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Foto: Daniel Oberhaus

Wo das stärkste Weed-Öl der Welt auf den Markt geschwemmt wird

Daniel Oberhaus

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„Wir erschaffen ein Produkt, das drei- bis fünfmal so viel Wert ist wie Gold.“

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Wir befinden uns weit außerhalb von Denvers Innenstadt, am westlichen Ufer des Platt River. Hier, in rund acht Kilometern Entferntung vom Epizentrum des us-amerikanischen Marihuana-Booms, befindet sich ein kleines, unscheinbares Gebäude—die Green Mile, jener Teil der Stadt, in dem zur Freude von Stonern aus dem ganzen Land die sogenannten Dispensarys ihr Marihuana ausgeben, scheint Welten entfernt. Wären da nicht die vergitterten Fenster und die Türschlösser mit Zahlencode, würde man nicht darauf kommen, dass jenseits der roten Ziegelfassade irgendetwas Außergewöhnliches vor sich geht. Sobald du jedoch durch die Tür trittst, offenbart sich ein geschäftiges Treiben: Wissenschaftler in weißen Laborkitteln tragen Behälter durch eine Tür, auf der "Betreten verboten" steht, und in kleinen Quadern tippen PR- und Sales-Angestellte mit der einen Hand und telefonieren mit der anderen. Außerdem ist eine kleine Mannschaft an Technikern damit beschäftigt, einen dickflüssigen goldenen Nektar mit Spritzen in winzige Glasfläschchen zu füllen.

Dies ist die Heimat von Organa Labs, dem größten Cannabis-Öl-Produzenten der Welt. Alle zehn Sekunden bestellt in den USA jemand ein Organa-Produkt, sei es in Form von Dabs, als Energy-Drink oder als Gummibärchen, doch es sind Organas ultra-reine Cannabis-Öl-Destillate—der goldene Sirup, der in die Fläschchen gefüllt wird—die dem Labor die meiste Arbeit machen.

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Mein Besuch hätte zeitlich nicht passender sein können: Ich hatte mir genau jenen Tag Ende Oktober ausgesucht als Organa seine neueste Cannabis-Öl-Produktlinie vorstellte. Die Bakked-Destillate sollen einen Cannabinoid-Bestandteil von bis zu 97 Prozent aktiviertem THC enthalten. Am Tag der Produktpräsentation war ich auf eine Tour durch das Organa-Labor eingeladen, um mir anzusehen, wie aus der beliebtesten Pflanze Oregons das stärkste Cannabis-Öl wird, das auf dem Markt erhältlich ist.

Der Schlüssel zu einem wirksamen Cannabis-Destillat ist das Gras. Organa arbeitet mit einem Dutzend Marihuana-Bauern aus dem US-Bundesstaat Colorado zusammen, die monatlich bis zu 900 Kilo Cannabis in die Labore der Firma schaffen. Einige der Produkte bestehen aus einer Mischung aus dem Verschnitt—den Blättern der Cannabis-Pflanze—und den Blüten. Für die hochkonzentrierten Öle wie das 97-prozentige Bakked-Destillat werden jedoch nur die Blüten verwendet. Organa-Chef Chris Driessen drückt es so aus: „Wir strecken unser Weed mit Weed."

Die Stärke der Blüten definiert, wie viel Cannabis-Extrakt daraus gewonnen werden kann. An guten Tagen schaffen die Wissenschaftler 15 Prozent Ertrag—was bedeutet, dass aus 15 Gramm Blüten ein Gramm destilliertes Öl mit 90-prozentigem THC-Gehalt gewonnen werden kann. Bedenkt man diesen relativ geringen Ertrag, so ist die Qualität der Blüten umso wichtiger, weshalb sich das Weed-Labor an Cannabis-Produzenten wie Tim Cullen von der Colorado Harvest Company wendet.

