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Bachelor of Waffenexport: Der Student, der zum globalen Waffen-Dealer wurde

VonDaniel MützelundMax Hoppenstedt

„Ich kann dir versprechen, hier wirst du alles, was illegal ist, zu Geld machen.“ Der Aufstieg und Fall des 26-Jährigen, der zwei Jahre lang einer der wichtigsten Waffenschieber des Darknets war.

Bild: Daniel Mützel | Motherboard

Blindgänger

Ortstermin: ein Waldgebiet in Unterfranken. Einer dieser toten Winkel, an denen selbst Googlemaps versagt. Nur Ortskundige kennen den Weg, der immer tiefer in die unterfränkische Pampa führt und über den ansonsten höchstens die Traktoren der anliegenden Bauernhöfe knattern. Christoph K., der sich im Darknet Max Mustermann nennt, ist weniger als eine halbe Stunde von hier entfernt aufgewachsen, und auch, als er für sein Studium nach Schweinfurt zieht, kehrt er immer wieder an diesen Ort zurück.

An einem kaum befahrenen Dorfausgang gelangt K. auf einen schmalen Pfad, den er mittlerweile wie seine Westentasche kennen muss. Sein Auto lässt er vermutlich in einer Seitenstraße in dem 200-Seelen-Kaff zurück und marschiert zu Fuß weiter, bevor er sich mit einer Halbautomatik im Gepäck in die Wälder zurückzieht.

Je weiter der Weg hineinführt, desto eindringlicher werden die Warnungen. „Betreten wird strafrechtlich verfolgt!", „Blindgänger!", „Lebensgefahr!" An einer Gabelung endet der Pfad abrupt. „Der Kommandant" warnt auf mehreren Schildern, dass das Übertreten der „Grenze des militärischen Sicherheitsbereiches" tunlichst zu unterlassen sei. Wer es trotzdem tut, steht mitten auf dem Schießgelände der Bundeswehr-Kaserne Hammelburg. Frische Farbmarkierungen an den Bäumen weisen auf einen regelmäßig genutzten Übungsplatz hin.

Christoph K. ließ sich nicht beirren, hat sich nie beirren lassen. Der Truppenübungsplatz der Bundeswehr ist seine Spielwiese und zugleich ein wichtiger Knotenpunkt seines Import-Export-Geschäfts: Hier, hinter verschlafenen Dörfern und nur einen Katzensprung entfernt von Soldaten, die für den Kampf gegen den IS ausgebildet werden, testet er seine eigenhändig umgebauten Knarren auf Präzision und Tauglichkeit—bevor er sie per DHL an Kunden in ganz Europa verschickt.

Motherboard vorliegende Dokumente offenbaren die ganze Dimension des Falls: K. ist nicht irgendein Darknet-Anbieter. Er liefert seine DIY-Büchsen und Geschosse an über 75 Adressen im In- und Ausland, darunter an Kunden aus Österreich, Großbritannien, Frankreich und sogar Australien.

„Ich kann dir versprechen, hier wirst du alles, was illegal ist, zu Geld machen."

In Darknet-Foren diskutiert der heute 26-Jährige am liebsten über technische Details und mimt den hilfsbereiten Experten, der harmlosen Hobbyschützen den Wunsch nach der eigenen Wumme erfüllt—was einige seiner Empfänger mit den Waffen wirklich anstellen, erfährt er erst vier Jahre später im Gerichtssaal: Drogenhändler tragen mit den Waffen ihre Revierkämpfe auf den Straßen Großbritanniens aus, manche landen in den Händen von Zivilfahndern und ein Käufer aus Bayern richtet sich mit einer Waffe selbst.

Eine Browning aus Ungarn. Screenshot: Motherboard

Der Kommandant warnt. Bild: Daniel Mützel | Motherboard

Zwischen Vorlesung und Darknet-Deals

Ingenieursmathematik, die Grundlagen des Maschinenzeichnens, regelmäßige Praktika und fächerübergreifende „Soft Skills"—der Bachelorstudiengang Mechatronik der FH Schweinfurt rühmt sich damit, einen „neuen Ingenieurstypus" heranbilden zu wollen. Bereits in den ersten Semestern wird ein praxisorientiertes Studium versprochen.

Doch für den damals 23-jährigen K. sind die Seminare und Vorlesungen offenbar noch nicht anwendungsbezogen genug. Denn lange bevor sein Studium in die Praxisphase übergeht, entschließt er sich, seine technischen Fertigkeiten in einem anderen Tätigkeitsfeld einzusetzen—und in eine virtuelle Parallelwelt abzutauchen, in der er schnell vom Lehrling zum Meister aufsteigt.

Der Türöffner ist ein String kryptographischer Zeichen—ein PGP-Schlüssel, registriert auf die fiktive E-Mail-Adresse Gianniluco@pizzatortelini.it. Der Schlüssel ist die Voraussetzung, um seine künftige Geschäfts-Korrespondenz vor Cyber-Ermittlern zu schützen. An einem Montagmorgen im Januar 2012 um 4:16 Uhr generiert Christoph K. den Schlüssel, mit dem er im Netz Nachrichten signiert und verschlüsselt.

Es sind noch 36 Monate, bis ein SEK-Trupp den Campus der Schweinfurter FH stürmt, um ihm seinen Laptop aus der Hand zu reißen.

„Wir hatten ständig politischen Druck, auf höchster Ebene, den Fall möglichst schnell zu lösen," gibt die BKA-Beamtin zu Protokoll.

Im August 2013 beginnt er, was er später als „Traumjob mit Traumverdienst" bezeichnen wird: Er eröffnet ein Händler-Profil auf dem Darknet-Schwarzmarkt Black Market Reloaded (BMR)—verglichen mit üblichen Nicknames wie „ThePusher" oder „Agoradick1" (wie zwei seiner Kunden hießen) wählt er ein wenig glamouröses Pseudonym: „Max Mustermann". Doch seiner Popularität in der Waffen-Community des Deepwebs tut diese etwas einfallslose Branding-Strategie keinen Abbruch: Max Mustermanns Erfolgsrezept besteht vor allem im Aufbau von langfristigem Kundenvertrauen sowie in seiner hilfsbereiten Art: Neuen Händlern gibt er bereitwillig Empfehlungen mit auf den Weg und selbst für die Konkurrenz hat er Verkaufstipps auf Lager.

