Internet

Warum ist das deutsche Internet im internationalen Vergleich so verdammt lahm?

Deutschland hat den Anschluss an die Weltspitze der Internetgeschwindigkeit längst verloren. Gründe dafür gibt es einige.

Ben Kratz

Eine wirklich schnelle Internetverbindung findet man in Deutschland nur selten.

Schon kurz nach seiner Ernennung zum Bundesverkehrsminister im Dezember 2013 hat CSU-Mann Dobrindt eines seiner liebsten Zukunftsthemen entdeckt: Der beschleunigte Ausbau des Internets in Deutschland. Seitdem hat es einige Ankündigungen und Initiativen gegeben, und doch hinkt das deutsche Internet im internationalen Geschwindigkeitsvergleich noch immer deutlich hinterher.

In dieser Woche könnte jedoch eine wichtige Regulierung fallen, die die Entwicklung bisher gebremst hat: Die Bundesnetzagentur hat am vergangenen Donnerstag ihren umstrittenen Regulierungsentwurf aus Brüssel zurückgezogen, der es der Telekom ermöglicht hätte, weitgehend konkurrenzlos über den Abbau einer bedeutsamen Bremse im deutschen Internet zu entscheiden. Noch immer ist es nämlich die sogenannte letzte Meile, also die Verbindung von der Verteilerstelle zum Endkunden, auf der jene Kabel liegen, die die ansonsten schnelle Datenübertragung ausbremsen. Der Gesetzesentwurf hätte laut Kritikern weitergehend verhindert, dass auf diesem Markt andere Anbieter der Telekom hätten Konkurrenz machen können—da aufgrund kartellrechtlicher Bedenken abzusehen war, dass dieser Entwurf in Brüssel auf große Gegenwehr stoßen würde, hat die Bonner Bundesnetzagentur gerade einen neuen Entwurf vorgelegt. Dieser räumt den Wettbewerbern der Telekom nun weitere Ausbaurechte im Nahbereich ein und befördert damit einen Ausbau der Vectoring-Technik in Deutschland, die die bereits bestehende Kupferkabelinfrastruktur der Telekom nutzt.

Das behördliche Hin und Her zeigt eindrücklich, wie schwierig es ist, den Ausbau des deutschen Internets voranzubringen. Denn: Ein großer Sprung, der den Abstand Deutschlands zur Weltspitze auf einen Schlag reduziert, ist auch nach einer Nachbesserung nicht zu erwarten. Um das Problem zu verstehen, lohnt es sich, sich die technischen Gründe für den gigantischen deutschen Geschwindigkeitsrückstand im Vergleich zum Internet-Großmeister Südkorea anzuschauen.

Mit durchschnittlich 26.7 Megabit pro Sekunde (Mbs) hat Südkorea die höchste durchschnittliche Internetgeschwindigkeit der Welt. Deutschland kommt im weltweiten Ranking mit 12.9 Mbps noch immer nur auf einen mickrigen Platz 22—trotz aller Breitbandinitiativen deutscher Politiker. Das passt so gar nicht in das beliebte Bild vom fortschrittlichen Exportweltmeister und Alleskönner. Ein Blick auf aktuelle Zahlen und gesellschaftliche Entwicklungen gibt Aufschluss.

Südkorea steht mit Abstand auf Platz 1 des weltweiten Rankings Quelle: state of the Internet Report, Akamai Technologies, Inc.

Laut dem neuesten State of the internet Reportliegt die weltweite Durchschnittsgeschwindigkeit des Internets bei 5.6 Mbps. Immerhin, hier ist Deutschland schon mal überdurchschnittlich und mehr als doppelt so schnell. Südkorea hingegen liegt so weit vorne, ist vier mal so schnell wie der weltweite Durchschnitt und liegt 7 Mbps vor dem Zweitplatzierten Schweden. Und nicht nur bei den Spitzenwerten kann Südkorea glänzen: Fast zwei Drittel der Internetanschlüsse in Südkorea erreichen eine Geschwindigkeit von mindestens 15 Mbps. In Deutschland betrifft dies nicht mal ein Viertel der Verbindungen.

Aber man soll nicht denken, dass Deutschland überhaupt nichts für den Breitbandausbau tut. Zwischen dem letzten Quartal 2014 und dem letzten Quartal 2015 konnte Deutschland seine durchschnittliche Internetgeschwindigkeit um 46% steigern (Südkorea um 20%). Dennoch gibt es 21 Länder, die schnelleres Internet haben als wir.

Deutschland ist im weltweiten Ranking auf Platz 22. Europaweit auf Platz 11. Quelle: state of the Internet Report, Akamai Technologies, Inc.

Aber woran genau liegt das und was könnte Deutschland tun, um endlich auch höhere Geschwindigkeiten zu erreichen?

Deutschland und Südkorea hatten zu Beginn der digitalen Revolution relativ ähnliche Voraussetzungen. Beide Staaten besaßen wenig Rohstoffe und haben sich vor allem durch den Fleiß vieler eifriger Arbeiter und die einzigartigen Geistesblitze ihrer Erfinder und Ingenieure in die Weltspitze der Wirtschaftsgrößen hochgearbeitet. Nur hat Südkorea SAMSUNG und LG, Deutschland die Telekom hervorgebracht. Warum diese Unternehmen einen großen Anteil an der aktuellen Situation haben, sehen wir später.

