein Mentor vermittelt.

„Haben Sie eigentlich auch mal was Legales gemacht?"

Trotz alledem lief nicht immer alles reibungslos, insbesondere, nachdem Maximilian ganz allein auf sich gestellt war: So wurde er bei einer seiner wenigen Missionen außerhalb der eigenen vier Wände abseits von Postgängen bei einem vermasselten Deal um 60.000 Euro Bargeld betrogen. Er sollte das Geld im Tausch gegen Ware an einen vereinbarten Übergabeort in Leipzig bringen, doch der Mittelsmann machte sich mit der Summe aus dem Staub.

Ein Teil der über 300 Kilogramm beschlagnahmten Drogen. Bild: Motherboard.

„Haben Sie eigentlich auch mal etwas Legales gemacht?", wollte der Vorsitzende wissen. „Ja, ich hab Battlefield 4 gespielt und manchmal FC Bayern-Spiele geschaut", so die lapidare Antwort. Auch seine Ausbildung zum Restaurantfachmann, mit der er seinen Lebensunterhalt vor seiner Karriere als Online-Dealer bestritt, habe er aus „Desinteresse" abgebrochen, gab Maximilian zu Protokoll. „Die paar Leute, mit denen ich mich auf der Arbeit gut verstanden habe, waren alle weg".

Als Maximilian das Auftragsvolumen über den Kopf stieg, stellte er für Kunden zunächst die Möglichkeit ein, Aufträge über Jabber aufzugeben. Danach erhöhte er die Mindestbestellmenge auf 200 Euro, um sich etwas Zeit zu verschaffen. „Ich hatte keine Zeit mehr, zu denken", so der Angeklagte. Zuletzt habe er 16-Stunden-Tage gearbeitet, in denen er beispielsweise um 23 Uhr nachts begann, das Koks zu zerkleinern und zu portionieren, um sechs Uhr morgens dann gefüllte Briefe zur Packstation brachte und sich nach einem Brötchen beim Bäcker für gerade mal zwei Stunden hinlegen konnte, bevor seine Routine aus Bestellungen bearbeiten und für Nachschub sorgen von vorne begann. Soziale Kontakte habe er außerhalb des Netzes in dieser Zeit keine gepflegt.

„Gegen Ende gab es keinen Tagesablauf mehr", resümierte Maximilian S.

„Was denken Sie, was noch aus Ihnen werden kann? Sie sind ja noch jung", fragte ihn das Gericht. Er habe kein konkretes Ziel, gab Maximilian S. zu Protokoll. Nur eine Ausbildung wolle er im Gefängnis gern beginnen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Maximilian S. vor, über eigens aufgebaute Shopsysteme im Clearweb und später auch im Darknet mit 914 kg Drogen von seinem Kinderzimmer aus gehandelt und diese weltweit verschickt zu haben. Die Verhandlung wird am 6.10.2015 vor dem Landgericht Leipzig fortgesetzt. Dann wird das Gericht noch weitere Zeugen wie Maximilians Mutter sowie deren Lebensgefährten anhören, um beide nach ihrer Rolle in Maximilians Karriere zu befragen. Auch das Gutachten der Gerichtshilfe steht noch aus, das darüber entscheiden könnte, ob Maximilian nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird—fest steht schon jetzt, dass Maximilian als Hauptangeklagtem mehrere Jahre Gefängnis drohen.

Motherboard wird weiterhin von dem größten deutschen Prozess um Online-Drogenhandel berichten.