Betreiber von Tor-Servern erklären, warum die Technologie des Darknets längst nicht nur dunkel ist

Max Mustermann führt einen bunten Strauß an Waren in den Regalen seiner virtuellen Waffenboutique—er bietet nicht nur Knarren, sondern vor allem auch Munition an. Es dauert nicht lange, bis er merkt, dass der Verkauf von Munition sogar das lukrativere Geschäft ist. Auch im Darknet gilt das Prinzip: Kleinvieh macht auch Mist.

Die großen Gewinnmargen allerdings lassen sich mit Waffen erzielen. Eines der ersten von ihm verkauften Modelle ist eine vollautomatische Pistole aus türkischer Herstellung, das Angebot ist einfach überschrieben mit „Zoraki 925 full auto Pistol". Die Waffe erwirbt K. als sogenannte Dekowaffe. Vor dem Umbau liegt der Einkaufspreis bei wenigen hundert Euro, Mustermann verkauft die Waffe wohl für über 1.000 Euro.

Jahre später offenbart die Anklageschrift, wie hoch die Margen bei den Waffenkäufen von Mustermann sind: So kaufte K. eine Dekowaffe für 200 Euro, die er später für 2.000 Euro im Darknet vertickt. Alles, was er noch erledigen muss, sind fachmännische Handgriffe wie das Herausschleifen von Dekowaffenstempel und Beschusszeichen sowie das Herausbohren des Stahlstiftes.

Ein Munitionsangebot von Max Mustermann | Screenshot: Motherboard

Bezahlt wird in Bitcoin, abgesichert durch das Treuhandsystem des Darknet-Marktes. Schnell erarbeitet er sich einen Ruf als zuverlässiger Trader. Bereits nach rund zwei Monaten sind auf seinem Profil 30 Rückmeldungen von Käufern eingegangen—allesamt positiv: „Hat klasse geklappt :-) Hab sogar ein paar Schuss extra bekommen :-) Kann den Vendor nur empfehlen, jederzeit wieder", schreibt der User felixak am 30. November 2013.

Märkte kommen, Märkte gehen: Max Mustermann bleibt

Das Jahr 2014 beginnt unruhig für digitale Schwarzmarkt-Händler. Der US-Polizei war mit der Abschaltung von Silk Road und anderer Hidden Services erstmals ein großer Schlag gegen einen prominenten Darknet-Markt gelungen. Zahlreiche Nutzer wechseln danach zu Black Market Reloaded (BMR). Der Marktplatz ist damals die Nummer Zwei im Darknet, und er bietet im Vergleich zu Silk Road für Max Mustermann einen entscheidenden Vorteil: Hier ist auch der offene Verkauf von Waffen erlaubt—auf Silk Road hatten die Betreiber um Ross Ulbricht den Handel mit Schusswaffen aus ethischen Gründen untersagt.

Doch schon bald verhängt BMR einen Aufnahmestopp für neue Nutzer und geht schließlich ganz vom Netz. Für Christoph K. ist das zunächst ein Problem: BMR war seine Heimat. Hier konnte er sein junges Geschäft aufziehen, hier konnte er die ersten Kunden an sich binden. Aus Mangel an Alternativen sattelt er letztlich, wie viele seiner Kollegen, auf den Marktplatz Agora um, unter anderem weil die dortigen Administratoren ein für Mustermann vorteilhaftes Feature bieten: Sie ermöglichen es Händlern, ihre alten BMR-Accounts mit Hilfe des PGP-Schlüssels zu verifizieren und auf ihrem Marktplatz zu übernehmen. Mustermann kann damit von seinem bei BMR aufgebauten Renommée profitieren und beginnt ab Anfang Februar, sein Angebot wieder aufzubauen. Es dauert nur zwei Wochen, und ein Schalldämpfer inklusive Munition haben den Besitzer gewechselt—das zeigen die positiven Kundenbewertungen, mit denen sich Mustermanns Account kurz nach seiner Eröffnung wieder schmücken kann.

„Wir könnten seine Hilfe für die Klausuren gerade gut gebrauchen."

„If maxmustermann1 is selling it, then its legit, quality and he will deliver...had quite a bit of business with him and yes I have verified its the same vendor from BMR", schreibt ein Kunde. Es sind Rezensionen, wie sie sich jeder eBay-Händler wünscht: „Alles Super, gute Ware und neutrale Verpackung 5/5 . Gerne wieder", erklärt ein Kunde, der sich gerade 50 Schuss Munition für seine Büchsen beschafft hat.

Eine öffentliche Foren-Unterhaltung von Max Mustermann, in der er einem anderen Agora-Nutzer freundliche Tipps zum lukrativen Verkauf erteilt.*

In den Ferien nach dem dritten Semester fährt Max Mustermann das Tempo hoch. Seine Aktivität in den Agora-Foren nimmt von Tag zu Tag zu. Er antwortet schnell und zuverlässig, stets um den Eindruck bemüht, dass seine Kunden bei ihm in guten Händen sind. Allein in den öffentlichen Foren setzt er durchschnittlich vier Posts pro Tag ab, die Themen reichen von Amphetamin-Beschaffung bis Schalldämpfer-Fachsimpelei.

Mit seinem Smartphone bestellt Smokey die Ware aus seiner Gefängniszelle heraus—und lässt die Waffen an Komplizen auf der Straße ausliefern.

All das geht aus den umfassenden Kopien von Darknet-Foren und Nutzerprofilen hervor, die ein unabhängiger Sicherheitsforscher öffentlich zugänglich gemacht und die von Motherboard aufgearbeitet wurden. Der von Gwern Branwen hochgeladene Datensatz ist zwar umfassend (und schon im mehrfach gepackten Format 51 Gigabyte groß), aber dennoch nicht lückenlos. Zusammen mit anderen Motherboard vorliegenden Dokumenten und Recherchen in Unterfranken lässt sich dennoch ein umfassendes Bild des Aufstiegs und Falls von Max Mustermann nachzeichnen.

