Das Rätsel um den Blutwasserfall in der Antarktis ist gelöst

Blutrotes, eiskaltes Wasser schießt in der Antarktis aus einem Gletscher und strömt 30 Meter in die Tiefe. Nach 100 Jahren haben Wissenschaftler nun endlich den Ursprung der surrealen Blood Falls entdeckt.

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Aug. 13 2018, 5:11am

Foto: Peter Rejcek | Wikimedia Commons | Gemeinfrei

Es sieht aus, als würde die Antarktis heftig bluten: Aus einem Gletscher am Südpol schießt unablässig ein Schwall aus rotem Wasser und fließt über das Eis. Auf seinem Weg verfärbt es den Gletscher und hinterlässt Flecken – man könnte meinen, an diesem surrealen Ort wurden Tiere geschlachtet.

Zwar ist schon lange bekannt, woher das Wasser der sogenannten Blood Falls seine Farbe hat. Aber erst jetzt, mehr als 100 Jahre nach seiner Entdeckung, haben Forschende die Quelle der Blood Falls entdeckt: Es ist ein uralter, unterirdischer See.

Der australische Forscher Griffith Taylor entdeckte die Blood Falls bei einer Expedition im Jahr 1911. Damals vermuteten er und andere Entdecker, die rote Farbe könnte von Algen stammen. "Es ist wie aus einer anderen Welt", sagt der Antarktis-Historiker Steve Martin im Gespräch mit Motherboard. "Als Griffith Taylor und seine Kollegen den blutigen Wasserfall aus dem Taylor-Gletscher sprudeln sahen, sahen sie darin wahrscheinlich nur ein weiteres Kuriosum in einem sehr seltsamen Erdteil."

Später erkannten Forscher, dass es der hohe Eisengehalt des Wassers ist, der die rote Färbung verursacht. Das Wasser oxidiert an der Luft und verfärbt sich. Woher das Wasser allerdings kommt, konnten sie nicht herausfinden.

Das ist die Quelle des blutroten Stroms

"Wir wussten nicht, wie sich das Salzwasser seinen Weg durch den Gletscher bahnt", erklärt Teamleiterin Erin Pettit, Professorin für Geophysik und Glaziologie an der Universität Fairbanks in Alaska. Der Ursprung des Wassers habe nicht an der Basis des Gletschers liegen können, schließlich schießt es mit Druck oben aus dem Gletscher, fließt an ihm hinab und mündet in einen See.

Um herauszufinden, woher das Wasser kommt, wanderten Pettit und ihr Team über den Taylor-Gletscher und machten Messungen mit einem Radiowellensensor. Das Messinstrument sendet Radioimpulse durch das Eis. Die Messergebnisse des Sensors verraten den Forschenden, wie der Gletscher unter ihnen beschaffen ist.

Wenn die Radiowellen das salzige, dickflüssige Wasser treffen, das bei den Blood Falls austritt, werden sie gestreut. Dadurch konnte das Forscherteam genau verfolgen, welchen Weg das Wasser durch den Gletscher nimmt. Dabei entdeckten sie einen unterirdischen See, ein Reservoir aus blutrotem Wasser. Von dort aus zwingt der schwere Gletscher das Wasser durch Druckverhältnisse ans Tageslicht.

Im Wasser leben extrem widerstandsfähige Mikroben

"Das Salzwasser in dem Kanal stand unter ziemlich hohem Druck", sagt Pettit. "Auch wenn es nicht immer oben aus dem Gletscher spritzt, das Eis drückt konstant auf diesen großen See aus Matsch." Das Team veröffentlichte seine Beobachtungen im Jahr 2017 in der Fachzeitschrift Journal of Glaciology. Eine Bohr-Crew konnte die Theorie über die Quelle des Blutwasserfalls daraufhin bestätigen, als sie nach dem unterirdischen See suchte: Blutrotes Wasser sprudelte aus dem Bohrloch hervor, das die Crew in den Gletscher gearbeitet hatte.

Zusammen mit ihrer Entdeckung über den Ursprung der Blood Falls veröffentlichten die Forschenden Informationen zu Lebensformen, die in dieser surrealen Umgebung gedeihen: Es sind Mikroben, die in extrem salzigem, eisenhaltigem und kaltem Wasser ohne Sonnenlicht überleben.

Die Entdeckung zeigt: Extrem widerstandsfähige Lebewesen, sogenannte Extremophile, vermehren sich sogar unter noch feindseligeren Umweltbedingungen als bisher angenommen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass es auch an anderen Orten auf der Welt und im Universum Lebewesen gibt, die Forschende zunächst nicht für wahrscheinlich gehalten hatten. "Diese erste Entdeckung hat uns auf den Weg zu weiteren Entdeckungen gebracht", sagt Martin. "In der Antarktis gibt es noch viele Geheimnisse." Der Taylor-Gletscher gilt nun als der kälteste bekannte Gletscher, in dem flüssiges Wasser gefunden wurde.

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