Wie die Gaming-Community auf das Ende des größten 'World of Warcraft'-Bots reagiert

Über sechs Jahre lang versorgte die deutsche Firma Bossland ihre Kunden mit verbotenen Bots. Jetzt haben sie den berüchtigten Prozess gegen Blizzard endgültig verloren – doch das Drama um die Bots ist noch lange nicht vorbei.

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15 November 2017, 11:00am

Bild: Blizzard

Einige Bürger des idyllischen Städtchens Zwickau in Sachsen werden diese Woche wohl nur wenig Schlaf bekommen. Gemeint sind die Mitarbeiter der Firma Bossland, die Cheats für World of Warcraft und weitere Spiele des Entwicklergiganten Blizzard anbietet. Nach einem sechs Jahre andauernden, mittlerweile berüchtigten Rechtsstreit hat Bossland diesen nun anscheinend endgültig verloren. Es könnte das Ende eines langen, verbissenen Konflikts sein – doch die Zwickauer haben bereits angedeutet, dass sie noch lange nicht aufgeben wollen.

Blizzard vs. Bossland: Um was ging es bei dem Rechtsstreit überhaupt?

Seit 2011 stellte Bossland willigen Gamern Software zur Verfügung, um sich Vorteile in Blizzards wichtigsten Titeln zu verschaffen. Cheaten, also das Nutzen verbotener Hilfsmittel, um sich gegenüber anderen Spielern einen Vorteil zu verschaffen, ist zwar so alt wie Videospiele selbst, doch im Fall von Bossland handelt es sich wegen der hohen Anzahl der Nutzer und dem Grad der Organisation um eine ganz neue Dimension des Schummelns: Für einen Kaufpreis zwischen 20 und 60 Euro konnte sich jeder Spieler sogenannte Bots zulegen, die von Bossland-Mitarbeiterin programmiert wurden. Das bekannteste und am stärksten nachgefragte Cheating-Tool der Firma ist dabei der Farming-Bot "Honorbuddy" für World of Warcraft.

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Die Bots übernehmen je nach Spiel unterschiedliche simple aber zeitaufwendige Aufgaben wie den Abbau von Ressourcen oder Kämpfe gegen schwache Gegner – ohne dass der Spieler selbst vor dem Rechner sitzen muss. Die durch den Bot verdienten Erfahrungspunkte werden dann seinem Besitzer gutgeschrieben, sobald er wieder persönlich in die Spielwelt zurückkehrt.

Ein typisches Angebot des WoW-Bots "Honorbuddy", bevor der deutsche Anbieter die Werbung einstellen musste | Bild: Website Bossland | Screenshot: Dominik Schott | Motherboard

In der Rollenspielwelt von World of Warcraft nutzen in den letzten sechs Jahren tausende Spieler den Bossland-Bot “Honorbuddy”, um ihre Ingame-Charaktere auch dann stärker zu machen, wenn sie eigentlich gar keine Zeit zum Spielen hatten – die genaue Anzahl der Nutzer kann dabei nur geschätzt werden. Bossland behauptet in seiner Werbung, über 200.000 Kunden zu besitzen.

Vorübergehend schien die Verbreitung dieser Bots auf jeden Fall so hoch zu sein, dass in manchen Spielmodi die Schlachten von World of Warcraft im Jahr 2015 kaum noch menschliche Spieler anwesend waren – sehr zum Leidwesen vieler WoW-Spieler, die generell auf Bots verzichten.

Das Video zeigt den Moment, als ein Spieler erstaunt feststellt, dass er offenbar der einzige Teilnehmer der Partie ist, der keinen Bot verwendet. Alle anderen Charaktere bewegen sich wie an einer Schnur gezogen auf einem optimierten Weg, um möglichst viele Erfahrungspunkte zu sammeln. Soziale Interaktionen, ein Grundstein von Spielen wie World of Warcraft, sind hier gar nicht mehr möglich.

Blizzard verurteilte diese Praxis immer wieder und warf der deutschen Firma vor, ihren Kunden wettbewerbswidriges Verhalten in den Online-Spielen zu ermöglichen. Bossland argumentierte dagegen, ihre Bots seien ein Stützrad für die Spieler, die nicht so viel Zeit zum Spielen hätten, aber trotzdem mit ihren Freunden mithalten wollen.