Der Campus-Camper mit Pizzaofen und Feldbett

Das Motiv hinter K.s Wandlung vom FH-Studenten aus der beschaulichen Provinz zum europaweit exportierenden Darknet-Händler, können auch die Ermittlungen und der anschließenden Prozess nicht abschließend klären. Biografie und Zeugenaussagen lassen Christoph K. nicht wie einen verschlossenen Nerd oder Eigenbrötler erscheinen, der Anschluss in einer virtuellen Community suchte, weil er sich von der analogen Welt verstoßen fühlte. Er hat eine Freundin und ist beliebt in seiner festen Clique von Freunden auf den Campus.

Er hilft beim Organisieren gemeinsamer Uni-Grillabende und büffelt in Lerngruppen für die Klausuren der ingenieurstechnischen Studiengänge. „Wir könnten seine Hilfe für die Klausuren gerade gut gebrauchen und vermissen ihn schon", erklärt ein Campus-Kollege bereits kurz nach der Festnahme gegenüber Motherboard. „Er hatte immer alle Unterlagen und Skripte gründlich mitgeschrieben."

Der Haupteingang zur Schweinfurter Fachhochschule.

Die Schließfächer der Schweinfurter FH sind kurz nach der Verhaftung mit Zetteln markiert, die eine Dauerbelegung verbieten | Bilder: Max Hoppenstedt | Motherboard

Dass ihr Kommilitone ein europaweit agierender Waffenexporteur sein könnte, traut ihm niemand auf dem Campus zu. „Auch nach allem, was durch den Prozess rausgekommen ist, bin ich immer noch ziemlich überrascht", sagt ein anderer, der mehrere Semester mit K. studierte.

Bis das SEK kommt: Die Geschichte hinter der Festnahme

Eines kam den Kommilitonen aber schon länger komisch vor: K. hält sich verdächtig gerne auf dem Campus der Fachhochschule auf—häufiger, als es wohl der fleißigste Student tun würde. Er ist so oft vor Ort, dass er zeitweise mehrere Bibliotheksschließfächer dauerbelegt, auf dem Campus duscht, schon mal ein Nickerchen auf einem mitgebrachten Feldbett macht und einen Pizzaofen für die schnelle Mahlzeit mitnimmt, wie Kommilitonen erzählen.

Auch seine „kriminelle Vergangenheit" reicht kaum als Erklärung für seine Taten aus, wie es ein ambitioniertes Schweinfurter Lokalblatt kurz nach seiner Festnahme ins Blaue hinein mutmaßte. Bei einer Grillfeier im Jahr 2009 hatte er im Rahmen eines Streits unter Jugendlichen einen 17-Jährigen mit dem Messer schwer verletzt, K. verschwand daraufhin für einige Monate in U-Haft.

Deutlich wird zumindest, dass K. im Allgemeinen eine recht „flexible" Einstellung zu Gesetzen zu haben scheint. Er fällt vor allem durch geringfügige Abweichungen von der Norm auf, beispielsweise, als er mal nachts über ein Gerüst in die Uni einsteigt, wie es Studenten erzählen, den Übungsplatz der Bundeswehr unerlaubt nutzt oder den Vater seiner Freundin überredet, ihm unter der Hand Munition zu beschaffen.

Christoph K. wird ins Gericht geführt | Bild: Daniel Mützel | Motherboard

Vor dieser Gerichtsriege endet die Karriere von Max Mustermann schließlich | Bild: Daniel Mützel

Vor Gericht äußert sich Christoph K. nur zurückhaltend zu seinen Beweggründen: Auf der Anklagebank wirkt er ruhig und zeigt sich gegenüber den Nachfragen des Richters durchaus aufgeschlossen (auch wenn er angibt, sich an kaum etwas erinnern zu können, was über die Anklagepunkte hinausgeht). Auf den Gedanken, aus Waffen Geld zu machen, sei er erst später gekommen. Eigentlich ging es ihm ohnehin immer nur ums hobbymäßige Schießen—diese Linie der Verteidigung bleibt an allen fünf Prozesstagen dieselbe. Doch habe er seine ausgeprägte Faszination für Waffen aller Art nicht mit dem mickrigen Salär eines Studenten ausleben können. Auch stand eine Mitgliedschaft im örtlichen Schießverein außer Reichweite, da K. sich aufgrund seiner Bewährungsstrafe wenig Chancen bei der Aufnahme ausrechnete. Nur das Darknet hätte ihm seinen Traum erfüllen können—im Nachhinein wisse er natürlich, „dass das falsch war."

Ein paar Mal war er trotzdem auf der Schießbahn mit dem Vater seiner Freundin. Doch der offizielle Weg, den ihm Franz E. ermöglichte—das Schießen unter kontrollierten Bedingungen im Verein—, reichte dem Waffenfreak nicht. K. wollte mehr.

Der ominöse Ire

Auch K.s Erklärung dafür, wie er vom Waffenfan zum Waffenschieber wurde, lässt bei Außenstehenden hauptsächlich Fragezeichen zurück. Die Geschichte, die er gleich am ersten Prozesstag zum Besten gibt, geht ungefähr so: Ende 2013 spricht ihn ein irischer User in einem Darknet-Chat an und fragt, ob er für ihn ein paar Maschinenpistolen umbauen könne, selbstverständlich gegen Bezahlung. K.s Expertise in Waffenfragen ist in Deepweb-Kreisen bereits verbürgt, insbesondere beim Umbau von Deko-Knarren gilt er als solider Ansprechpartner. K. erkennt die Gelegenheit und fackelt nicht lange. Er bestellt zehn Deko-Maschinenpistolen des Typs Skorpion auf einer slowakischen Internetseite. Er habe gehofft, sich damit seine teure Leidenschaft finanzieren zu können: „Ich wollte verschiedene Kaliber schießen."

