'RDR 2'-Gamer feiern, dass sie im Spiel Feministinnen töten können

YouTube-Videos zeigen, wie Gamer eine Frauenrechtlerin in 'Red Dead Redemption 2' verprügeln und verbrennen. Die Kommentarspalten sind voll von frauenfeindlicher Hetze.

|
Nov. 7 2018, 11:11am

Bild: Screenshot | YouTube | Shirrako | Red Dead Redemption 2

Wenn du die letzten Wochen nicht unter einem Stein verbracht hast, weißt du mit Sicherheit, dass Red Dead Redemption 2 veröffentlicht wurde. In dem Open-World-Videospiel findet man sich im Wilden Westen wieder, genauer gesagt im Jahr 1899. Und weil die Entwickler von Rockstar Games so unglaublich viel Wert auf Realismus und Details legen, trifft man in Red Dead Redemption 2 auch auf Suffragetten – also auf historische Frauenrechtlerinnen, die in dieser Zeit für ihr Wahlrecht kämpften. Nun ist Frauenfeindlichkeit in der Videospielkultur leider immer noch weit verbreitet, deshalb finden viele Gamer in Red Dead Redemption 2 Spaß daran, genau diese Charaktere zu verprügeln oder zu töten.

Es ist vor allem die Entscheidungsfreiheit des Spielers, die Red Dead Redemption 2 so außergewöhnlich macht. Jede Situation im Spiel lässt sich auf verschiedene Arten angehen. Als Spieler kann man fast jeden Charakter ansprechen, ausrauben, zusammenschlagen oder erschießen. Vor allem eine Suffragette in Saint Denis, dem virtuellen Äquivalent zu New Orleans , wird dabei häufig zum Ziel der frauenfeindlichen Gamer. Die Frau steht mit einem Schild auf einer belebten Straße und fordert lautstark, wählen zu dürfen. Der YouTube-Nutzer Shirrako hat nun ein Video hochgeladen, in dem er mit seinem Dead Redemption 2-Charakter auf die Demonstrantin zugeht und sie niederschlägt. Das Video mit dem Titel "Red Dead Redemption 2 - Beating Up Annoying Feminist" ist seit dem 28. Oktober online und hat bis zum 6. November schon rund 1,5 Millionen Views gesammelt.

Vermutlich beflügelt durch den Erfolg seines ersten Videos schob Shirrako zwei weitere Clips nach: In einem versucht er, die Suffragette an einen Alligator zu verfüttern, im anderen fängt er sie mit einem Lasso ein, lässt sie von einem Zug überfahren und setzt ihre Leiche in Brand.

Die Kommentare unter den Videos sind teilweise offen frauenfeindlich und herabwürdigend. Einige Kommentatoren finden die Videos offenbar unglaublich witzig, andere sagen, dass jede Feministin eine solche Behandlung verdient habe. Und wieder andere sprechen von "Männerrechten".

YouTuber distanziert sich von sexistischen Kommentaren unter seinem Upload

"Die Frau habe ich auch gekillt", schreibt ein Nutzer namens Joker Productions, dessen Channel über 120.000 Abonnenten hat. "Jedes Mal, wenn ich dort zum Schneider ging, musste ich mir ihr Gekeife anhören. Ich hatte die Schnauze voll und lud sie zum Essen ein. Auf der Speisekarte stand aber nur Schrotmunition." Der Nutzer Silly Goose kommentierte: "Diesen kleinen Abschnitt könnten sie in ein vollwertiges Spiel verwandeln, 60 Dollar dafür verlangen, und ich wäre der Erste, der es inklusive aller Download-Codes vorbestellt."

Motherboard hat Shirrako um eine Einschätzung gebeten, warum das Video so viele Klicks sammelt und solche Kommentare hervorruft. "Ihr erwartet bestimmt irgendeine politische Antwort, aber die Wahrheit ist, dass ich einfach nur einen witzigen Moment aus einem meiner Streams als separates Video hochgeladen habe", antwortet Shirrako gegenüber Motherboard. "Keine Ahnung, ob Rockstar Games es so wollte, aber die Suffragette ist sehr nervig. Wenn man Klamotten einkaufen will, wird der Dialog mit dem Ladenbesitzer immer wieder von ihrem Geschrei unterbrochen. Ich wollte einfach in Ruhe einkaufen. Und ich bin mir sicher, dass ihr als Gamer solche Situationen mit störenden Nebencharakteren kennt."


