Wenn du beim Anblick von Blut in Ohnmacht fällst, leidest du an Blutphobie

Ganze 2,5 Millionen Menschen leiden in Deutschland an der Angst vor Blut, Spritzen und Verletzungen, die im Extremfall dazu führt, dass sie Situationen mit Blut chronisch meiden.

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19 Dezember 2014, 8:00am

Auch mir ist es einmal tatsächlich passiert. Als ich in meiner dunklen Ein-Zimmer- Studenten-Hinterhaus-Bude verzweifelt versuchte, mit einem billigen Brotmesser die letzte Scheibe vom steinharten Endstück des Dreikornlaibs abzuschneiden, rutschte ich ab und zack! hatte ich mir die doch noch erstaunlich scharfe Messerschneide in den Zeigefinger gerammt. Schock. Ungläubiges Erstaunen.

Da hängt nun ein circa ein Zentimeter großes Stück Fleisch von meinem Finger runter und Blut schießt heraus. Viel Blut. Irgendwie schaffe ich es noch zum Nachbarn. Dort in der Küche mir wird schlecht, die Knie werden weich, der Kopf dreht sich und ich sacke zusammen.

Allein das Wort „Blut" reicht bei Betroffenen aus, um Übelkeit auszulösen

Zum Glück war diese Ohnmacht ein Einzelfall. Nie mehr ist mir danach etwas ähnliches passiert und grundsätzlich empfinde ich Blut sogar als etwas total spannendes. Auch mit Spritzen kann ich recht gut leben, selbst wenn ich sie natürlich nicht so angenehm finde, wenn ich sie selbst bekomme—anders als erstaunlich viele andere Menschen. Im Schnitt neigen 13 bis 14 Prozent der Deutschen dazu, beim Anblick von Spritzen oder Blut (egal ob eigenes oder fremdes, manchmal reicht sogar nur gemaltes Blut) in Ohnmacht zu fallen.

Was sich ein wenig kurios anhört, und von manch einemr mit dem Spruch „Ach, sei doch nicht so zimperlich" abtun würde, kann für Betroffene zu einer erheblichen Belastung werden. Dann nämlich, wenn die Angst vor der Ohnmacht oder dem Anblick von Blut bzw. Spritzen so groß wird, dass alle Situationen gemieden werden, in denen die Betroffenen solch einer „Konfrontation" gegenüber stehen könnten. Die Angst kann dermaßen überhand nehmen, dass sogar Impftermine abgesagt, wichtige Operationen immer wieder verschoben und Arzt- oder Krankenhaustermine grundsätzlich gemieden werden.

Krimis, Blockbuster-Kinoabende oder Halloween-Partys können für diese Menschen zur Qual werden. Allein das Hören oder Lesen des Wortes „Blut" reicht aus, um Übelkeit und Angst zu erzeugen (weshalb sich vielleicht auch schon der ein oder andere bereits frühzeitig von der Lektüre dieses Textes verabschieden musste). Schränkt die Angst die Betroffenen in ihrem Leben derart stark ein, sprechen Psychologen von einer Blut-, Verletzungs- oder Spritzenphobie. Ganze 2,5 Millionen Menschen sind in Deutschland von dieser Angst betroffen.

Für einen Augenblick bekommt das Gehirn zu wenig Blut

Die Blutphobie gilt als eine Sonderform der „spezifischen Phobie". Hierbei handelt es sich um eine stark ausgeprägte, lebenseinschränkende Angst vor einem bestimmten Objekt (zum Beispiel Spinnen) oder einer konkreten Situation (wie ins Flugzeug setzen), während gleichzeitig du dir gleichzeitig bewusst bist, dass in Wirklichkeit keine oder zumindest keine große Gefahr besteht. Dies trifft auch auf die Blutphobiker zu, nur dass etwa die Hälfte zusätzlich dazu neigt, in der Angstsituation in Ohnmacht zu fallen.

Rein biologisch passiert im Körper dabei folgendes: Beim Anblick von Blut, Infusionen, Spritzen oder ähnlichem, steigt zunächst der Blutdruck an und auch das Herz schlägt schneller (wie bei den anderen spezifischen Phobien). Dann jedoch weiten sich plötzlich die Blutgefäße, der Blutdruck fällt und das Blut sackt nach unten in den Körper ab. Das Gehirn bekommt für kurze Zeit zu wenig Blut und zack!, die Ohnmacht lässt grüßen.