Auch der Amoktäter von München soll seine Waffe im Darknet gekauft haben

Blöderweise, so fährt K. fort, verschwand der ominöse Ire so schnell wie er gekommen war und K. bleibt auf seinem mittlerweile scharf gemachten Blechhaufen sitzen. „Ich hatte gar nicht vor, mir einen Berg Waffen zu besorgen", versicherte K. dem vorsitzenden Richter. Doch als sich der Ire nicht mehr meldete, hatte er den sprichwörtlichen Salat und habe sich genötigt gesehen, die Dinger anderweitig loszubekommen. Er landete also laut eigener Aussage eher unabsichlich auf den einschlägigen Marktplätzen im Darknet.

„Also ich habe mir einfach die Waffen besorgt und sie eingestellt. Leg dir einen Vendoraccount zu, so lange er noch so billig ist und lege los."

Zumindest auf den öffentlich einsehbaren Foren des Darknets, über die K. häufig kommunizierte, finden sich keinerlei Belege, die diese Einstiegsgeschichte bestätigen. Tatsächlich erklärt K. in interessierten Käufer zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt sogar, schon einmal erfolgreich nach Irland versendet zu haben. Die von Motherboard aufgearbeiteten Datensätze zeigen außerdem, dass der Nutzer Max Mustermann schon nach wenigen Wochen nicht nur einen Waffentypus verkauft, sondern ein vielfältiges Produktangebot mit verschiedenen Munitionstypen auf seinem Profil eingestellt hat.

Damit bietet Mustermann eine Ware feil, die im Verhältnis zu anderen Darknet-Angeboten deutlich weniger verbreitet ist. Den überwiegenden Teil der über Darknet-Schwarzmärkte abgesetzten Waren machen dabei Drogen aus, aktive Waffenhändler, die laut ihrer Bewertungen tatsächlich zu verkaufen scheinen, gibt es in der aktiven Zeit von Mustermann nur weltweit rund ein Dutzend. Wie groß der Anteil illegaler Aktivitäten am Tor-Netzwerk überhaupt ist, lässt sich ebenfalls nur schwer beziffern. Während eine Studie Anfang dieses Jahres zu dem Schluss kam, dass Darkweb-Seiten mehrheitlich für Verbrechen genutzt werden, rechnen andere Forscher damit, dass lediglich rund drei Prozent der Tor-Aufrufe auf sogenannte Hidden Services (zu denen auch die Darknet-Schwarzmärkte zählen) abfallen.

Eine typische Wohnstraße in der unterfränkischen Provinz in der auch K. aufgewachsen ist. Dieses Bild zeigt eine Straße in dem Ort, in dem der Mitangeklagte von K., Franz E, lebte | Bild: Daniel Mützel | Motherboard

Auch gegenüber anderen Darknet-Nutzern klingt die Einstiegsstory des Waffenhändlers Mustermann etwas anders als im Gerichtssaal: „Also ich habe mir einfach die Waffen besorgt und sie (damals auf BMR) eingestellt. Und das Geschäft läuft. Leg dir einen Vendoraccount zu, so lange er noch so billig ist und lege los.", rät er einem anderen Neuling im Agora-Forum.

Der Fall „Gunny": Es gibt auch Online-Waffenhändler, die gar keinen Tor-Browser brauchen

Obwohl K. vor Gericht beteuert, sein Wissen über den Umbau ausrangierter Kriegswaffen ausschließlich aus YouTube-Videos erworben zu haben, tragen seine technischen Fertigkeiten sicherlich nicht unwesentlich zu seinem erdrutschartigen Geschäftserfolg bei. Schon bevor er sich in den den FH-Studiengang Mechatronik einschreibt, hat K. als Mechaniker arbeitet. Alle Waffen, die er verkauft, baut er eigenhändig um und macht sie scharf.

Dass er, wie er selbst zugibt, im Darknet nur wenige Konkurrenten hatte, liegt unter anderem daran, dass es eigentlich nicht vorgesehen ist, Dekowaffen zu scharfen Knarren umzufertigen. Denn diese ausrangierten Schießeisen müssen, bevor sie legal verkauft werden dürfen, eigentlich so präpariert werden, dass damit nie wieder ein Schuss abgefeuert werden kann. Das geschieht im Normalfall durch maximal-invasive Eingriffe in die Mechanik der Waffe: etwa durch Aufbohrung des Laufs, Verschweißen des Patronenlagers und durch einen Stahlstift im Lauf, der verhindert, dass ein Projektil die Waffe verlässt.

Doch für K. war der Rückbau kein Problem. Er habe schnell verstanden, erklärt er unumwunden vor Gericht, wie er die ungefährlichen Büchsen wieder in tödliche Geräte umwandeln konnte—und damit zu barer Münze.

Die erste Spur

Bei solchen Scans am Flughafen dürfte der Zollfahndung erstmals eine von K. verschickte Waffe aufgefallen sein | Bild: Shutterstock

Während sich Max Mustermann im Darknet schon bald dem Zenit seiner blühenden Händlerkarriere nähert, zeigen sich in der analogen Welt die ersten Risse seiner bis dato makellosen Tarnung. Einer seiner britischen Kunden wird im April 2014 bei einer spektakulären Razzia im Londoner Stadtteil Mitcham hochgenommen.

In seinem Haus finden britische Spezialkräfte eine umgebaute Skorpion-Maschinenpistole mit herausgeschliffener Nummer—es ist wohl das erste Mal, dass Ermittlern eine Waffe von Max Mustermann in die Hände fällt. Doch zu diesem Zeitpunkt kann die Polizei den Ursprungsort der Skorpion noch nicht zurückverfolgen. Alles, was sie haben, ist eine scharf gemachte Maschinenpistole ohne Seriennummer.

Erst als der britische Zoll einen Monat später eine Sendung mit verdächtiger Fracht aus Deutschland abfängt, wissen die Ermittler, dass die Spur in die Bundesrepublik führt. Das Paket enthält eine weitere Skorpion, die auf die gleiche Bearbeitungsweise wie die Waffe aus Mitcham hindeutet: herausgebohrter Bolzen im Lauf, Schleifspuren an der linken Seite des Gehäuses, voll funktionstüchtig.

