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Gaming

Küsse sorgen auf der E3 für mehr Kontroversen als Waffen

Der Trailer vom Hype-Spiel 'Last of Us 2' überrascht mit einer queeren Kuss-Szene. Auf der E3 geht es längst nicht mehr nur um Multiplayer-Modi, Grafik und Lootboxen, sondern auch um Romantik. Gut so.

Dennis Kogel

Dennis Kogel

Screenshot: The Last of Us Part II E3 2018 Gameplay Reveal Trailer PS4 | YouTube

Es gibt einen Spieletest, der Gamer bis heute zum Lachen bringt: "Wenn du bloß mit diesen Kreaturen sprechen, dich mit ihnen anfreunden könntest...das wäre wirklich interessant gewesen." Damit kritisierte das britische Edge-Magazin 1994 in seiner Review das Spiel Doom, das kurz darauf zu einem der bekanntesten Shooter der Geschichte avancierte. Die Forderung ist natürlich absurd. In dem Spiel fühlen sich Gamer eigentlich nur einem wirklich nahe: Ihrer Pumpgun. Doch über 24 Jahre später diskutiert die Gaming-Welt längst genauso leidenschaftlich über Beziehungen, Liebe und Freundschaft wie über Waffen, Grafik und Framerates. Weniges zeigt das so gut wie die aktuellen Reaktionen auf die wichtigste Spielemesse der Welt, die E3.

Der queere Kuss in 'Last of Us 2'

Das Spiel, das in der Pressekonferenz von Sony für das meiste Aufsehen sorgte, heißt The Last of Us 2 – und das hat wenig zu tun mit der grafisch beeindruckenden Darstellung von Gestrüpp und Ruinen, oder den hektischen Kampfsequenzen, die an die atemlose Action von Alfonso-Cuarón-Filmen erinnern. Der Grund ist ein Kuss. Noch bevor es um Kämpfe, Äxte, Zombies und Banditen geht, sieht man im Trailer wie Ellie, die Heldin des Spiels, eine andere junge Frau beim Tanzen küsst.

Dieser Kuss ist bedeutsam. Nicht nur, weil er auf einer Show, in der vor allem Geballer, Blut, Gemetzel, Action und Explosionen gefeiert werden, ein Signal setzt für die Repräsentation von Queerness. Und nicht nur, weil es grafisch ziemlich beeindruckend ist, wie sich Ellies Nase beim Küssen an die Wange ihrer Tanzpartnerin quetscht. Es ist das erste Mal, dass in den vielen lauten Trailern für neue Videospiel-Blockbuster ein Kuss, Zärtlichkeit, Romantik eine so prominente Rolle bekommen haben. Sony hat sich etwas getraut mit der Entscheidung, die Szene prominent am Anfang und Ende des Trailers zu zeigen – und das Unternehmen hat damit scheinbar voll ins Schwarze getroffen.


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Die meisten Gamer scheinen die Szene gut zu finden. Klar, im Twitch-Chat und in Foren wie Gamefaqs gibt es genug Leute, die sich darüber aufregen, dass das Entwicklerstudio Naughty Dog Spielern eine "Agenda aufdrückt". "Warum zeigen sie nicht ihren Freund Joel, den Helden des ersten Teils", heißt es da. "Sie kann ja so gay sein, wie sie will, aber muss das so gezeigt werden!?" Doch diese Stimmen sind – zumindest in den Diskussionen, die wir online finden konnten – in der Minderheit. Die meisten feiern den Kuss. Oder sind zumindest gleichgültig.

Keine Romanzen in 'Anthem': Gamer sauer

Wie stark sich Spieleentwicklung und das Publikum seit dem verlachten Doom-Test verändert haben, zeigt auch ein anderes Spiel der E3: Anthem. Es ist das neue Projekt des Rollenspiel-Studios Bioware. Ein Spiel über futuristische Krieger in Iron-Man-mäßigen Mecha-Anzügen, die auf einem fremden Planeten gegen gigantische Monster kämpfen. Die Essenz der Bioware-Reihe ist eigentlich Geballer. Unter Fans wird jedoch nicht diskutiert, wie gut sich die Waffen anfühlen, ob der Jetpack-Flug Spaß macht oder wie teuer kosmetische Rüstungsanpassungen sein werden. Das Top-Thema: Warum wird hier nicht geknutscht?

In einem Interview mit dem Magazin Game Informer reagierte Chefentwickler Mike Gamble sogar schon auf die Kritik der Fans: "Es gibt keine Romanzen. Es gibt Freundschaften. Aber das romantische Zeug? Davon bewegen wir uns weg." Für Fans von Bioware ist das ein kleiner Skandal. Denn genau die Beziehungen, die Romanzen – viele davon queer – haben für viele Spieler die Bioware-Games ausgezeichnet. Und so konzentrieren sich viele Artikel und Diskussionen über Anthem genau auf diesen Aspekt: Geballer gegen gigantische Monster? Egal. Wo bleibt die Liebe?

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