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Pekinger Künstler presst 100 Tage lang eingesaugten Smog in einen Ziegel

Ein Mann und sein Staubsauger sammeln Feinstaubpartikel: Grau wie ein Wintertag in Beijing, und hart wie die Realität der alltäglichen Luftverschmutzung, mit der sich die Chinesen arrangieren müssen.

Theresa Locker

Theresa Locker

Alle Bilder: Weibo/Nut Brother. Mit freundlicher Genehmigung

„Das ist das vermutlich beste Smog-inspirierte Kunstwerk seit dem Hochzeitskleid aus Atemschutzmasken!", freut sich das Stadtmagazin The Shanghaiian—dieses zweifelhafte Kompliment zeugt von Galgenhumor aus erster Hand.

Seit Wochen ächzt China mal wieder unter einer grauen, fetten Smogwolke der Größe Spaniens—die unerträgliche Luftverschmutzung in den nördlichen Städten hat sich zu einem so ungeliebten wie pentrant zuverlässigen Winterritual gemausert. Während viele Bürger jedoch in ihren Häusern ausharren und sich nicht einmal trauen, die Fenster zu öffnen, begab sich ein Mann, der sich nur Nut Brother nennt, im Gift der Außenluft ganz ohne die allgegenwärtige Atemmaske auf Spezialmission.

Ein paar der 100 Tage mit Staubsauger in Peking.

Bewaffnet nur mit einem herkömmlichen Staubsauger, verbrachte der Künstler 100 Tage in der dicken Luft Pekings, um stoisch rund um die Stadt die schmutzige Atmosphäre einzusaugen. Die zwischen dem Vogelnest-Stadium, der „Big Pants" genannten CCTV-Zentrale und dem Tiananmenplatz gesammelten Feinstaub-Partikel presste er zum Abschluss seines Projekts in einen symbolischen Ziegel—grau wie ein Wintertag in Peking und hart wie die Realität der alltäglichen Luftverschmutzung, mit der sich die Chinesen arrangieren müssen.

Inspiriert habe ihn die 2013er „Airpolcalype", schreib er auf seinem Sina Weibo-Account (um die Microblog-Posts zu lesen, ist eine Anmeldung nötig), auf dem er auch sein Projekt dokumentierte—jeweils mit Wetter und Ort unter jedem Bild, das er Passanten bat, von ihm zu schießen.

Dabei wurde er laut eigener Aussage von diesen oft für einen Luftreiniger gehalten. Sein Projekt beendete der 34-jährige Performancekünstler aus Shenzen am 29. November—einen Tag vor der Messung am 30. November, bei der ein Wert von 2.5pm (feiner Partikularmasse) in Peking ermittelt wurde. Das ist ein Wert, der die von der WHO noch gerade als gesundheitlich sicher betrachtete Feinstaubbelastung um ein 35-faches überschreitet—Schüler werden gebeten, zu Hause zu bleiben, viele Büros bleiben geschlossen und, um das Smogproblem in den Griff zu bekommen, ordnete das Umweltministerium in Beijing 2100 industriellen Verpester-Firmen bereits an, die Arbeit niederzulegen. Staatspräsident Xi Yinping wird das alles vorerst verpassen—er kommt erst am Sonntag von der Klimakonferenz in Paris zurück, wo er versprach, „Taten" zur Eindämmung der Umweltverschmutzung im Land folgen zu lassen.

Alle 100 Tage in einem Bild. Bild: Weibo

Insgesamt sammelte der Künstler 100g Staub, den er zusammen mit etwas Ton in einer Fabrik zu einem Backstein pressen und brennen ließ. Um findigen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, die die erforderliche Dichte für einen Ziegel aus Staub auf das zehnfache der Feinstaubpartikel in der Luft berechneten, fügte er hinzu, er habe nur einen Symbol erstellen wollen, um Aufmerksamkeit auf das massive Smogproblem des Landes zu lenken, und „keine wissenschaftliche Forschung" betrieben.

Nut Brother mit dem gespressten Ziegel aus Smog (und Ton) in einer Fabrik am 29. November 2015

Nut Brother wünscht sich eine Zukunft für seinen Stein: Er würde sich wünschen, dass der Smog-Ziegel für etwas Nützliches gebraucht würde, wie zum Beispiel, dass er als Teil eines Gebäudes auf einer Baustelle lande und im Betongrau verschwände „wie ein Tropfen im Ozean", sagte er Quartz. Der nächste Schritt wäre dann wohl ein Haus aus Smog. Rohmaterialien gibt es dafür wohl noch reichlich.