Indische Bürger sollen mit Big-Data-Biometrie ihre faulen Beamten züchtigen

Die Regierung Modi lässt die Anwesenheitszeiten von Beamten per Fingerabdruckscanner überwachen. Faule Bürokraten werden auf einer Website angeprangert, damit sie der geneigte Normalbürger umgehend per Telefon zusammenfalten kann.

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22 Oktober 2014, 1:24pm

Ein biometrischer Scanner, wie er von der UIDAI eingesetzt wird. Bild: Wikimedia CommonsFotokannan. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Eines der offensichtlichsten britischen Vermächtnisse an Indien ist neben dem wunderschönen Pidgin-Englisch leider auch eine monströs aufgeblasene Bürokratie. Beamte gelten in der ehemaligen Kronkolonie nicht nur als notorisch bestechlich, sondern auch als legendär ineffizient.

Dass Premierminister Narendra Modi für laxe Sitten und die Nichtbeachtung preußischer Tugenden nichts als ein verächtliches Schnauben übrig hat (für alles andere: keine Zeit!), ist bekannt und sicherte ihm letztlich auch viele Stimmen bei der vergangenen Wahl. Erst kürzlich verdonnerte er seine eigenen Parteikader zur GPS-Überwachung im Dienstwagen, um herauszufinden, ob sie noch im Bett liegen, wenn sie eigentlich im Außendienst unterwegs auf Stimmenfang sein sollten.

Seit Oktober hat die Regierung Modi nun ihren nächsten Meilenstein im Aufräum-Programm gesetzt: Ein biometrisches virtuelles Überwachungssystem, das Zuspätkommer im öffentlichen Dienst anprangert. Denn obwohl die Kernarbeitszeit in der Zentralverwaltung in Delhi um 9:30 Uhr beginnt, hieß das bisher noch lange nicht, dass die Bürokraten dann auch bei der Arbeit anzutreffen sind. Per Big Data können Bürger nun genau sehen, wann ein bestimmter Beamte den Dienst angetreten hat oder wie oft er schon in den letzten Wochen zu spät kam. Über 51 000 Beamte sind schon auf der Plattform registriert, auf der auch alle entsprechende Ministerien verlinkt sind. So ist nach zwei Klicks klar, wem man, wo seine Meinung geigen kann. 

Orwell'sche Überwachung - beunruhigend effizient. Screenshot  BAS

Das System setzt auf die biometrische Stechuhr: Per Fingerabdruck- oder Iris-Scan werden die Zeiten im Biometric Attendance System (BAS) erfasst, zu denen ein Beamter tatsächlich in der Amtsstube eintrudelt. Auf der Website wird eine Art Dashboard angezeigt, das per Suchfunktion und mit Graphen jedem Bürger die Effizienz von einzelnen Beamten und Ministerien visualisiert.

Die Daten hinter den bunten Tortengrafiken, die dem Besucher zeigen, wann Bürokraten zur Arbeit erscheinen, sind gespeichert in Aadhaar, der größten biometrischen Datenbank der Welt. Die indische Regierung hat in das Programm zur papierlosen Identifikation der indischen Bürger schon über 41 Millionen Euro investiert. Verwaltet durch die Unique Identification Authority of India (UIDAI) sind in dieser Datenbank bereits über 550 Millionen Bürger registriert. Viele elementare Dienstleistungen wie der Abschluss von Handyverträgen oder Gesundheitsversorgung könnten schon bald nur nach Registrierung möglich sein.

Indische Kritiker sehen die Pranger-Plattform für Bürokraten jedoch auch als einen schlecht getarnten Versuch, der Biometrie-Datenbank Aardhaar zu mehr Popularität zu verhelfen. Dabei ist unklar, wer die akkumulierten Daten genau kontrolliert. Die Registrierung ist zwar freiwillig und kostenlos, doch viele staatliche und private Leistungen werden auf lange Sicht hin ausschließlich für diejenigen verfügbar sein, die sich in der Datenbank registrieren und sich eine zwölfstellige Nummer zuweisen lassen—inklusive  Iris-Scan und Fingerabdruck abgeben in Retour.

Ey, Leute! Was ist denn da in der Stadtplanung los? Bild: Screenshot  BAS

Die Zeiterfassung in den Amtsstuben ist eine verständliche Maßnahme für Transparenz, gegen faule Beamte und ineffiziente, bürgerfeindliche Bürokratie. Schließlich sind Staatsdiener, auch wenn sie das gern vergessen, noch immer den Menschen Rechenschaft schuldig, die sie verwalten. Ähnliche Projekte wurden bereits mit großem Erfolg  in Kenia eingesetzt, um Karteileichen aus den Gehaltslisten der Ministerien zu eliminieren.

Doch die Fingerabdruck-Überwachung ist auch ein Schritt Richtung  Biometrie-Orwell, der vielleicht allzu leicht durch den kurzfristigen vordergründigen Nutzen gerechtfertigt werden soll. Informationen der persönlichen Grundversorgung werden in Aadhaar in einem zentralisierten Datensatz zusammen mit Iris-Scan, Foto und Fingerabdruck des Bürgers gespeichert. Nun wird dazu noch die tägliche Verspätung mitgeloggt—in Indien ist dagegen jedoch mit weniger vehementem Widerstand zu rechnen. 

Denn die  Babus, wie die indischen Regierungsbeamten genannt werden, genießen statt eines guten Rufs im Land reichlich  Privilegien gegenüber dem Normalbürger, wie zum Beispiel einen Dienstwagen und bevorzugte Wohnungsverteilung. Hater-Chabos wissen dank der neuen Plattform nun direkt, wer die Looser-Babus sind: Ohne Registrierung lässt sich ein verdächtiger Beamte direkt mit Klarnamen auf der Plattform suchen, um seine Effizienz-Bilanz anzuzeigen.

Die Disziplinarmaßnahme scheint bereits zu wirken: Mittlerweile liegt die durchschnittliche Uhrzeit des Einstempelns bei preußischen 9:32 Uhr. Gnadenlose öffentliche Überwachung durch  Big Data als Testballon für's ganze Land—so beunruhigend wie effektiv.