Ganze 2,5 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter der Angst vor Blut, Spriten und Verletzungen.

Bild: flickr, Monsieur Gordon | CC BY 2.0

Warum passiert das? Einige Wissenschaftler, wie die Medizinerin und Humanwissenschaftlerin Valentina Accurso erinnert die durch den Anblick von Blut ausgelöste Ohnmacht an den „Totstellreflex" bestimmter Tierarten. Diese laufen in Gefahrensituationen nicht weg sondern erstarren und fallen um—in der Hoffnung auf einen Fressfeind, der sich vor allem auf flüchtende Opfer stürzt. Menschen mit einer Ohnmachtsneigung könnten eine solche Veranlagung über die Evolution hinweg weitervererbt bekommen haben.

Blutphobie ist heilbar

Für Professor Dr. Alexander Gerlach, Psychologe an der Universität Köln und Betreiber der Webseite Ohnmachtsneigung, ist eine andere Erklärung naheliegender. So sei es in Gefahrensituationen immer oberste Maxime des Körpers, die Versorgung aller lebenswichtigen Organe—und dazu gehört natürlich auch das Gehirn—mit Blut sicherzustellen. Deshalb werde der Blutdruck im Normalfall sogar bis zu einem Blutverlust von 30 Prozent aufrechterhalten.

„Das Gehirn schaltet erst dann auf 'Blutdruck Absenken' wenn mehr als 30 Prozent des Blutes verloren gegangen sind. Dadurch soll der Blutverlust reduziert und die Wundheilung erleichtert werden," erzählte mir Gerlach am Telefon. Menschen, die schon beim Anblick geringster Blutmengen in Ohnmacht fallen, haben schlichtweg eine Art Fehlschaltung im Gehirn. Das sinnvolle und lebensrettende Absenken des Blutdruckes würde zwar auf den richtigen Reiz hin (Blut) aber fälschlicherweise viel zu früh und unnötig ausgelöst—eine Dysfunktion, die wahrscheinlich vererbbar ist.

Die übergroße Angst vor dem Anblick von Blut oder einer Ohnmacht führt Gerlach, der als Psychologischer Psychotherapeut auch Blutphobiker behandelt, auf drei mögliche Ursachen zurück:

1. Die Betroffenen haben beim Anblick von Blut reale schlechte Erfahrungen gemacht—wie beispielsweise eine erste Ohnmacht oder häufige schmerzhafte Behandlungen beim Arzt.

2. Die Betroffenen haben die Angst vor Blut bei ihren Eltern erlernt, wenn diese ihre Angst nicht bewältigt und an die Kinder weitergegeben haben.

3. Die Betroffenen bekamen Fehlinformationen, die ihre Angst geschürt haben. So wollte sich eine seiner Patientinnen nicht operieren lassen, da sie gehört hatte, man könne durch Luft in Infusionsschläuchen sterben (was im Prinzip nicht falsch ist, nur werden die Infusionen heutzutage so verabreicht, dass dies nicht passieren kann).

Leider nähme die Mehrheit der Blutphobiker, vielleicht auch aus Scham, keine Hilfe in Anspruch, so Gerlach. Dabei seien die Heilungschancen sehr hoch: „Die Blutphobie lässt sich in den allermeisten Fällen relativ einfach in vier bis zehn psychotherapeutischen Sitzungen behandeln," sagte der Psychologe.

Menschen, die zur Ohnmacht neigen, lernen dabei durch muskuläre Anspannungstechniken das Schwinden der Sinne unter Kontrolle zu bekommen. Um die Angst vor Blut zu überwinden, geht es dann in der sogenannten Konfrontionstherapie darum, sich den furchtbesetzen Situationen oder Reizen zusammen mit dem Therapeuten erst gedanklich und dann real zu stellen. So soll die negative Konnotation mit realistischen Erfahrungen überschrieben werden. In der Regel klingt die Angst mit der Zeit ab, wenn die befürchteten negativen Ereignisse nicht mehr eintreten.

Psychomania ist eine neue Motherboard-Kolummne über Neurosen des Alltags. Schließlich gibt es keinen Wahnsinn, den es nicht gibt—und die Grenzen zwischen gesund und pathologisiert sind fließend.