Die Standardwaffe aus dem Repertorie von Mustermann: Eine Skorpion der AFG inklusive der im Darknet üblichen Zettelmarkierungen, die beweisen sollen, dass der Verkäufer wirklich im Besitz der angebotenen Ware ist | Screenshot: Motherboard

Im Juni 2014 alarmieren die britischen Behörden über Europol das Bundeskriminalamt (BKA) und ersuchen ihre deutschen Kollegen, Ermittlungen in die Wege zu leiten. Zum Glück hatte das Paket in Richtung Großbritannien eine Trackingnummer. Das Ergebnis der Analyse, die das BKA bei DHL beantragt, war laut BKA-Verbindungsfrau Christa Rupp eindeutig: „Wenig später war uns klar: Tatort Schweinfurt."

Kurze Zeit später melden die Londoner Behörden (vermutlich alarmiert durch eine Entdeckung beim britischen Zoll), dass ein weiteres Paket auf dem Weg sei und ob man „in Schweinfurt nicht schon etwas tun könne". Das BKA winkt ab—„aus polizeitaktischen Gründen", wie es später erklärt. Aus Verteidigerkreisen ist jedoch zu hören, dass dies wohl auf fehlende Kapazitäten bei der Kripo zurückzuführen war. Eine synchrone Observation mehrerer Schweinfurter Postfilialen sei wohl personell nicht zu stemmen gewesen. So verlässt auch das dritte Paket die unterfränkische Stadt auf dem Postweg, wird jedoch am 19. Juni vom britischen Zoll im Verteilerzentrum Coventry abgefangen. Der Inhalt: wieder eine scharfe Skorpion, wieder die gleiche Handschrift hinsichtlich Bearbeitung und Verpackung.

Es sind noch 234 Tage, bis die Polizei mehrere Wohnungen in und um Schweinfurt durchsucht und Christoph K. als Verantwortlichen hinter Max Mustermann festnimmt.

Die Sache mit den Hobbyschützen

Die Razzia in London ist nicht nur deshalb von Bedeutung, weil sich ab diesem Zeitpunkt die Schlinge um Mustermanns Geschäft immer weiter zuzieht. Auch sein Beteuern, er habe nur an Waffenfans und Hobby-Schützen geiefert, erscheint unter diesen Umständen wenig glaubwürdig: Der Londoner Waffen- und Drogenhändlerring, der laut Medienberichten im Zusammenhang mit der Razzia im April von britischen Behörden zerschlagen wurde, war einer von K.s Top-Kunden.

Der wegen mehrfachem Raubs verurteilte Alexander M., Spitzname „Smokey", war der Kopf der Bande und machte sich bei seinen Geschäften die Vorzüge der digitalen Welt zunutze: Via Smartphone organisierte der 24-Jährige seine Waffenkäufe bequem aus seiner Zelle im Londoner Wandsworth-Gefängnis. M. wurde im Februar 2015 wegen bandenmäßigen Waffenschmuggels und krimineller Verschwörung zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dass selbst die auf YouTube gelernten einfachen Umbauten überflüssig waren, erfährt K. erst im Gericht. Tatsächlich hätte ein Schuss mit Munition genügt, um die Waffe scharf zu machen.

Die Maschinenpistolen, die Smokey bei K. bestellte, hatte er an Komplizen außerhalb der Gefängnismauern liefern lassen. Den Tor-Browser gibt es schließlich auch für das Handy—das Bitcoin-Wallet von Smokey bleibt für die Gefängnisbeamten unsichtbar.

Krisentreffen in Den Haag

Ein kleiner Zufall verdeutlicht den Ermittlern wenig später, dass die Waffenexporte von Mustermann noch viel weiter gehen, als sie bisher glauben: Weil Christoph K. regelmäßig Pakete verschickt, ist er wohl dazu übergegangen bereits weit im Vorhinein die Frankierung für seine Sendungen bei seiner Schweinfurter Stammfiliale zu kaufen. Doch weil ein Mitarbeiter der Postfiliale auf einen Schlag sieben der Paket-Labels bereits beim Kauf einscannt—und nicht, wie eigentlich vorgesehen, erst beim Versand der Pakete—, weiß das Computersystem der Post, dass alle sieben Labels sowie die damit später verschickten Pakete zu einer Person gehören müssen.

Die Ermittler benötigen also nur den Code von einem der abgefangenen Pakete und eine Anfrage beim DHL-Sicherheitsservice, um den Versandweg der anderen sechs Labels nachzuvollziehen. Jetzt wird ihnen klar, dass der mutmaßliche Aktionskreis von K. weitere europäische Länder—Frankreich und Schweden—umfasst, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststeht, ob in den verschickten sechs Paketen tatsächlich auch Waffen stecken.

„Da hat jemand komisch zu mir rübergeschaut." Seine Stammfiliale wird längst observiert, doch obwohl K. Verdacht schöpft, versendet er trotzdem. In der Postfiliale passierte ihm auch schon der Faux-Pas mit den zu früh eingescannten Frankierungsmarken.

Ein Europol-Treffen im Juni 2014 in Den Haag ist für die folgenden Ermittlungen von großer Bedeutung. Die beteiligte BKA-Ermittlerin Christa Rupp erzählt in der Schweinfurter Strafkammer rückblickend, wie ernst der Fall in deutschen Sicherheitskreisen zu jener Zeit genommen wurde. „Wir hatten ständig politischen Druck, auf höchster Ebene, den Fall möglichst schnell zu lösen," gibt sie zu Protokoll und meint damit vermutlich nicht nur leitende BKA-Kreise, sondern wohl auch die Ministeriumsebene in Berlin.

Doch der Informationsaustausch bei Europol verläuft enttäuschend. Das einzige, was man zu diesem Zeitpunkt austauschen konnte, war die nüchterne Erkenntnis, dass man einen gewissen Max Mustermann aus Schweinfurt suchte, dessen Spur sich in den Untiefen des Darknet verlor.

