Sollten wir wirklich Werwolfkatzen züchten?

Die Lykois-Zuchtkatzen sind mit ihren dünnen Fellbüscheln vielleicht bei Katzenliebhabern und Allergikern beliebt, aber die Mutationen sind auch ein extremes Beispiel für die unnatürlichen Eingriffe durch Haustierliebe in die Natur.

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Sep. 23 2014, 7:00am

Wirkt besonders gut bei Vollmond. Bild: Brittney Gobble | Mit freundlicher Genehmigung.

Entgegen eines möglichen ersten Eindrucks zeigt das Bild oben keine Katze, die mit einem Affen gekreuzt wurde: Die Züchtung der Lykois (vom griechischen Wort für Wolf) sieht tatsächlich aus wie ein Opossum-Roadkill. Ihr spärlich-gräuliches Fell, das in Büscheln absteht, hat ihnen nicht nur den Spitznamen Werwolfkätzchen eingebracht— sondern ihnen auch einige Beliebtheit bei Katzenfans mit einer Zuneigung zur etwas spezielleren Haustier-Knuffigkeit verschafft. Selbstverständlich ist auch das Internet entzückt.

Drei kleine Lykois. Bild:  Brittney Gobble | Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Brittney Gobble

Das Züchterehepaar Gobble aus Sweetwater, Tennessee kaufte zwei nichtverwandte Katzen, die den gleichen Gendefekt aufwiesen, kreuzte sie und brachte so im September 2011 die erste Katze von zwei Lykoi-Eltern zur Welt. Inzwischen erweitert sich der Bestand aufgrund der riesigen Nachfrage nach den Tieren stetig—allerdings bisher in nur langsamen Schritten, denn das Gen vererbt sich rezessiv und der Genpool an reinrassigen Katzen ist nur 19 Tiere klein.

„Süüüß! Wieviel kostet das Porto nach Kanada??

„Wenn wir sie mit schwarzen Katzen kreuzen, bekommen sie eine schwarze Unterwolle und sehen wirklich wie Werwölfe aus", erklärte Johnny Gobble, ein Tierarzt und einer von weltweit nur sieben Lykoi-Züchtern. Während die einzelnen Haare gewöhnlicher gemusterter Katzen mehrfarbig sind, liegt bei den Werwolfkatzen eine wolfsgraue Haardecke über dem schwarzen Flaum. 

Eine Lykoi-Katze, die mit einer schwarzen Katze gekreuzt wurde. Bild: Brittney Gobble

Gobble züchtet laut seiner Website „seit er 15 ist diverse Pflanzen und Tiere", seine Frau Brittney dagegen hat ein besonderes Faible für die Tierfotografie. Sie behängt die räudig aussehenden Kätzchen gern mit Klunkerketten und fotografiert sie in ihrer ganzen Pracht für ein stetig wachsendes Publikum auf Facebook, welches seine Tierliebe durch Kommentare wie „Süüüß! Wieviel kostet das Porto nach Kanada??" unter Beweis stellt.

Züchter stehen immer wieder in der Kritik, wenn sie optische Charakteristika extrem herausstellen und damit Gesundheitsprobleme für das Tier billigend in Kauf nehmen.

Im Mittelpunkt steht das Züchten für die Industrialisierung der Mutation.

Nasenlose Hunde, röchelnde Perser, Möpse, die nicht laufen können und Schweine, die viel mehr Ferkel werfen, als sie säugen können, sind da nur einige Beispiele. Wenn Bulldoggenschultern so breit gezüchtet werden, dass die Welpen per Kaiserschnitt geboren werden müssen und mikroskopisch kleine Chihuahuas einen Sturz von der Stuhlkante nicht überleben, ist klar, dass ein langes Leben der Tiere nicht primär im Vordergrund steht. Wie so oft, wenn Menschen mit Tieren experimentieren, sind Neugier oder Geld die treibende Kräfte.

Ian Chant schreibt im Magazin Nautilus:

„Statt ausgemerzt zu werden, wie es natürlicherweise der Fall wäre, werden diese Mutationen ausgezeichnet, erhalten und im großen Stil vervielfacht. Im Mittelpunkt steht das Züchten für die Industrialisierung der Mutation." 

Die Lykoi-Katzen der nächsten Generation tanzen dann möglicherweise zu "Thriller". Bild: Audra Mitchell, via Brittney Gobble

Bei den Lykois ist eine natürliche Genmutation gewöhnlicher Kurzhaar-Hauskatzen für das räudige Aussehen verantwortlich. Daher ist ihr Fell schütter und die fehlenden Haare um die Augenpartie lassen den Blick intensiver und die Augen größer wirken. Auch an den Pfoten fehlen die Haare oft komplett. Den Follikeln mangelt es an nötiger Kraft, um das Haar zu produzieren oder für längere Zeit verankern zu können. Deshalb kommen die Katzen ein paarmal im Jahr in die Mauser, lassen ihren Pelz an Sofakanten und sind dann für eine Weile halbnackt.

Ansonsten sind die Tiere völlig gesund, wie Hautärzte einer Uniklinik in Tennessee bestätigten. Gesundheitliche Komplikationen tauchen bei den Tieren oft erst ab einem Alter von sechs bis sieben Jahren auf, doch bisher gibt es noch keine Lykoi diesen Alters. Schon jetzt kämpfen die Werwolfkätzchen jedenfalls mit fettiger Haut, was Milben und Ohrinfektionen begünstigt. In freier Wildbahn würden die Tiere wahrscheinlich erfrieren und sind deswegen so selten.

Komposition mit Katze. Bild:  Audra Mitchell, via Brittney Gobble

Warum wir trotzdem unbedingt gezielt teure Katzen züchten sollten, die selbst im kerngesunden Zustand wie Chemopatienten aussehen, bleibt weiterhin fraglich–insbesondere, da jede modifizierte faserlose Zuckerschote von einer empörten öffentlichen Diskussion zum Thema „Gott spielen" begleitet wird. Tatsächlich geht es bei Haustierzüchtungen auch eher um finanzielle Interessen und eine gewisse Novität als um  gesundheitliche Aspekte der Tiere.

Johnny Gobble beschreibt die Lykoi-Persönlichkeit als „schlau, jagdhund-ähnlich, ziemlich anhänglich" und betont, dass die Katzen extrem geruchsempfindlich seien und ständig mit der Nase Dinge erkunden würden. Diese fühlt sich übrigens laut Züchterwebsite „wie ein Haushaltgummi an" (dank jahrelanger Erfahrung im Drücken von Katzennasen kann die Autorin diese Beobachtung auch für jede andere x-beliebige Katzenrasse bestätigen).

Katze und Klunker aus Sweetwater, Tennessee. Bild: Brittney Gobble

Die rezessive Vererbung des Lykoi-Gens bedeutet bei einer Kreuzung mit schwarzen Katzen (besonders beliebt bei Kunden, weil dann das Fell noch besser wirkt), dass in einem Wurf gerade mal eine Werwolfkatze auf fünf stinknormale schwarze Kätzchen kommt, die dann nur unerwünschtes Beipropukt sind.

Auch wenn die Lykois nicht ganz so bizarr aussehen wie die erbarmungswürdigen Nacktkatzen im Gollum-Look und sie es durch ihr zauseliges Teilzeit-Fell eventuell noch etwas kuscheliger haben, halten uns diese menschlichen Luxus-Genspielereien die Auswüchse der Industrialisierung in grotesker Weise vor Augen.