Steam: Größte Spieleplattform kapituliert vor menschenverachtenden Games

"Wir erlauben jetzt alles." Steam empört Entwickler und Gamer mit einem Statement – und wird von denen gefeiert, die das Löschen von schwulen- und frauenfeindlichen Spielen als "Zensur" empfinden.

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Juni 7 2018, 1:51pm

Für einige sicherlich ein Trollspiel: Der Wohnungsputzsimulator 'House Flipper' ist aktuell einer der größten Erfolge auf Steam | Foto: Screenshot | Steam

Ein PC-Spiel, das nicht auf Steam verkauft wird, existiert in der Wahrnehmung vieler Gamer nicht. Die Download-Plattform des Entwicklerstudios Valve ist seit Jahren die wichtigste, digitale Plattform für den Vertrieb von Spielen. Über 125 Millionen Nutzer hatte die Seite im Jahr 2015, inzwischen dürften es noch mehr sein.

Steam ist ein Erfolg und steht trotzdem immer wieder in der Kritik: Denn die Entscheidung darüber, wer sein Spiel auf Steam verkaufen darf, macht das Unternehmen nicht transparent. Das soll sich nun ändern: "Wir erlauben jetzt alles auf Steam", schreibt der Valve-Angestellte Erik Johnson im offiziellen Steam-Blog. "Wir haben entschieden, dass das der richtige Weg ist." Johnsons Worte führen zu einer großen Kontroverse zwischen Entwicklern, Gamern und Kritikern.

Es gibt viele Fälle, in denen Steam willkürlich gelöscht hat

Valve meint mit "alles" übrigens nicht wirklich "alles". Im selben Blogpost ergänzt Johnson sein Statement. Ausgenommen sind Spiele, die "trollen" und "illegal" seien. Weil sich aber Gesetze und "kulturelle Normen" änderten, seien die Entscheidungsprozesse eben kompliziert und etwas, woran Valve arbeiten müsse.

Ob Valve dieser Aufgabe gewachsen ist, ist fraglich. Häufig schon stand Steam in der Kritik dafür, welche Spiele es zulässt und welche nicht. So wurde 2015 beispielsweise das Amoklauf-Spiel Hatred erst von der Plattform verbannt, dann doch wieder aufgenommen. Das Amoklauf-Spiel Active Shooter dagegen erschien vor kurzem, wurde danach aber wieder vom Verkauf ausgeschlossen. Der Grund: Es sei ein Troll-Spiel. Asset Flip Simulator dagegen – ein Spiel, das offensichtlich Steam und seine Nutzer trollt – darf bis heute online bleiben. Ausgeschlossen werden sollten dann aber eine Reihe von Anime-Spielen mit Sexszenen; erlaubt ist wiederum ein Spiel, das Männern frauenverachtende Aufreißtaktiken beibringen soll.

Das Problem: Welche konkreten Kriterien es für Inhalte von Spielen gibt, war auf Steam niemals klar. Damit steht Steam im Gegensatz zu anderen großen Tech-Konzernen, wie zum Beispiel Facebook. Der Social-Media-Konzern veröffentlichte erst vor einigen Wochen eine ausführliche Version der eigenen Löschregeln – und versuchte so klarer zu vermitteln, was erlaubt ist und was nicht. Auch wenn Facebook die Umsetzung nicht immer gelingt, zumindest bemüht sich der Konzern um etwas Transparenz und darum, die Plattform zu moderieren. Dafür beschäftigt das Unternehmen weltweit Tausende Mitarbeiter – auch in Deutschland. Steam dagegen veröffentlicht nirgendwo ausführlich die Regeln, die festlegen, was in Spielen auf der Plattform erlaubt ist und was nicht. Wer genau bei der Firma darüber entscheidet, welches Spiel zugelassen wird und welches nicht, ist ebenfalls unbekannt.

Noch etwas ist am Fall von Steam speziell: In nahezu allen Fällen, in denen Valve gehandelt hat und Spiele löschte, passierte das erst nach der öffentlichen Kritik von Nutzern und Medien. Selbst proaktiv geprüft, was erlaubt ist und was nicht, hat Valve offenbar nur selten. Steam scheint nicht zu glauben, für die Inhalte auf der eigenen Plattform verantwortlich zu sein.

Die neue Strategie, die Steam jetzt wählt, wird an all dem wohl nichts ändern. Stattdessen will der Konzern das Problem technisch lösen: Algorithmen und Tools, deren genaue Funktion aber bisher unbekannt ist, sollen Nutzern helfen, die Spiele zu verbergen, die sie schlecht, unpassend oder anstößig finden. Verkauft werden sollen sie trotzdem.

Was Entwickler und Gamer von der neuen Steam-Strategie halten

Valve begründet die eigene Löschpolitik mit Meinungsfreiheit: "Ich sage es deutlich: Dass wir euch in unseren Shop lassen, bedeutet nicht, dass wir euch gut finden", schreibt Johnson im Blogpost. "Aber das Verletzen von Gefühlen sollte euch nicht eure Stimme nehmen."

Die Diskussion unter dem Post zählt inzwischen über 800 Kommentare. Viele Kommentatoren feiern Valve und nutzen dabei rechte Kampfbegriffe. Die Firma würde sich demnach gegen "Social Justice Warriors" wenden, sie würde sich gegen "Zensur" und "Political Correctness" stellen. Für andere ignoriert Valve größere Probleme, etwa die Vielzahl von hastig zusammengeklickten Schrott-Spielen.


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Das eigentlich absurde an der Situation: Das Problem, das Valve angeblich mit seinen neuen Regeln lösen will, bleibt bestehen. Gut sichtbar ist das an den vielen Diskussionen zwischen Spielentwicklern, die jetzt ablaufen. Auf Twitter lobt Brenda Romero, eine der einflussreichsten Entwicklerinnen der letzten 30 Jahre, die Steam-Macher für eine mutige Ansage gegen Zensur und für die Freiheit.

Doch als die Journalistin Laura Kate Dale sie mit dem schwulenfeindlichen Shooter Kill All Faggots konfrontiert, der 2015 für kurze Zeit auf Steam erhältlich war, ist Romero nicht mehr so sicher, wie weit diese Freiheit gehen darf. Dieses Spiel sei beleidigend, hasserfüllt, völlig indiskutabel – und es sei doch auch gar nicht klar, ob es unter den neuen Regeln von Steam verkauft werden könnte.

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