Während die Mühlen der analogen Polizeiarbeit nur mühsam in Gang kommen, gehen die Darknet-Geschäfte von Max Mustermann in digitaler Höchstgeschwindigkeit weiter. Auch die besorgniserregenden Ereignisse jenseits des Ärmelkanals—die sich für K. zu diesem Zeitpunkt dadurch andeuteten, dass seine Pakete nicht ankamen und damit mit großer Wahrscheinlichkeit beim Zoll landeten—bringen ihn nicht aus der Ruhe. Er liefert weiter in das Vereinigte Königreich, obwohl die wiederholt nicht zugestellten Sendungen durchaus Grund genug gewesen wären, ein bisschen Paranoia zu schieben.

„Eine gigantische Waffenwaschanlage"

An die Dekowaffen zu kommen, die ansonsten in Filmproduktionen zum Einsatz kommen oder in Wandschränken von Waffenfans verstauben, war einfach für K. Er bestellt sie online für wenige hundert Euro bei der slowakischen Firma AFG Security Corporation—ganz legal. Die Firma aus Partizánske, rund zweieinhalb Stunden östlich von Wien, hat einen nicht unwesentlichen Anteil an K.'s kleinem Darknet-Empire: Über Jahre hinweg gilt sie als Top-Adresse in Waffenkreisen auf dem gesamten Kontinent. Waffenfans und Kriminelle aus ganz Europa können sich nur vorgeblich irreversibel entschärfte Dekowaffen besorgen und sie mit etwas technischem Knowhow wieder zu funktionsfähigen Tötungsgeräten umbauen.

AFG gerät spätestens im Januar 2015 ins Fadenkreuz europäischer Ermittler—nach dem Terror-Angriff auf den Hyper-Cacher Supermarkt in Paris. In dem koscheren Supermarkt, in dem der IS-Attentäter Amedy Coulibaly vier jüdische Geiseln hinrichtet, finden die Ermittler auch eine vz. 58. Es kommt zur Razzia in dem kleinen Laden im slovakischen Partizánske, wo die Waffe über die Theke ging. Laut Ermittlungsakten wurde das Gewehr von der AFG verkauft—deren Produkte nicht nur bei dem IS-Terroristen landeten, sondern auch bei Neonazis auftauchen, wie sich später rausstellt.

„Für den etwas gewöhnungsbedürftigen Preis von 3000 Euro kann ich eine [Glock] auftreiben. Das geht zwar nicht über Nacht, da ich mein Waffen in Osteuropa, aber auftreibbar sind die für mich", erklärt Mustermann auf Nachfrage im Forum.

Die AFG ist unter Waffenkunden vor allem für ihre laxen Standards beliebt, mit denen sie alte Militäreisen entschärft. Denn Dekowaffe ist nicht gleich Dekowaffe: Die Kriterien für die Deaktivierung von Kriegsgerät variieren in den Ländern der Europäischen Union stark. Erst nach dem Anschlag auf die französischen Satiriker des Magazins Cherlie Hebdo änderte sich, auf Druck der EU, das slowakische Waffengesetz. Neben der Verschärfung der Rückbaukriterien wurde der Online-Verkauf von Dekowaffen verboten.

Wie einfach AFG es ihren Kunden machte, aus ihren Produkten funktionierende Schießeisen zu machen, kam übrigens erst ans Licht, als ein BKA-Spezialist im Zuge der Ermittlungen gegen die AFG eine angebliche Dekowaffe auf ihre Funktionstüchtigkeit testete: Ein Schuss mit scharfer Munition genügte—und der Stahlstift im Lauf, der das Projektil blockieren sollte, löste sich von selbst. Nicht einmal K. wusste davon, wie sein Anwalt Jochen Kaller gegenüber Motherboard erklärte.

In den Waffenhandelsbüchern von AFG taucht der Name Christoph K. übrigens gar nicht auf. Als die slowakischen Behörden die Firmenunterlagen der AFG beschlagnahmen und die sensiblen Informationen über das weltweite Kundennetzwerk des Waffendrehkreuzes an Europol weitergeben, findet das LKA nur einen gewissen Manfred H. in den handschriftlich verfassten Notizbüchern. Denn K. ließ sich die Maschinenpistolen pikanterweise in das Haus seines verstorbenen Nachbarn mit diesem Namen liefern—möglicherweise in weiser Voraussicht, was er eines Tages mit den noch unscharfen Dekowaffen alles anstellen wird.

Blinde Recherche und ein Glücksfund beim BKA

Ein Ausschnitt der Bewertungsseite von Max Mustermann zeigt fast nur positive Bewertungen. Und wenn bei einem Deal doch mal etwas schiefgeht, einigt man sich trotzdem, wie die hinterlassenen Nachrichten nahelegen | Screenshot: Motherboard

Während die Ermittlungen auf Europol-Ebene ins Leere laufen, entdeckt das LKA Bayern im Sommer 2014 beim Surfen im Darknet einen entscheidenden Hinweis. Bei der Recherche der Cybercrime-Abteilung gerät Max Mustermann ins Fadenkreuz der Ermittler.

Ausgerechnet seine lukrative Monopolstellung wird ihm nun zum Verhängnis: Max Mustermann ist der einzige Account, den die Ermittler ausfindig machen können, der umgebaute Skorpion-Pistolen verkauft, also jene Waffen, die in Großbritannien abgefangen wurden. Eine Blind-Recherche, wie BKA-Frau Rupp selbst zugibt. Dass das LKA überhaupt auf Agora—dem damals größten Darknet-Schwarzmarkt—nach dem Urheber der Pakete suchte, waren zunächst „reine Mutmaßungen" und „im Nachhinein Glück", so Rupp.

Eine Tour durch die schönsten, schrägsten und absolut legaln Seiten des Deepwebs

Aus den zahlreichen Bewertungen des Händler-Accounts schließen die Ermittler jetzt, dass in der Vergangenheit schon zahlreiche Waffen über den virtuellen Ladentisch gingen. Max Mustermann wird zum Ziel Nummer Eins.

In einer solchen Schweinfurter Wohnsiedlung zog K. nachdem er bei seiner Eltern während des Studiums auszog | Bild: Daniel Mützel | Motherboard

Die Darknet-Geschäfte des Studenten laufen währenddessen unvermindert weiter. Das machen sich die Ermittler zunutze: Um endlich herauszufinden, wer hinter Max Mustermann steckt, investieren sie ein paar tausend Euro und tätigen mehrere Testkäufe. Am 28. Oktober 2015 bestellen ein deutscher und ein britischer Ermittler jeweils eine MP Skorpion bei Max Mustermanns Agora-Account.

