Quantcast
Nazi-Antiquitäten

US-Bürger überhäufen Holocaust Museum mit Nazi-Devotionalien

Wenige Wochen nach Trumps Wahlsieg können es die Amerikaner nicht erwarten, die alten Hakenkreuz-Trophäen auf ihren Dachböden los zu werden.

Sarah Emerson

Sarah Emerson

Foto: Wikimedia | Joe Mabel | Lizenz:  CC BY-SA 3.0

Jeder achte US-Amerikaner diente Schätzungen zufolge während des Zweiten Weltkriegs im Militär. Als sie nach ihrem Sieg über Nazi-Deutschland in ihre Heimat zurück kehrten, hatten nicht wenige von ihnen Nazi-Artefakte in ihren Koffern dabei. Andenken an die Schlachten, die sie gerade überlebt hatten. Über 70 Jahre lang verstaubte der Großteil der mit Hakenkreuzen verzierten Armbinden, Helmen oder Verdienstorden des Dritten Reiches auf amerikanischen Dachböden. Doch nun kommt eine erstaunliche Anzahl dieser Krieg-Souvenirs wieder zum Vorschein—und das aus aktuellem politischen Anlass.

Zwei Wochen nachdem Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, können es Nachkommen der Soldaten scheinbar gar nicht erwarten, die Nazi-Devotionalien so schnell wie möglich los zu werden. Daher laufen bei Einrichtungen wie dem Virginia Holocaust Museum gerade die Telefone heiß.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Nach Angaben des Museums haben sich die Schenkungsangebote von Nazi-Artefakten seit Trumps Wahlsieg vervierfacht. Die Einrichtung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Geschichten von Holocaust-Opfern zu beleuchten und somit die Öffentlichkeit über die Folgen von Vorurteilen, Hass, Rassismus und Antisemitismus aufzuklären.

„Die Kinder oder Enkel der ehemaligen Soldaten stoßen beim Stöbern auf dem Dachboden auf diese Gegenstände und denken sich: 'Damit muss etwas geschehen'", erklärte Tim Hensley, Leiter der Sammlung des Virginia Holocaust Museum, gegenüber Motherboard.

Orden und Medaillen aus der Zeit des Nationalsozialismus | Foto: Wikimedia | threecharlie | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Für die jüngsten Aktivitäten gibt es ein paar einfache Gründe: Rechtsradikale Gruppierungen wie White Supremacists, Anti-Semiten und Neonazis—die oft unter der Bezeichnung „Alt-Right" zusammengefasst werden—haben Donald Trump vom ersten Moment seiner Kandidatur öffentlich unterstützt. Nach seinem Wahlsieg ernannte Trump niemand Geringeren als Steve Bannon, den ehemaligen Vorstand des rechtskonservativen Breitbart News Network und Ikone der weißen Nationalisten, zu seinem Chefberater im Weißen Haus.

Erst vor wenigen Tagen wurden Besucher einer Veranstaltung des National Policy Institute gefilmt, die unter „Heil Trump!"-Rufen den Hitlergruß zeigten, während der Redner Richard Spencer die Medien mit dem deutschen Begriff „Lügenpresse" bezeichnete—ein Ausdruck, der im Nationalsozialismus ein beliebter Propaganda-Begriff war und der hierzulande in den vergangenen Monaten durch Pegida und Konsorten wieder an Popularität gewann.

Nach überwältigender medialer Kritik sah Trump sich zuletzt gezwungen, sich öffentlich von seinen rechten Unterstützern zu distanzieren. In einer Stellungnahme erklärte er, dass er nach wie vor jede Form von Rassismus ablehne und dass er gewählt worden sei, da er Präsident für alle Amerikaner sein werde. Viele sehen in Trumps wiederholter Duldung von fanatischem Verhalten und Reden auf seinen Wahlkampfveranstaltungen jedoch eine implizite Befürwortung des weißen Nationalismus—ganz abgesehen von den rassistischen Bemerkungen, die er selbst in der Vergangenheit gemacht hat.

Hensley glaubt, dass sich Leute aufgrund dieses spürbaren Aufwinds der rechtsextremistischen Ideologie in den USA wieder an die politisch brisanten Artefakte erinnern, die bei ihnen auf dem Dachboden lagern. „Ich vermute, dass die Leute momentan über den Anstieg von Hassverbrechen lesen und diesem Trend entgegen wirken wollen", erklärt Hensley in dem Telefon-Interview mit Motherboard.

Normalerweise werden dem Museum im Monat durschnittlich zwei Sachspenden angeboten, die mit dem Holocaust in Verbindung stehen und fünf, bei denen es sich um Artefakte aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Doch allein in den letzten zwei Wochen wurde das Museum regelrecht von Anrufern überhäuft, die die Nazi-Devotionalien ihrer Verwandten gerne abgeben möchten.

Ausstellung zu den Nürnberger Prozessen im Virginia Holocaust Museum| Foto: Flickr | Jiawei Wen | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Während Einrichtungen wie das US Holocaust Museum in Washington, D.C. in den 1980er und 1990er Jahren noch tausende historische und persönliche Artefakte dankend in ihre Sammlungen annahmen, ist ihr Bedarf inzwischen längst gedeckt. Auch das Virginia Holocaust Museum hat inzwischen genügend Nazi-Artefakte gesammelt. Inzwischen werden die meisten Schenkungen an kleinere historische Vereine weitergeleitet, die sich auf persönliche Soldatenschicksale spezialisieren, oder an größere Museen, wie das National WWII Museum in New Orleans, die über größere Kapazitäten verfügen.

Auch wenn die öffentlichen Einrichtungen keinen gesonderten Bedarf an weiteren Hakenkreuz-Andenken haben, gibt es auch andere Interessenten für die speziellen Souvenirs. So gibt es in den USA einen florierenden Markt für Nazi-Devotionalien—auch wenn viele Sammler den An- und Verkauf dieser Gegenstände als moralisch fragwürdig erachten. So lehnen es beispielsweise viele Auktionshäuser ab, mit Artefakten, die sie als Propaganda einstufen, zu handeln. Im Jahre 2001 verboten Onlinehändler wie eBay und Yahoo Auctions den Verkauf dieser Gegenstände, mit Ausnahme von Münzen und Briefmarken.

Trotzdem gibt es in den USA einige private Sammler, die bereit sind, ein Vermögen für Nazi-Antiquitäten auszugeben, angefangen von Autos, die von Hitler gefahren wurden, bis hin zu signierten Ausgaben von Mein Kampf. Daher sieht es Hensley vom Virginia Holocaust Museum als positives Zeichen, dass so viele Leute ihre umstrittenen Erbstücke aus der Nazi-Zeit lieber in die Hände eines Museums legen möchten, als sie an den Meistbietenden zu verkaufen.