Zu aggressiv: Britischer Bauer muss seine seltenen Nazi-Zuchtrinder schlachten

Die ursprünglich im Zuge eines von den Nazis vereinnahmten Rückzuchtexperiment geborenen Pseudo-Auerochsen hatten sich auf der südwestenglischen Farm mit ihrer selbstzerstörerischen Aggressivität zu unbeliebten Problemkühen entwickelt.

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Jan. 7 2015, 8:53am

​Ein prächtiges Heckrind ohne jegliche politische Gesinnung. Bild: ​Wikimedia CommonsGrottesdeHan | CC BY-SA 3.0

Im Jahr 2009 importierte Derek Gow 13 stattliche Heckrinder aus Belgien auf seine Farm in der südwestenglischen Grafschaft Devon. Nun sind die Wiederkäuer der seltenen Rasse, die erst durch ein genetisches NS-Rückzuchtexperiment entstanden, zu einem echten Problem für den Bauern und seine Angestellten geworden. Aufgrund ihrer untragbaren Aggression musste Gow sieben seiner Rinder inzwischen töten.

„Wir können einfach nicht mit Tieren zusammenleben, die sich ständig wie Kampfbullen benehmen", erklärte der frustrierte Bauer ​gegenüber der BBC. So musste der Landwirt seine Herde nun bis auf zwei Bullen und vier Kühe schlachten lassen, gab aber immerhin zu Protokoll, aus dem Fleisch der hochaggressiven Heckrinder „leckere Wurst" kredenzen zu wollen.

Sie haben versucht, jeden zu töten.

Der Name der seltenen Rasse geht auf die Brüder Heinz und Lutz Heck zurück, die mit der Zucht von Heckrindern in den 1920er und Anfang der 1930er Jahre versuchten, einer ausgestorbene Rasse durch eine nachträgliche Abbildzüchtung als Kreuzung anderer Rinderarten wiederzubeleben.

Die zwei Zoologen wurden dabei schließlich auch von einer agrartechnisch und ethisch mäßig durchdachten ​Idee der Nazis und im speziellen Hermann Görings unterstützt: Der Luftwaffenchef erwärmte sich im Zuge seiner wahnwitzigen Hoffnung auf mehr reinrassiges, furchteinflössendes tierisches Genmaterial an dem Gedanken, dass die 400 Jahren zuvor ausgestorbenen, legendären Auerochsen wieder in germanischen Wäldern grasen. Angeblich soll er einige der wenigen verbliebenen Heckrinder schließlich sogar selbst geschossen haben, um zu verhindern, dass sie der vorrückenden Roten Armee in die Hände fallen.

Sehen eigentlich ganz friedlich aus, benehmen sich aber wie Kampfstiere: Heckrinder.

Sehen eigentlich ganz friedlich aus, benehmen sich aber wie Kampfstiere: Heckrinder. Bild: ​Wikimedia Commons​4028mdk09 | CC BY-SA 3.0 

Das gelang zwar nicht ganz, doch für Angst und Schrecken sorgten die Tiere zumindest auf der Weide in Devon nichtsdestotrotz: „Die Tiere, die wir loswerden mussten, wollten uns bei jeder Gelegenheit anfallen. Sie haben versucht, jeden zu töten. Ich hab schon mit allen möglichen Tieren gearbeitet, vom Bison bis zum Reh—aber sowas ist mir wirklich noch nie begegnet", erklärte Derek Gow.

Dabei ist Derek Gow unter seinen Nachbarn eigentlich als echter Tierfreund bekannt. In der Grafschaft kennt man ihn als jemanden, der seltene Tiere nicht nur schätzt, sondern auch engagiert schützen will. Sein Einsatz für die Große Wühlmaus rund um die lokalen Wasserläufe ist in Devon legendär und auch bei der Wiederansiedelung des europäischen Bibers spielte er vor Ort eine Schüsselrolle.