Fünf Tage später wirft K. die Pakete in seine bevorzugte Paketbox in der Schweinfurter Innenstadt, die zu diesem Zeitpunkt bereits vom LKA observiert wird. Dass Max Mustermann in Sachen Versandbox seinen Favoriten hat, macht es den Ermittlern relativ einfach.

So können sie ihre Hypothese „Max Mustermann stammt aus Schweinfurt" in der Realität überprüfen—ganz ähnlich wie im Falle des Drogenversandhandels Shiny Flakes, der immer die gleiche Packstation benutzte. Es fehlt nicht mehr viel, um aus Max Mustermann Christoph K. zu machen.

Die Schlinge zieht sich zu

Im Januar überweist das bayerische LKA noch einmal 2.500 Euro in Bitcoin an Max Mustermann. Christoph K. geht wenige Tage später wieder zur Packstation und verschickt am 23. Januar eine halbautomatische Selbstlader Beretta M41—der Käufer ist ein verdeckter Ermittler, das Paket wird abgefangen.

Wenn jetzt alles glatt geht, dann ist das Geld der verdeckten Ermittler schon bald wieder zurück in der Staatskasse: Die zahlreichen Razzien und Zugriffe, die längst im gesamten Landkreis Schweinfurt geplant sind, dürften genug Beweise liefern, die K. nicht nur ins Gefängnis bringen dürften, sondern auch dazu führen, dass er all seine illegal erwirtschafteten Einkünfte zurück an den Staat überweisen muss.

Die idyllisch Landschaft Unterfrankens ganz in der Nähe von Mustermanns privatem Truppenübungsplatz

Von dieser Packstation im Zentrum Schweinfurts aus verschickt K. seine Ware quer durch Europa | Bilder: Daniel Mützel | Motherboard

Es ist erstaunlich, dass K. sich überhaupt noch dazu hinreißen lässt, die Waffen zu verschicken. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er im Visier der Fahnder steht. Warum K. trotz seiner (berechtigten) Verfolgungsangst mit dem Versenden der gefährlichen Fracht nicht aufhört, bleibt ein Rätsel, das ihn in seiner Zelle wahrscheinlich selbst noch lange beschäftigen wird.

Bei einem seiner Paketgänge im Januar 2015 zu seiner Stammfiliale bemerkt er plötzlich ein silbernes Auto, das ihm zu folgen scheint. Der Fahrer „schaute komisch zu mir rüber.", erzählt K. später im Gerichtssaal. Er verschickt die Ware trotzdem.

Es sind noch acht Tage bis zum SEK-Einsatz.

Ein Kofferraum voller Waffen

Im Januar 2015 stecken die meisten Mechatronik-Studenten mitten in der Vorbereitung der Klausuren, die das Ende des Wintersemesters markieren. Doch Christoph K. ist nicht nur durch sein Studium ausgelastet, er ist auch damit beschäftigt, das Inventar seines Darknet-Shops für den Fall eines möglichen Polizeibesuchs beiseite zu schaffen.

Am 13. Januar schickt er an seinen Kommilitonen Andreas G. eine Whatsapp-Nachricht und fragt ihn, ob er vorübergehend etwas in seiner Wohnung lagern könne. Die beiden treffen sich am nächsten Tag für die Übergabe auf dem Campus der FH Schweinfurt.

G. bestreitet später im Gerichtssaal, sich überhaupt die Frage gestellt zu haben, was sich in den Kartons befinden könnte, die K. an diesem Tag anschleppte. Auch als er die schweren Boxen sieht und brav in sein Auto packt, soll G. nicht gewusst haben, dass sich darin K.s tödliches Arsenal befindet, für das er dringend ein Zwischenlager braucht.

Die beiden packen die Kartons in das Auto, bis der Kofferraum voll ist und der Beifahrersitz zugestellt. Und obwohl G. angeblich nichts wusste, bekommt er plötzlich weiche Knie, gesteht er später in der Verhandlung. Die ganze Sache wird ihm zu heiß, und beide überreden Julian B., einen weiteren FH-Kommilitonen, die Kartons zunächst bei sich zu lagern.

Auch Julian B. ist Teil von K.s FH-Clique, die gemeinsam auf dem Campus lernt. Wenige Tage später wird B. klar, wie brisant die Ware wirklich ist, die er da übernommen hat. Er sitzt direkt neben K., als dieser von einem Sondereinsatzkommando im Lernbereich der Fachhochschule festgenommen wird.

Das Ende einer Darknet-Karriere

In solchen Sitzgelegenheiten, in denen verschiedene Lerngruppen für die Klausuren büffeln, wird K. festgenommen | Bild: Max Hoppenstedt | Motherboard

„Er war hier."

Diesen knappen Satz hören die verdutzten Studenten, als sie mittags aus ihren Klausuren kommen und ihnen die bayerischen SEK-Beamten entgegenkommen, die gerade ihren mehrstündigen Einsatz auf ihrem Campus beendet haben. Christoph K. wird in der FH direkt aus seinem hölzernen Sitzplatz gezerrt, hat es aber geistesgegenwärtig noch geschafft, das Kabel aus seinem verschlüsselten Rechner ohne Akku zu ziehen. Die nächste Klausur wird er in Untersuchungshaft schreiben.

Für die Forensiker des LKA Bayern verlief die Festnahme nur bedingt nach Plan. Weil K. im Moment des Zugriffs noch die Stromzufuhr zu seinem Laptop kappen konnte, verhindert er, dass den Beamten seine verschlüsselte Festplatte im aktiven Zustand in die Hände fällt. Da der Laptop jedoch vor der Auswertung wieder neu hochgefahren werden muss, verhindert die Passwortsperre jetzt den Zugriff auf die Daten.

Der Zugriff auf dem Campus ist nicht der einzige an diesem Tag. Insgesamt durchsuchen Ermittler 11 Wohnungen in Schweinfurt und Umgebung—auch im beschaulichen Hammelburg nahe der Bundeswehr-Kaserne und wohl ebenso im wenige Kilometer entfernt gelegenen Elternhaus schaut die Polizei vorbei.

