Wirre Anonymous-Seite erklärt Heidenau-Randale zu linksradikaler Inszenierung

Die größte deutsche Anon-Facebook-Page sieht auch in den Krawallen keinen rassistischen Hass, sondern vor allem eine raffinierte Manipulation der Politiker-Medien-Elite.

|
Sep. 1 2015, 7:19am

Screenshot: Facebook / Banner von Anonymous.Kollektiv.

Screenshot: Facebook / Banner von Anonymous.Kollektiv

Über eine Woche, nachdem ein rassistischer Mob nächtelang im sächsischen Heidenau randalierte, beschäftigt die rechte Gewalt gegen Refugees weiterhin die Republik. Selbstverständlich fühlen sich auch „Anti-Mainstream-Medien" und Anonymous-Verschwörungstheoretiker berufen, ihre ganz einige „Aufklärung" zu betreiben: So erklärte am Wochende die deutsche Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv, dass die Randale eigentlich nur eine raffinierte staatliche Inszenierung einer „Reisegruppe Antifa" gewesen sei, die die gesammelte Lügenpresse den Rechten in die Schuhe schieben möchte.

Klingt unglaublich, doch selbstverständlich hatte Anon einen „Beweis" parat: Die Seite Anonymous.Kollektiv, die unter dem Moniker von Anonymous schon lange eher experimentelle Verschwörungstheorien und Rechtsesoterik als Kerninhalte der Hacktivisten verbreitet, griff in ihrem Post dabei überaschend auf einen Querverweis eine Quelle des Mainstream-Senders N24 zurück: In dem Video erklärte der Heidenauer Bürgermeister Opitz angeblich, dass „nicht die Rechten, sondern 'extern angereiste, linksradikale Demo-Touristen', für die Eskalation der Gewalt auf Heidenaus Straßen verantwortlich" sind."

Ein Rückblick auf die unlogischsten Ausrutscher der Fans von Anonymous.Kollektiv

Dabei zitiert Anon allerdings das von ihnen verlinkte Video falsch, und legt Opitz die Phrase von „linksradikalen Demo-Touristen" schlicht in den Mund. Dumm auch, dass Opitz in demselben Video eine Minute später sagt: „In der ersten Nacht hat die örtliche NPD mit einem Aufruf zur Demo, wenn auch nicht angemeldet, den Grundstein gelegt, dass diese Gewaltexzesse ausbrechen konnten"—naja, kann man schon mal überhören.

Für die Anonymous-Durchblicker ist die Sache jedenfalls (mehr oder weniger) klar:

Screenshot: Facebook / Anonymous.Kollektiv. Nur echt mit roten Pfeilen und Kreisen!

Tatsächlich zeigen zahlreiche Berichte, Periscopes und, ja auch RT-Videos aus Heidenau, dass die Ausschreitungen von rechten Pöbeleien begleitet werden und eindeutig rassistisch motiviert sind.

Statt die Möglichkeiten der Schwarmintelligenz von Facebook zu nutzen und über Maßnahmen gegen den Anti-Refugee-Hass in Deutschland zu diskutieren, konzentriert sich Anonymous.Kollektiv allerdings lieber darauf, die Realität in das eigene verquere Weltbild zu quetschen und versucht dabei verzweifelt, vermeintliche Unwahrheiten der sogenannten Lügenpresse aufzudecken.

Schon der Charlie Hebdo-Anschlag war für diese Anons nur eine False-Flag-Operation

Mit investigativem Eifer legt die Seite am nächsten Tag noch einmal nach und „entlarvte", dass die militante Antifa auf Staatskosten zu Anti-Nazi-Demos gekarrt würde. Dass es sich dabei um Gruppen wie das Stadtjugendpfarramt Jena oder den Studierendenrat der Uni Erfurt handelte, die gegen die Instrumentalisierung der Dresdener Bombenangriffe durch Nazis demonstrierten—geschenkt. Anon hatte auch hier den selbst geposteten Bericht der Thüringer Landeszeitung bewusst missverstanden und einfach falsch wiedergegeben, was den Likes der Fans natürlich keinen Abbruch tat.

Die Mär, dass die Antifa von staatlichen Stellen unterstützt wurde—genauer gesagt, dass nicht nur die Antifa, sondern auch „zahlreiche" weitere „linksextreme Gruppierungen mit Steuergeldern auf die Demo chauffiert wurden", wird gerne von Neurechten und Querfrontlern wie dem Anonymous.Kollektiv aufgeworfen. Ähnliche Thesen vertreten auch der Kopp-Verlag, das querfrontende Compact-Magazin und Eva Herrmann, die von diesen Anons gerne als Quelle zitiert werden.

Schuld ist die Politik—oder doch der „linke Mop"? Screenshot Facebook/Anonymous.Kollektiv


Hier ist das Problem abgebildet, man muss es nur bei Namen nennen. Aufwachen, Deutschland! Bild: Wikimedia Commons | Public Domain

Die jüngsten Tiraden reihen sich dabei ein in zahllose rassistische, gerne auch antisemitische oder verschwörungsesoterische Posts, für die Anonymous.Kollektiv schon seit Jahren von anderen deutschen Anons oder langjährigen renommierten Mitgliedern von Anonymous kritisiert wird.

Erst vor wenigen Wochen hatte Anonymous.Kollektiv den Fall Netzpolitik.org genutzt, um zu verbreiten, dass hinter dem Projekt keine geheimdienstkritischen Journalisten, sondern staatstreue Blogger mit Verbindung zur „Päderasten-Partei der Grünen" steckten. Auch hinter dem Charlie-Hebdo-Anschlag erkannte Anonymous.Kollektiv schnell einen von Geheimdiensten lancierten Fake, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Trotz fragwürdiger Inhalte hat die Seite—zumindest offiziell—noch immer über 800.000 Fans.