Martin Bühler mit seinem Fahrrad. Im Hintergrund: die G20-Polizisten. Foto: imago

Die wahre Geschichte des Typen, der als "Riot-Bike-Guy" die G20-Krawalle photobombte

Tausende feierten den freundlichen Mann im weißen Hemd als großartigen G20-Aktivisten. Doch wenn man mit ihm redet, stellt sich der Fall ganz anders da.

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Juli 21 2017, 8:41am

Martin Bühler mit seinem Fahrrad. Im Hintergrund: die G20-Polizisten. Foto: imago

Neben den dramatischen Videos von brennenden Barrikaden, angezündeten Autos und knüppelnden Polizisten machten nach dem G20 auch noch andere, deutlich sanftere Bilder die Runde. Der Beitrag auf Tumblr, der schnell unter dem Namen "Riot Bike Guy" im Netz zirkuliert, sammelt schon als ursprünglicher Post rund 50.000 Reaktionen. "Martin, du machst das toll, Süßer" schwärmt eine Userin auf Twitter über den unbekannten Radler 70.000 Likes.

"In Hamburg wählte er den Look eines schaulustigen Weißen, der sich locker der Polizei in den Weg stellte" heißt es in dem Tumblr-Post. Auch auf deutschen Blogs wie Nerdcore taucht er als "cool guy" wieder auf. Blogger Fefe, der eine monatliche Reichweite von knapp zwei Millionen Lesern hat, schreibt: "Ist euch aufgefallen, dass auf mehreren G20-Bildern so ein alter Mann mit Oberhemd und Sonnenbrille und einem Fahrrad im Weg stand? Stellt sich raus: Das war eine kreative Protestform. :-)"

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Mit cooler Sonnenbrille und hanseatischer Gelassenheit scheint er für die Fotografen zu posieren, gleichermaßen mit Demonstranten und Polizei zu diskutieren. Auf der Tumblr-Seite Queer Anarchism wird sein Auftritt als Demo-Strategie interpretiert und tausendfach weiterverbreitet. Im Kostüm eines Zivilisten soll der vermeintliche Historiker Martin Bühler sich als menschliches Schutzschild bewusst zwischen die Fronten gestellt haben. Aber stimmt diese Geschichte überhaupt?

Für viele im Netz ist klar: Bühler ist ein aktivistischer Held, nur eben mit weißem Hemd statt rotem Cape. Sein Besuch der G20-Demo im besten Normcore-Look klingt nach Absicht, nach einer cleveren Idee. Doch wer mit Bühler spricht, stellt schnell fest: Die Geschichte stimmt so nicht, sondern entsprang einer Mischung aus stiller Post, Sprachbarrieren und der Inspiration, die ein schöner Schnappschuss dem Internet eben so liefern kann.

Foto: imago

Der Grund, warum Bühler in jener Nacht tatsächlich im Schanzenviertel war, ist sehr viel banaler, als viele Post suggerieren: "Ich kenne keine Demonstranten, keine Veranstalter, gehöre zu keiner Szene", erklärt er in einer E-Mail gegenüber Motherboard. "Ich war nur unabhängig dort, um mir selbst ein Bild zu machen. Ich bin als Anwohner, also nicht eigens zu G20 gekommen, sondern wohne vor Ort."

Zwischen Lerchenstraße und Schulterblatt, nahe der Roten Flora, geriet Bühler dann in die Auseinandersetzung. Doch auch ohne Szenezugehörigkeit hat er eine Meinung zum Geschehen. Den Kampf zwischen Polizei und Demonstranten beschreibt er als "blutig und mörderisch". "Irgendwann bin ich dann aber gegangen, da es nicht mehr möglich war, zwischen den Fronten zu stehen. In dem Meer von Glasscherben hatte ich dann ohnehin einen Platten und musste zu Fuß zurück."

Ganz aus der Luft gegriffen sind die Aussagen auf Tumblr aber auch wieder nicht. "Die Bezeichnung als Historiker hat man vermutlich aus meiner Internetseite abgeleitet." Auf dieser liebenswert anachronistischen Online-Visitenkarte lässt sich nämlich durchaus ein Interesse Bühlers an Historischem finden – von gelesenen Romanen bis hin zu gespielten Fantasy-Games, die er penibel auflistet.

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Auf der Website findet sich auch ein Stammbaum seiner Familie, der bis ins Jahr 235 zurückreicht. Und da kommt auch sein Rad wieder ins Spiel. "Meine Fahrrad-Touren folgen dieser Familiengeschichte. 2016 bin ich auf einer Fahrrad-Tour zurück bis in das 6. Jahrhundert in Teurnia", einer römischen Stadt in Oberkärnten. "Das alles habe ich tatsächlich ausgesagt, in dem ich auf meine Internetseite verwiesen habe." Bei soviel Enthusiasmus für die eigene Geschichte wird man vom Internet schnell zum Historiker gemacht.

"Der einzige Journalist, der mich vor Ort angesprochen hatte, war Jonas Sølbergs. Der hat einen Artikel mit Bild in der dänischen Zeitung Information veröffentlicht." Von da gelangte Bühlers Name wiederum in eine Bilderstrecke der niederländischen Zeitung Volkskrant. Und so begannen auch die Missverständnisse. "Mit Sølbergs konnte ich mich nur in gebrochenem Englisch verständigen."

Wie gefährlich das unhinterfragte Verbreiten von Fotos in anderen Fällen einer Demonstration sein kann, zeigte erst vor kurzem der Fall einer neurechten Facebook-Seite, die mit einer viralen Falschmeldung zur Hetzjagd gegen einen Mann aufrief, der gar nicht von der Polizei gesucht wurde. Im Fall von Bühler waren die Reaktionen zum Glück harmloser.

Von seiner Popularität erfuhr Bühler selbst übrigens nur zufällig. "Ich wurde bereits am späten [Freitag] Abend von einer jungen Frau angesprochen und darauf hingewiesen, dass ich eine Internet-Berühmtheit sei."

Und so wurde aus dem Radfahrer mit einem platten Reifen ein subversiver Helfer der G20-Proteste. Dass der Auftritt des "Riot Bike Guy" nicht geplant war, dürfte inzwischen allerdings kaum noch jemanden interessieren, der begeistert sein Foto retweetet hat. Falls auf der nächsten Demo also diverse Radfahrer in weißen Hemden die Polizei blockieren, ist das wohl Martin Bühler zu verdanken – ob er das nun beabsichtigt hat oder nicht.