Der Weg zum privaten Truppenübungsplatz von Max Mustermann | Bild: Daniel Mützel | Motherboard

Im Gerichtsverfahren kommt schließlich ans Licht, dass K. kooperierte—ein Schritt, den er einem Insider zufolge mittlerweile bereut. Durch sein umfassendes Geständnis unmittelbar nach seiner Festnahme gelangt das LKA schließlich doch an die Festplatten—und kommt so an brisante Unterlagen, etwa seine Kundenliste, auf der insgesamt 75 Lieferanschriften von Waffen- und Munitionskunden in Europa und Australien vermerkt waren.

Das BKA leitete die Kundenliste umgehend an fünf EU-Staaten und Australien weiter, mit dem Ersuchen, die Täter zu ermitteln. Das Feedback der Kollegen war durchwachsen, so die BKA-Verbindungsbeamtin Rupp in der Verhandlung. Dänemark, Rumänien und die Niederlande etwa konnten mit den Kundendaten wenig anfangen. Andere, wie beispielsweise die britische Polizei, konnten alle 19 Lieferanschriften identifizieren und die Waffen sicherstellen. Auch aus Australien kam positive Rückmeldung: K.'s Abnehmer in Down Under, ein Darknet-Kingpin, der unter anderem mit Handgranaten und gefälschten Pässen handelte, war zwar zu diesem Zeitpunkt bereits verhaftet. In jedem Fall gingen die Daten aus K.s Liste als Beweismittel in das bereits laufende „umfangreiche Verfahren" ein, so Rupp.

Durch die Kundenliste konnten die Ermittler auch einen bisher ungelösten Fall aufklären, der bis ins Jahr 2013 zurückreichte. Frank B. aus Südbayern hatte sich eine vollautomatische Zoraki-Pistole für 1.000 Euro beim Darknet-Händler Max Mustermann bestellt. Im Dezember 2013 wurde die Waffe von den Behörden sichergestellt—zusammen mit B.s Leichnam. Er hatte die im Darknet bestellte Pistole gegen sich selbst gerichtet.

Ein Coup und viele Fragen

K. im Gericht neben seinem Verteidiger Jochen Kaller | Bild: Daniel Mützel | Motherboard

Schweinfurt, 26. Februar. In der Großen Strafkammer des Schweinfurter Landgerichts wird nach fünf Verhandlungstagen das Urteil gegen den Waffenschieber K. mit höchster Spannung erwartet. In seinem Schlussplädoyer räumt K.'s Verteidiger Jochen Kaller ein: „Es besteht kein Zweifel, dass er gewerbsmäßig mit Waffen gehandelt hat. Das gibt mein Mandant zu." Es ist auch kaum zu leugnen: 75 Adressen; ein Netz aus illegalen Händlern in ganz Europa; Verwicklungen in Londoner Bandenkriege. All das lag dem Gericht zweifelsfrei vor.

An diesem Tag sollte der Verteidigung jedoch ein kleiner Coup gelingen: Kaller verweist Richter und Staatsanwältin auf ein BGH-Urteil, das es ermöglicht, mehrfache Verstöße gegen das Waffenrecht als „einheitliche Tat" gelten zu lassen. K hat doppelt Glück, dass Richter Tietze dem Antrag der Staatsanwältin Haderlein nicht folgen will, wonach seine Taten als „besonders schwer" einzustufen seien. Kaller wertet das Ergebnis gegenüber Motherboard als „Erfolg".

Und so muss K. nur vier Jahre und drei Monate im Gefängnis sitzen. Im Normalfall hätte er bereits für jede seiner 14 verkauften Maschinenpistolen jeweils ein Jahr bekommen können. Viele Prozessbeobachter sind fassungslos, selbst die Staatsanwältin Haderlein stürmt nach Urteilsspruch verärgert aus dem Saal. In Revision ist sie nicht gegangen.

Bis zu seinen letzten Sekunden in Freiheit bleibt K. ein ambivalenter Charakter, ein unbekümmerter, beiläufiger Max Mustermann, dessen Motive, Schuldvermögen und Werdegang sich nicht gänzlich durchschauen lassen. Fast schon zutraulich wirkt dieser blasse Typ, der aus eigenem Antrieb in die tiefsten Niederungen des illegalen europäischen Waffenhandels eingestiegen ist und trotzdem beteuert, das alles irgendwie nur aus Spaß am Handwerk gemacht zu haben.

Heute sitzt K. in einem Gefängnis einige Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt. Seine Mechatronik-Kommilitonen sind gerade dabei ihr Studium abzuschließen, manche sind für ein Praktikum weggezogen, andere haben Schweinfurt bereits ganz hinter sich gelassen. „Ich habe mir immer vorgenommen, ihn im Gefängnis zu besuchen", erklärt einer aus seiner Lerngruppe gegenüber Motherboard. „Aber dann habe ich es doch nie geschafft."

Mustermanns wichtigste Waffe, die angebliche Dekoversion der Skorpion vz. 61, ist schon Monate vor dem Urteil aus dem Shop der AFG-Security wie von Geisterhand verschwunden. „Out of Stock" war dort lange Zeit zu lesen. Doch auch bei der slowakischen Firma müssen die Geschäfte weitergehen. Während auf der englischen Version der Seite der Link zum Dekowaffen-Segment („Deactivated Guns") überhaupt nicht mehr aufrufbar ist, prangt auf der slowakischen Version seit kurzem ein neues Angebot, versehen mit einem formschönen Overlay-Button NOVINKA (zu deutsch: Neuheit): Die Waffe ist K.s ehemaliges Aushängeschild, eine Maschinenpistole vom Typ Skorpion vz. 61. Der Preis hat sich mittlerweile verdoppelt—aber das Schnäppchen von 380 Euro wäre für Darknet-Dealer noch immer für eine ansehnliche Marge gut.

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*Die Foren-Nachrichten wurden an manchen Stellen gekürzt und teilweise zur besseren Lesbarkeit aufgearbeitet.