Während der juristischen Auseinandersetzung verlor die deutsche Firma im Laufe der Jahre zwar viele Verhandlungen, legte allerdings immer wieder Widerspruch ein und trug den Prozess in die nächsthöheren Instanzen. Im Januar 2017 war damit allerdings Schluss: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe und das Oberlandesgericht Hamburg entschieden endgültig, dass der Vertrieb und Verkauf des WoW-Bots "Honorbuddy" rechtswidrig sei. Neun Monate später ist das Urteil nun rechtskräftig und Bossland muss die Konsequenzen des Urteils tragen: Die Firma kündigte das Ende seiner meistgenutzten Bots an. Darunter sind neben "Honorbuddy" für World of Warcraft auch "Buddywing" für The Old Republic, "Hearthbuddy" für Hearthstone und "Lazymon" für Pokémon GO.


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Die Zwickauer Botschmiede tritt dabei allerdings nicht ab, ohne noch einmal einen Seitenhieb gegen Blizzard auszuteilen. Denn das amerikanische Entwicklerteam habe, so der Vorwurf aus Zwickau, die Computer seiner Spieler gezielt ausgespäht. Anders hätte Blizzard niemals die ausgeklügelten Bots gefunden, die Bossland mit regelmäßigen Updates gegen die Anti-Cheat-Maßnahmen von World of Warcraft & Co. seit Jahren immun gemacht hatte.

"Wenn das wirklich der Fall ist, werden ich und meine Freunde Anzeige erstatten!"

In einem Statement schreiben die deutschen Programmierer im offiziellen Forum auf ihrer Homepage dazu: "Blizzard hat die Privatsphäre ihrer Spieler kompromittiert. Während WoW läuft, scannt das Spiel konstant den Computer des Nutzers und kann sogar zurückschicken, welche Programme der Nutzer am Laufen hat." Blizzard hat sich zu diesen Vorwürfen noch nicht geäußert, während Bossland bereits ankündigt, sich "neue Pläne" für die Zukunft zu überlegen. Bossland hat bisher nicht auf die Nachfrage von Motherboard Deutschland reagiert.

Die Community ist nach dem Urteil zwiegespalten

Man sollte nun meinen, dass dieser Gerichtsbeschluss eine gute Nachricht für die Spieler da draußen sei – doch die Gaming-Community reagiert ausgesprochen zwiegespalten: Im offiziellen Subreddit von World of Warcraft überwiegen nur auf den ersten Blick die positiven Stimmen, die mit dem Abschalten der Bots hoffen, dass wieder Fairness und Chancengleichheit in ihre Spielwelt zurückkehren.

Andere Spieler allerdings reagieren irritiert: Im selben Subreddit berichten sie davon, dass Blizzard infolge einer Bann-Welle gegen Bossland-Bot-User direkt alle Accounts dieser Spieler gelöscht habe – selbst, wenn die Zweit- und Drittaccounts nie in Kontakt mit den verbotenen Hilfsmitteln gekommen waren. Teilweise löscht der Spieleentwickler damit unwiderrufbar Charaktere, in die ihre Besitzer hunderte Stunden Spielzeit investiert haben. Das sei eine ungerechte Behandlung, wie Teile der Community erklären, die nach einer Wiedergutmachung rufe.

Einige verlangen unterdessen von Blizzard auch eine Stellungnahme, ob die Firma tatsächlich die Privatsphäre seiner Community-Mitglieder verletzt habe. "Wenn das wirklich der Fall ist, werden ich und meine Freunde Anzeige erstatten!", erklärt uns ein World-of-Warcraft-Spieler, mit dem wir uns über den Fall unterhalten. Ähnliche Äußerungen hörten wir während unserer Recherche immer wieder. Es scheint also, als breche für Blizzard trotz erfolgreichem Ende des legendären Rechtsstreits mit Bossland eine weitere schwere Zeit an.

Trotzdem könnte der Ausgang dieser jahrelangen Auseinandersetzung zwischen Blizzard und dem Bot-Anbieter zum Präzedenzfall werden, der weniger bekannte Branchenkollegen von Bossland aufhorchen lässt: Werden sie vor Gericht gezerrt, scheint das Recht nicht auf ihrer Seite zu stehen. Ob das Urteil aber wirklich dazu führt, dass die Anzahl an Bot-Nutzern in Online-Spielen zurückgehen wird, bezweifeln die World-of-Warcraft-Veteranen stark, mit denen wir uns unterhalten haben. Einer von ihnen fasst die in der Community vorherrschende Meinung mit den Worten zusammen: "Klar, Bots geheim zu nutzen mag vielleicht schwieriger werden und verboten sein. Aber solange es Games gibt, die auf irgendeiner Ingame-Währung wie Gold basieren, wird es auch Menschen geben, die Bots für sich arbeiten lassen." Unter diesem Aspekt scheint also das von Blizzard mühsam errungene Gerichtsurteil gegen Bossland und ihre Bann-Wellen gegen Bot-Nutzer nicht mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.