Tim Cullen überprüft seine Pflanzen in einer der Hallen der Colorado Harvest Company | Foto: Daniel Oberhaus

Mit etwa 6.000 Cannabis-Pflanzen ist Cullens Firma zwar nur ein mittelgroßen Betrieb, doch in punkto THC-Gehalt der Blüten spielt das Unternehmen ganz vorne mit. Cullen, Chef der Colorado Harvest Company, habe sich laut eigenen Angaben sein Fachwissen in Sachen Grasanbau selbst beigebracht. Bevor er in die Weed-Industrie einstieg, habe er als Biolehrer gearbeitet und sich nebenher ein paar Pflanzen im Keller gezüchtet. Wenn die Blüten und der Verschnitt, die von Cullen und anderen geliefert werden, Organa erreicht haben, werden sie zunächst zerkleinert, um das Extrahieren der Cannabinoiden zu erleichtern. Anschließend wird das zerkleinerte Gras in einen Extraktor gefüllt, der superkritisches CO2—gasförmiges Kohlendioxid, das unter extremem Druck flüssig wird—als Lösungsmittel nutzt, um das rohe Öl aus dem pflanzlichen Material zu extrahieren.

Laut des Organa-Chefs Driessen ist das superkritische Kohlendioxid entscheidend für die Reinheit des Endprodukts. Die meisten Labore, die Cannabis-Extrakte produzieren, nutzten das kostengünstigere Butan als Lösungsmittel, um das Öl aus den Marihuanapflanzen zu extrahieren. Das Problem ist allerdings, dass Butan Spuren im fertigen Produkt hinterlassen kann und die meisten Leute Unreinheiten im Gras nicht gerne sehen.

Daher entschied sich Driessens Firma für das superkritische CO2, das keine Rückstände hinterlässt. Im Jahr 2010 war Organa das erste Labor, das für diese Methode der Cannabis-Extraktion zugelassen wurde.

Organa-Präsident Chris Driessen mit einem riesigen Beutel Gras | Foto: Daniel Oberhaus

Laut Driessen mussten sie von anderen Produzenten dafür heftige Kritik einstecken. Denn die CO2-Methode hatte den Ruf, fade und geschmacklose Cannabis-Öle zu produzieren. Denn das unverarbeitete Cannabis-Öl, das durch den CO2-Extraktionsprozess entsteht, wird starkem Druck und starker Hitze ausgesetzt, wodurch sogenannte Terpene—chemische Verbindungen, die eine Vielzahl an Naturstoffen enthalten— verfliegen können und das Gras sein Aroma verliert. Daher trennt Organa in den ersten Schritten des superkritischen Extraktionsprozesses so viele Terpene von der Pflanze wie möglich, damit sie während der Produktion des unverarbeiteten Öls nicht zerstört werden.

Nach dem Extraktionsprozess wird das Öl in einem Vakuum-Ofen decarboxyliert, also von Kohlenstoff-Molekülen getrennt, um das THC zu aktivieren. THC ist in Cannabis-Pflanzen und in unraffiniertem Öl als nicht-psychoaktive, saure Form namens THC-A zu finden. Wenn du high werden willst, musst du es jedoch aktivieren. Wenn du zum Beispiel eine Bong rauchst, geschieht dies durch die Verbrennung des Grases, wenn du Cannabis-Öl herstellst, ist es am besten, das THC vorher zu aktivieren, damit eine niedrigere Temperatur beim Verdampfen durch den Konsumenten ausreicht.

Remy Kachadourian, Leiter der Forschung und Entwicklung von Organa Labs, vor den Apparaturen zur superkritischen CO2-Extraktion | Foto: Daniel Oberhaus

Nachdem das rohe Öl durch superkritisches CO2 von der Pflanze extrahiert wurde, bleiben noch einige Terpene zurück. Daher durchläuft das unverarbeitete Öl anschließend einen Prozess der Winterisierung. Dabei wird das Öl im Prinzip mit Ethanol vermischt und dann eingefroren. Dies trennt die ungewollten Substanzen wie Wachse und Chlorophyll vom Öl, sodass nur die Terpene und Cannabinoide zurückbleiben.

Nachdem das unbearbeitete Öl winterisiert wurde, wird es in einen Rotationsverdampfer gefüllt, um das restliche Ethanol zu entfernen. Von dort gelangt das raffinierte Öl in die Herzkammer von Organas Forschungslabor: Ein kleiner Raum, ausstaffiert mit wissenschaftlichem Equipment im Wert von einer knappen Million Dollar, in dem die geheimen Raffinerie-Prozesse von Organa statt. Die Geheimhaltung der Destillationsprozesse von Organa hat hier oberste Priorität und so ist Fotografieren verboten. Da hier ein Produkt entsteht, das "drei- bis fünfmal so viel wert ist wie Gold" kann man den Technikern ihre Paranoia nicht übel nehmen.

