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YouTube-Phänomen

Irgendjemand traumatisiert Kinder auf YouTube mit brutalem Content in ihren Lieblings-Cartoonvideos

YouTube wird gerade von üblen Trash-Videos zugemüllt, die sich explizit an kleine Kinder richten und sie nachhaltig verstören können. Angeklickt werden sie millionenfach. Doch wer steckt dahinter?

Theresa Locker

Theresa Locker

Bild: Screenshot YouTube

Als der kleine Bruder der Disney-Kinderärztin Doc McStuffins aus einem Albtraum erwacht, in dem er blutend auf dem Boden liegt, muss er dringend aufs Klo. Doch sein Vater drängelt sich vor und packt gemütlich seine Zeitung aus, obwohl sein Sohn ihn von draußen anfleht, sich doch bitte zu beeilen. Der Vater lacht nur. Das Kind nässt sich draußen ein und fängt an zu weinen. Ende.

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Natürlich stammt diese düstere Storyline nicht aus der Feder von Disney. Aber auf YouTube gibt es eine Szene an Menschen, die vermeintlich harmlose Cartoons, Sketche und Knet-Animationsfilme produzieren, die sich an sehr kleine Kinder richten. Alle Protagonisten in den Clips sehen den beliebten Originalfiguren zum Verwechseln ähnlich. Doch ihnen ist auch gemein, dass die Videos allesamt eine mehr oder weniger brutale Wendung nehmen. Während die Eltern nicht hingucken, können sie die sehr jungen Zuschauer nachhaltig traumatisieren. Wer dahinter steckt, ist völlig unklar.

Manche dieser Kanäle sind gigantisch groß, wie zum Beispiel Toys and Funny Kids Surprise Eggs mit über 5 Milliarden Views. Dort trifft es immer wieder die Figur Elsa aus dem Disney-Blockbuster „Frozen". Mal bricht ihr ein Knete-Spiderman in einer aufwendigen Animation den Arm, mal zerschneidet er ihr Kleid, mal pisst er in ihre Badewanne, während sie selbst drin liegt. Auch wenn die Stop-Motion-Animation aus Knete aufwändig gestaltet ist und die Clips zum Teil fast eine ganze Stunde dauern, bleibt durch die sinnlos-brutalen Darstellungen ein unguter Beigeschmack. Das tut der Beliebtheit des Channels aber keinen Abbruch: Er befindet sich sogar unter den 100 weltweit meistgeschauten YouTube-Kanäle.

Bei solchen Zahlen findet das System viele Nachahmer. Es reicht eine schnelle Suche, um rund dreißig solcher vermeintlichen Kinder-Channels zu finden, die ähnliche Inhalte zeigen. Konsistenter Dauerbrenner in dieser Welt sind Spiderman- und Elsa-Videos. Doch auch andere Figuren müssen dran glauben: Ein Kanal, der sehr überzeugend so tut, als sei er der offizielle Channel des animierten Ferkels Peppa Wutz, hat zwei Dutzend Videos hochgeladen, in denen das Schweinchen entweder von Zombies, Haien oder Monstern angegriffen und verletzt wird. Typischerweise sind Drei- bis Fünfjährige Fans des Ferkels Peppa Wutz.

Auch auf dem Kanal Beeble Kids TV spritzt in fast jedem Zeichentrick-Video das Blut. Egal, ob Fake-Mickey Mouse, Hulk oder Spongebob: Ständig verletzt sich in dieser Welt jemand, wird irgendetwas abgeschnitten, angezündet, kaputtgemacht oder vollgepinkelt. Eltern, die ihre Kinder für ein paar Minuten beschäftigen wollen, während sie selbst mit etwas anderen zu tun haben, erweisen diese verstörenden Videos einen Bärendienst.

Doch die brutale oder für Kinder nicht geeignete Aufmachung könnte paradoxerweise unbeaufsichtigte Kinder dazu animieren, sich genau diesen Inhalt anzugucken. Zumindest sprechen die Klickzahlen für sich: In einem trashigen, verstörenden Video des Kanals „Baby Cartoon Rhymes" werden die Protagonisten (natürlich inklusive Elsa und Spiderman) lebendig begraben. Das Video wurde 67 Millionen mal angeschaut.Damit die Kinder auch weiterhin klicken, scheinen die Macher der Videos den Inhalt weiter in Richtung Erwachseneninhalte zu pushen und bauen Spannung durch extreme Vorschaubilder, Klo-Humor und Gewaltdarstellungen auf. Auffällig ist zudem, dass die Vorschaubilder im tatsächlichen Video nicht immer das einlösen, was sie im Vorschaubild versprechen: Ein alter Marketing-Trick, der sich auch bei allen möglichen anderen YouTube-Channels findet.