Das Heckrind fällt trotz aller Versuche nicht ganz so stattlich aus. Oben der Größenvergleich zwischen Auerochse und Mensch, unten der Vergleich mit dem Heckrind.

Das Heckrind fällt trotz aller Versuche nicht ganz so stattlich aus. Oben der Größenvergleich zwischen Auerochse und Mensch, unten der Vergleich mit dem Heckrind. Bild: ​Wikimedia Commons​DFoidl​CC BY-SA 3.0

Der auch einfach Ur genannte Auerochse, den die Nazis züchten wollten, war ein stattliches Rind mit einer Schulterhöhe von 1,80 m, das durch die deutschen Urwälder streifte. 

Aus domestizierten Nachkommen des Auerochsen züchteten die Brüder Heck, die damals die Tiergärten in München und Berlin leiteten, schließlich ein unwesentlich kleineres Tier—das Heckrind. Als Symbol für die Stärke der nationalsozialistischen Partei wurden die gezüchteten Tiere gern auf Propagandamaterial abgebildet, und sollten wohl auch das Umsatteln deutscher Zoos auf die vorwiegende Vorhaltung von einheimischen Tieren und Genmaterial unterstützen.

„Heckrinder waren der Versuch einer Abbildzüchtung, wofür verschiedene noch existierende alte Rassen wie spanische Kampfstiere, Friesen und Stimmentaler verwendet wurden", erzählte Derek Gow der BBC. Ihr aggressives Verhalten erhielten die Stiere wohl aus der Kreuzung dieser Rassen.

Den zweiten Weltkrieg überlebten nur 39 Heckrinder. Heute gibt es weltweit insgesamt rund 2000 Tiere, denn die Rinder mit dem robusten, muskulösen Körperbau und dem struppigen, kaffeebraunen Deckhaar haben auch Vorteile: „Jedes Tier kann pro Jahr sein eigenes Gewicht in Dung produzieren—eine großartige Ressource als Futterquelle für Insekten und außerdem ein guter Nährstoff für meinen Boden", sagt Gow.

Nachdem Gow seine Herde ausgedünnt hat, verhält sich die kleinere Population der Tiere tatsächlich bislang unauffällig, ruhig und liebenswert. Auch mit fremden Besuchern auf der Farm vertragen sich die Rinder bisher zumindest erstaunlich gut.

Auerochsen waren so eine Art Chuck Norris unter den Huftieren. Eine

Auerochsen waren so eine Art Chuck Norris unter den Huftieren. Eine Bande wilder eurasischer Wölfe im Anmarsch? Kein Ding. Bild von Heinrich Harder: ​Wikimedia Commons​Sturm | ​Gemeinfrei

Ausgestorbene Tiere mit modernen Methoden wie Klonen, Gentechnik oder Rückzüchtung wiederzubeleben mag erstmal zumindest akademisch interessant klingen, birgt aber auch Risiken für Mensch und Umwelt. Bei allen bislang unternommenen Versuchen erwies sich jedoch ausgerechnet die Rückzüchtung des Auerochsen bislang am vielversprechendsten.

Das gemeinschaftliche ​Tauros-Projekt, an dem sich Universitäten, die Organisation Rewildering Europe und diverse Stiftungen beteiligen, versucht, der DNA des Auerochsen durch die Züchtung eng verwandter Rassen wieder nahe zu kommen. Hoffentlich sind sie sich dabei auch der unschönen eines ihrer Vorläuferprojekte bewusst.

Bis 2020 soll im Süden der Niederlande eine Herde der Urviecher grasen, wenn sie sich bis dahin nicht alle gegenseitig umbringen. Zumindest Gow hat kein Problem mit seiner Entscheidung als einziger britischer Farmer, die Heckrinder zu halten, sondern betont noch einmal sein zoologisches Interesse an der exotischen Spezies. „Ich bereue nichts. Ihre Geschichte ist faszinierend und auf der Farm ist es inzwischen auch wieder friedlich."