Einige Arten destillierter Cannabis-Öle | Foto: Daniel Oberhaus

Zumindest lässt sich sagen, dass das Produkt weiter gereinigt wird, indem die Techniker die verbleibenden Terpene vom raffinierten Öl trennen. Zwar verrät Organa keine Details, die grundlegende Idee basiert jedoch darauf, die Bestandteile des Öls auf Molekularebene zu trennen, die Terpene neu zu kombinieren und weiter zu destillieren. Das Endergebnis ist eine goldene Substanz mit der Konsistenz von Sirup.

Einer von Organas Rotationsverdampfern: Das Cannabis-Öl befindet im rechten Röhrenkolben, das Ethanol verdampft in den durchsichtigen Kolben links davon | Foto: Daniel Oberhaus

Das Terpen-Destillat wird dem ultra-reinen Öl mithilfe einer Apparatur zur Kurzweg-Destillation wieder zugeführt. Das hilft, die Viskosität zu senken, es also flüssiger zu machen, und verabreicht dem Öl die stammspezifischen Aromen und Wirkungen. An diesem besonderen Punkt der Herstellung ist das Cannabis-Öl am reinsten und am wirksamsten: Organas Bakked-Destillat erreicht in diesem Stadium einen THC-Gehalt von bis zu 97 Prozent.

Nach einigen Tests, die das Destillat auf Reinheit und Wirkungsgrad überprüfen, wird das Öl erneut erwärmt und in Kartuschen abgefüllt, um es an Ausgabestellen in ganz Colorado zu verschicken.

Bereits die Massenherstellung von Cannabis-Destillaten mit 97-prozentiger Wirkungsstärke ist ein Kunststück. Doch Organas Chef-Entwickler Remy Kachadourian und seine Kollegen haben bereits Extrakte hergestellt, die über 99 Prozent THC beinhalten. Das Problem besteht jedoch nicht in der Höhe des THC-Gehalts, sondern darin, mehr als eine Handvoll davon auf einmal zu produzieren.

Der überwiegende Teil von Organas Cannabis-Öl-Kartuschen wird per Hand befüllt | Foto: Daniel Oberhaus

"Das Rennen um die Stärke ist vorbei", so Driessen. "Remy und sein Team schaffen eine Reinheit von 99 Prozent THC. Jeder setzt THC mit Wirkstärke gleich, da es das ist, was für einen psychoaktiven Effekt sorgt." Die Realität sehe jedoch so aus, dass die von Konsumenten gesuchte Wirkung eine Kombination aus verschiedenen Cannabinoiden ist, die "gemeinsam für einen Begleiteffekt" sorgen.

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Das unterscheide Driessen zufolge die Organa-Produkte von anderen extrem wirkungsvollen Cannabis-Destillaten, wie zum Beispiel den Dragon Balls der X-tracted Labs, die 99 Prozent Cannabinoide beinhalten, von denen 92 Prozent aktiviertes THC sind. Das Bakked-Destillat von Organa hat bis zu 97 Prozent aktiviertes THC und beinhaltet trotzdem noch einen hohen Grad an Terpenen und anderen Cannabinoiden, die ihm ein Aromaprofil und einen kontrollierten Effekt verleihen, der nur durch die superkritische CO2-Extraktion und Organas firmeneigene molekulare Destillationsmethoden ermöglicht wird.

Eine Kartusche mit 85-prozentigem Bakked-Öl, bereit zur Auslieferung | Foto Daniel Oberhaus

"In der Vergangenheit haben die CO2-Extraktion und der damit zusammenhängende Raffinationsprozess die Terpene zerstört, die die Quelle von Geschmack, Geruch und gesteigerten Effekten sind", so Driessen. "Wir sind jetzt in der Lage, diese Terpene im Extraktionsprozess zu konservieren und sie während des Destillationsprozesses zu reinigen. Das erlaubt uns, die wahre Essenz der Pflanze zu bewahren."