Auf Broadly: Malala Yousafzai über Geflüchtete, Aktivismus und Frauenrechte


Shirrako glaube, die meisten Nutzer seien sich bewusst, dass das Video mit dem gewaltverherrlichenden, frauenfeindlichen Titel nicht ernst gemeint sei. Auch die fiesen Kommentare habe er gelesen – und gemerkt, dass sich andere Leute von den Videos angegriffen fühlen.

"Ich stimme den sexistischen Kommentaren natürlich nicht zu", sagt Shirrako. "Ich kann aber auch nichts gegen sie machen. Ich will nicht die Meinung anderer Leute zensieren – egal ob ich nun genauso denke oder nicht."

Kinder zu töten ist im Spiel unmöglich, Frauenrechtlerinnen zu töten aber schon

Screenshot von Red Dead Redemption 2
Bild: Screenshot | YouTube | Shirrako | Red Dead Redemption 2

Der Entwickler Rockstar Games stand schon öfter in der Kritik, weil die offenen Welten ihrer Spiele viele Freiheiten boten, die Gamer für fragwürdige Aktionen nutzten. Grand Theft Auto III war das erste 3D-Spiel in der GTA-Reihe und gilt als Vorbild der Open-World-Games, die heutzutage den Markt dominieren. In dem Spiel können Gamer die Hauptcharaktere auch mit Sexarbeiterinnen schlafen lassen – und diese anschließend umbringen, um das Geld zurückzuholen.

Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass Rockstar Games ein solches Verhalten befürwortet. In Red Dead Redemption 2 wird man als Spieler ja auch nicht dazu aufgefordert, die Frauenrechtlerinnen zusammenzuschlagen. Trotzdem ist bei Red Dead Redemption 2 nicht alles erlaubt: Der Protagonist Arthur Morgan kann zum Beispiel nicht einfach sein Outlaw-Dasein hinter sich lassen und sich als Lehrer in irgendeiner Kleinstadt mitten im Nirgendwo niederlassen. In dem Spiel dreht sich alles darum, als Bandit durch die Welt zu ziehen. Ohne Rauben und Morden klappt das in dem Spiel nicht; Gamerinnen und Gamer können sich allenfalls entscheiden, manche Aufgaben des Spiels einigermaßen friedlich zu lösen.

Was in Red Dead Redemption 2 aber nicht möglich ist: mit Sexarbeiterinnen schlafen oder Kinder töten. Es handelt sich dabei um bewusste Einschränkungen der Entwickler. Während Rockstar Games also Gewalt gegen Kinder verhindert, haben die Entwickler offenbar Gewalt gegen Frauenrechtlerinnen zugelassen.

An anderer Stelle im Spiel haben sich die Entwickler wiederum um eine differenzierte Darstellung der Frauenrechtlerinnen bemüht. Das zeigt sich zum Beispiel in einer der zahlreichen Episoden des Spiels: In der Kleinstadt Rhodes hat der Enkel eines Plantagenbesitzers eine verbotene Liebesaffäre mit der Tochter aus einer verfeindeten Familie. Bei der Tochter handelt es sich um eine Suffragette, die man als Spieler während einer Demonstration vor Übergriffen beschützen soll. Dahinter steht ein historisches Problem, denn Suffragetten wurden durchaus im Rahmen ihrer Proteste scharfer Gewalt ausgesetzt oder ins Gefängnis geworfen.

Wer Opfer von Stalking oder häuslicher Gewalt geworden ist, kann sich an die Koordinierungsstelle des Bundesverbandes Frauen gegen Gewalt e.V. wenden, deren Datenbank hilft, den richtigen Ansprechpartner für eine Beratung zu vermitteln. Falls du Opfer sexualisierter Gewalt geworden bist und etwas unternehmen willst, findest du hier und hier Hilfe und nützliche Hinweise.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Dieser Artikel ist zuerst auf der englischsprachigen Seite von Motherboard erschienen.