In erster Linie sollte es Aufgabe der Regierungen sein, den Breitbandausbau eines Landes voranzutreiben—denn schneller Internetzugang ist vor allem eine infrastrukturelle Angelegenheit. Diesem Auftrag nimmt sich die südkoreanische Regierung seit Jahren wesentlich länger und ernster an, als es die deutsche Bundesregierung tut. Mit finanziellen Fördermitteln und staatlichen Initiativen wurde Südkorea das Land mit den meisten DSL-Verbindungen pro Einwohner.

Hier wurde das Internet seit den 1990er Jahren als große Chance verstanden und gesellschaftlich akzeptiert. Heute ist es aus dem Alltag der Südkoreaner nicht mehr weg zu denken. Telekommunikationsanbieter und Regierung treiben den Breitbandausbau voran und bieten seit Jahren auch andere fortschrittliche Initiativen wie kostenlose W-Lan Zugänge an öffentlichen Orten—eine Initiative, die in Berlin erst diesen Monat etwas holprig gestartet ist.

Dies ist unter anderem auf die spezielle Beschaffenheit des Landes und der Wohnsituation seiner Bevölkerung zurückzuführen. Knapp drei Viertel des Landes sind Bergland, und im letzten Drittel findet sich unter anderem eines der größten Ballungszentren der Welt. Die Sudogwon Region vereint um die 10 Millionen Einwohner starke Hauptstadt Seoul herum insgesamt 25 Millionen Menschen—knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung Südkoreas.

An den Küsten des Landes finden sich noch weitere Millionenstädte, wodurch sich die Bevölkerung Südkoreas maßgeblich in Städten aufhält. Dementsprechend hoch ist die Bevölkerungsdichte Südkoreas: 513 Einwohner pro Quadratkilometer. Deutschland hat fast weniger als die Hälfte (229 Einwohner pro Quadratkilometer). Die entsprechende Wohnsituation der Südkoreaner in den Ballungszentren begünstigt einen schnellen Breitbandausbau, da dort wegen der starken wirtschaftlichen Lage vor allem viele Apartmentblocks neu gebaut und mit schnellen Internetzugängen ausgestattet werden. Auch wenn in Deutschland die Mehrzahl der Bürger in Städten lebt, finden sich in Deutschland keine derartigen Ballungszentren, deren Versorgung mit großzügigem Breitband auf einen Schlag Millionen Menschen mit schnellem Internet versorgen könnten.

In Deutschland kommen weniger geografische Faktoren zu tragen als die jeweilige Strukturstärke einer Region. Wie einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur zu entnehmen ist, sind es vor allem die strukturstarken Ballungszentren, in denen eine hohe Internetverbindung und LTE-Versorgung ermöglicht wird.

Breitbandverfügbarkeit in den Bundesländern Quelle: Aktuelle Breitbandverfügbarkeit in Deutschland (Stand Ende 2015), Erhebung des TÜV Rheinland im Auftrag des BMVI

Dass sich daran in Zukunft wahrscheinlich nicht viel ändern wird, bestätigt auch der Breitbandinvestitionsindex: Strukturschwache Regionen wie Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern haben in Sachen Breitbandausbau keine guten Voraussetzungen:

Der Breitbandinvestitionsindex zeigt, dass in strukturschwachen Regionen auch für den Breitbandausbau keine guten Voraussetzungen herrschen Quelle: MICUS Strategieberatung GmbH, BIIX 2014

Ein weiterer Grund, weshalb Deutschland so stark hinter Südkorea zurückhinkt, ist die zu geringe Verwendung von Glasfaserkabeln bis hin zum Endkunden. In Deutschland liegt der Anteil an Glasfaseranschlüssen in Häusern und Gebäuden bei gerade einmal 1%—in Südkorea sind es mehr als 72%. Stattdessen werden in Deutschland vorwiegend VDSL-Verbindungen eingesetzt. Hierbei werden auf der sogenannten letzten Meile—also in dem letzten Stück der Übertragungsstrecke zwischen Vermittlungsstelle und Kunden—die gebräuchlichen, aus Kupfer bestehenden Telefonleitungen verwendet.

Um so länger dieser letzte Übertragungsschritt durch Kupferkabel läuft, desto langsamer die Internetgeschwindigkeit beim Endverbraucher. Dass in Deutschland immer noch hauptsächlich auf die veraltete Kupferkabeltechnologie gesetzt wird, liegt teilweise daran, dass die Telekom ihre DSL-Infrasturktur so lange wie möglich ausreizen möchte, um große und in manchen Regionen unwirtschaftliche Investitionen in den Breitbandausbau zu vermeiden. Ein Ausbau der VDSL-Infrastruktur ist für die Telekom wesentlich günstiger, als komplett auf Glasfaser umzurüsten, da hierfür die bestehende Infrastruktur genutzt werden kann.

Solange deutsche Unternehmen versuchen, das Möglichste aus der veralteten Kupferinfrastruktur zu ziehen, wird Deutschland den Rückstand im Breitbandausbau also nicht aufholen können. Hier kann nur die Politik Druck machen, hat die Chance allerdings bereits vertan, in ihrer Digitalagenda 2014 - 2017 konkrete Handlungsweisungen auszusprechen.

Für mehr Konkurrenzkampf beim Ausbau der letzten Meile zu sorgen, wie es die Ankündigung aus Bonn nun verheißt, ist ein erster Schritt. Es bleibt jedoch abzuwarten, wann sich die Nutzung der Kupferkabel wirtschaftlich nicht mehr lohnt und auch in Deutschland nicht mehr auf VDSL sondern auf echt Glasfaserkabel auf der letzten Meile gesetzt wird. Bis dahin bleibt das schnelle Internet für viele deutsche Haushalte weiterhin Neuland.