Menschliche Eizelle bei der in vitro-Fertilisation. Bild: Flickr | Zeiss Microscopy | CC BY-SA 2.0

Babys ohne Sex: Forscher züchten erstmals künstliche Eizelle aus Hautzelle

Wer ein Baby will, braucht gesunde Eizellen einer Frau. Doch was wäre, wenn man diese künstlich herstellen könnte? Japanischen Forschern ist genau das jetzt gelungen—mit Mäusezellen.

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20 Oktober 2016, 10:59am

Menschliche Eizelle bei der in vitro-Fertilisation. Bild: Flickr | Zeiss Microscopy | CC BY-SA 2.0

Der große und umstrittene Durchbruch gelang Forschern aus dem japanischen Fukuoka: Das Team um den Gentechniker Katsuhiko Hayashi entnahm Bindegewebszellen aus den Schwanzspitzen von Mäusen und verwandelte sie im Reagenzglas in so genannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Das sind die Bausteine des Lebens: Sie können sich zu Nervenzellen, Nierenzellen oder Blutkörperchen entwickeln—oder eben in Eizellen, die zur Fortpflanzung benötigt werden. Mit diesen Eizellen konnten die Forscher gesunden Mäusenachwuchs züchten—elf von 316 Embryonen entwickelten sich zu Mäusen, die selbst fruchtbar waren.

Vielleicht könnte Sex in 30 Jahren als verantwortungslos gelten, wenn per künstlicher Befruchtung eine Art Qualitätskontrolle möglich wird.

Wie das Verfahren funktioniert, haben die Forscher nun in Nature veröffentlicht. Der Nachwuchs wird komplett im Labor erzeugt; natürliche Eizellen, Väter und Mütter und Sex sind nicht mehr nötig. Gebraucht wird aber weiterhin eine Leihmutter, die den Mäuseembryo dann austrägt.

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Mit seinen Experimenten machte Hayashi bereits zuvor Schlagzeilen—und für ein ähnliches Verfahren wurde schon 2012 der Medizinnobelpreis verliehen. Bisher allerdings mussten die Stammzellen noch in den Körper einer Maus gebracht werden, damit sie sich dort zu Eizellen entwickeln können. Neu hingegen ist jetzt, dass die Forscher um Hayashi das Verfahren komplett im Reagenzglas hinbekommen, in dem sie dann auch eine künstliche Befruchtung durchführen konnten.

Noch ist nicht sicher, ob sich das Verfahren auch am Menschen anwenden lässt, aber weitere Durchbrüche sind wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Für Frauen, die keine Kinder bekommen können, wäre es eine große Erleichterung: Bisher müssen die Eizellen für eine künstliche Befruchtung aus den Eierstöcken entnommen werden. Dafür ist ein schmerzhafter Eingriff unter Vollnarkose nötig, der unangenehme Nebenwirkungen hat.

Künftig könnte es reichen, dass die Frauen ein paar Hautzellen oder etwas Speichel in der Klinik abgeben. Übrigens nicht nur Frauen: Theoretisch ließen sich aus den Hautzellen nicht nur Eizellen gewinnen, sondern auch Spermien.

Erstmals wäre es auch Homosexuellen beliebigen Geschlechts oder Alters möglich, Kinder zu bekommen, die dann auch genetisch von ihnen abstammen.

Allerdings geht das neue Verfahren sehr viel weiter. Dafür ist es völlig unerheblich, ob die Maus männlich oder weiblich ist, jung oder alt. Ließe sich das Verfahren auf den Menschen übertragen, könnten damit nicht nur unfruchtbare heterosexuelle Paare Kinder bekommen. Erstmals wäre es auch Homosexuellen beliebigen Geschlechts oder Alters möglich, Kinder zu bekommen, die dann auch genetisch von ihnen abstammen. Das stellt Gesellschaften vor Herausforderungen, die sich kaum dazu durchringen können, Homosexuellen auch nur das Heiraten zu erlauben.

Sechs der elf überlebenden Mäuse im Alter von elf Monaten, die in Eizellen aus Hautzellen heranreiften. Bild: Katsuhiko Hayashi/Kyushu University

Außerdem stößt das Experiment die Tür zum Designer-Baby ganz weit auf. Um normale Hautzellen zunächst in Stammzellen und dann in Eizellen zu verwandeln, sind unter anderem genetische Eingriffe nötig. Da ist es nur noch ein relativ kleiner Schritt, den Nachwuchs an dieser Stelle auch gleich zu programmieren. Haarfarbe, Geschlecht, der Hang zu Erbkrankheiten, bis zu einem bestimmten Grad sogar die Intelligenz—all dies ließe sich vorab festlegen. Das dürfte einiges an Protesten nach sich ziehen.

Nicht nur religiöse Gruppen wie die katholische Kirche lehnen jede Form der Stammenzellenforschung mit menschlichen Embryonen kategorisch ab. Auch einige deutsche Forscher um den Kölner Biologen Klaus Herman haben bereits vor 15 Jahren einen Aufruf dagegen gestartet.

Allerdings wird es in Deutschland dazu so bald nicht kommen. Auch wenn das Verfahren in ein paar Jahren zur Verfügung stünde, wäre es hierzulande schlicht illegal. Gentechnik- und Embryonenschutz-Gesetz verbieten Veränderungen am Erbgut, die an die Nachkommen weitergegeben werden können und außerdem ist Leihmutterschaft in Deutschland nicht erlaubt. Bedeutet: Nach aktueller Gesetzeslage könnten zunächst lesbische, aber keine schwulen Paare von der Technologie profitieren. Paare, die auf diesem Wege ein Kind zeugen möchten, müssten dafür ins Ausland fahren.

Die gruseligste Zukunftsvision: Staaten oder Firmen könnten nach Belieben Menschen züchten und bräuchten dafür keine Eltern mehr—nur ein paar Hautzellen.

Doch werden sich solche Gesetze halten lassen, wenn viele Menschen eine Nutzung der Technologie fordern? Die neue Technik würde beispielsweise das sogenannte Social Freezing überflüssig machen. Ein teures und umständliches Verfahren, dass Frauen ihre Eizellen einfrieren lässt, das nur bis zu einem Alter von rund 35 Jahren möglich ist.

Setzt sich die Technologie durch, wäre also Sex in 30 Jahren schlicht nicht mehr nötig, um Kinder zu haben und könnte sogar als verantwortungslos gelten, wenn per künstlicher Befruchtung eine Art Qualitätskontrolle möglich wird. Deshalb sind die Forschungsergebnisse aus Japan ein tiefer Einschnitt. Ab sofort können solche Fragen nicht mehr so diskutiert werden, als ob die Technik irgendwann in ferner Zukunft mal zur Verfügung stünde. Die gruseligste Zukunftsvision: Staaten oder Firmen könnten nach Belieben Menschen züchten und bräuchten dafür keine Eltern mehr—nur ein paar Hautzellen.