So wird die latente oder explizite Gewalt in den Videos ein Verkaufsfaktor. Denn die Channels scheinen erfolgreiche „Formate" von anderen zu kopieren. Ein Beispiel: So gut wie jeder dieser fehlgeleiteten Kinder-Kanäle präsentiert ein Video, in dem Spiderman Elsa aus Frozen den Arm bricht.

Auf Reddit versammeln sich im Subreddit „The Loop" Eltern, deren Kinder diesen Content geschaut haben und diskutieren, wie man dem omnipräsenten Elsa-Spiderman-Trash entgehen kann: „Ich hasse diese Videos", schreibt ein Redditor. „Mein Sohn guckt die, und zunächst dachte ich, die seien total harmlos. Dann habe ich mal mitgeschaut. Jetzt weiß ich, wie sich sein Verhalten erklären lässt. Er macht immer Theater und kopiert genau die Dinge, die dort in den Videos gezeigt werden. Diese Clips bringen Kinder nichts bei, außer, wie man irgendwelchen üblen Scheiß baut. (…) Es ist unglaublich frustrierend."

Wie also können Eltern diese Videos umgehen? Die YouTube Kids-App filtert manche dieser Inhalte heraus, aber nicht alle – ganz besonders, weil die Inhalte häufig an der Grenze zwischen schlechtem Geschmack und Jugendgefährdung tänzeln. Geeignet für kleine Kinder sind sie in keinem Fall. YouTube teilte der

BBCin einem Statement mit: „Wir machen es leicht, ein Video zu flaggen. Die markierten Videos werden rund um die Uhr überprüft. Alle, die nicht in die App gehören, werden binnen weniger Stunden entfernt", räumte aber gleichzeitig ein, dass Filter „nie zu 100% funktionieren können".

Wer aber YouTube nicht über die App anruft, sondern z.B. über einen normalen Web-Browser auf einem Laptop, der muss sich auf die YouTube-Kindersicherung verlassen. Das Problem: Sie funktioniert sowieso nur, wenn man mit einem Konto bei YouTube angemeldet ist. Mit einem Klick auf „Logout" steht jedem wieder die volle YouTube-Bandbreite an Videos zur Verfügung – und diesen Trick lernen selbst kleine Kinder schnell.


Die seltsamen Elsa-Spiderman-Kanäle präsentieren allerdings nicht nur Cartoons, sondern auch Erwachsene, die sich mehr schlecht als recht als die beliebten Film-Figuren verkleiden und dann diverse Sketche aufführen, die meist wortlos zu fröhlicher Hintergrundmusik gespielt werden. Manche Channels, wie SuperheroesPictures, konnten binnen weniger Tage durch diese Videos bis zu 60 Millionen Views verbuchen. Wirkliche Geschichten haben sie nicht.

In einem Sketch-Video macht ein Spiderman im Kostüm völlig unerklärlicherweise Liebe mit der Luft, in einem anderen verbrennt sich eine Protagonistin das Gesicht beim Geschenkeauspacken. Wie der Blog Tubefilter im Februar bemerkte, sind die Elsa/Spiderman-Videos auch deshalb so beliebt, weil Kinder die Charaktere zu 100% wiedererkennen und sie gerne in anderen Situationen als dem Originalfilm wiedersehen wollen.

Immer noch ist über die Macher dieser Channels fast nichts bekannt. Hinweise gibt es dennoch: Laut dem YouTube-Channel h3h3 seien es Prankster, die sich nach neuen Märkten umsehen. Er habe mehrere von ihnen in den Kostümen beliebter Kinderfiguren bei ihren wortlosen Sketchen wiedererkannt, erklärt der Kanalbetreiber in einem über 2 Millionen Mal angesehen Video. Tatsächliche Belege gibt es dafür aber noch nicht – keiner der Channel-Produzenten hat sich bisher zu seinen Inhalten geäußert.

Update vom 08.11.2017: Wie uns ein Leser netterweise mitteilte, haben sich zwei Prankster in einem Podcast des Comedy-Kanals h3h3 am 30. September 2017 als Produzenten von Dutzenden Elsa/Spiderman-Videos geoutet – man könne damit gut Geld verdienen, hieß es. Die beiden Videomacher, Moe und Ethan Bradberry, wurden für ihre rassistischen Pranks in the Hood bekannt und sind bei Weitem nicht die einzigen YouTuber, die solche Videos produzieren.