Diese Obdachlosen könnt ihr samt GPS-Sender "kaufen" und tracken

Ein neues Kunstprojekt greift zu unkonventionellen Mitteln, um neue Fragen rund um Privatisierung, Datenschutz und Deregulierung aufzuwerfen.

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Juli 10 2017, 9:08am

In den letzten zwei Jahren war Kristian von Hornsleth ziemlich beschäftigt: Der dänische Künstler hat mehrere Obdachlose gekauft und sie mit GPS-Sendern ausgestattet, nun vermarktet er sie übers Internet. Was nach modernem Menschenhandel klingt, ist ein Teil seines kontroversen Kunstprojekts Hornsleth Homeless Tracker, mit dem er unangenehme Fragen über unsere heutige Gesellschaft aufwerfen möchte.

Insgesamt zehn Londoner Obdachlose stehen im Mittelpunkt des Experiments. Jeder von ihnen wurde mit einem Peilsender ausgestattet, damit ihre "Käufer" sie Tag und Nacht tracken können. Eine entsprechende App wurde extra für das Projekt entwickelt. "Somit werden die Obdachlosen quasi zu einer lebensechten Version von Pokémon Go oder zu einem menschlichen Tamagotchi", erklärt Hornsleth.

Die individuelle Goldpalette für Homeless #02 Brian. Bild: Kristian von Hornsleth

Über die Website des Projekts können Interessenten ab 28.000 Euro aufwärts die exklusiven Tracking-Rechte an einem Obdachlosen erwerben. Obendrauf erhält der Käufer noch ein goldenes Porträt des obdachlosen Teilnehmers. Neben dem "Besitzer" soll auch die Öffentlichkeit die Möglichkeit bekommen, das Leben der Obdachlosen über Updates und Videos auf Twitter, Instagram, Facebook und sogar Tinder nachzuverfolgen.

Der Hauptteil der Kunstaktion wird sich auf Londons Straßen und auf Social-Media-Plattformen abspielen. Außerdem wird das Projekt durch eine physische Ausstellung des Hornsleth Studios im Londoner Stadtteil Chelsea begleitet.

Die individuelle Goldpalette für Homeless #05 Steve. Bild: Kristian von Hornsleth

Der Hornsleth Homeless Tracker ist nicht das erste kontroverse Projekt des dänischen Künstlers. Bereits 2006 sorgte er mit dem Hornsleth Village Project für Furore. Damals bezahlte der Künstler die Bewohner eines verarmten ugandischen Dorfes dafür, rechtskräftig den Namen Hornsleth anzunehmen. Im Gegenzug für diese Namensänderung erhielten die Menschen Nutztiere. Das Projekt hinterfragte die Mechanismen von Marketing, Werbung und westlicher Entwicklungshilfe. Entsprechend trug die Fotoausstellung, die das Projekt begleitete, auch den Namen "We Can Help You, But We Want To Own You".

Das neueste Experiment des Künstlers knüpft dabei an diesen gesellschaftskritischen Tenor an: "HHT unterstreicht die Absurdität, Ungleichheit, Oberflächlichkeit und Dekadenz der Gegenwartskultur", ist in der Pressemitteilung zu lesen. Der Homeless-Tracker wurde von verschiedenen aktuellen Themen inspiriert, darunter "die Kardashians, Pokémon Go, Branding und die NSA". Im Interview hat der Künstler uns einige Fragen zu seinem Projekt und der Motivation dahinter beantwortet.

Kristian von Hornsleth (links) mit einem Obdachlosen, der gerade für sein Porträt posiert.

Warum hast du Obdachlose als Objekt für dein neuestes Projekt ausgewählt?

Kristian von Hornsleth: Das Projekt ist ein Kommentar zu unserer heutigen Gesellschaft. Wir können zwar einen Menschen auf den Mond schicken, aber in Großbritannien kannst du die Menschen nicht mal von der Straße holen. Das ist absurd. Dabei scheinen in Großbritannien die Antworten auf alle Probleme Deregulierung und Privatisierung zu lauten. Das ist scheinbar das einzige Mittel, das sie kennen. Also mache ich das Gleiche. Es ist eine Tragikkomödie. Ich privatisiere Obdachlose. Das ist absurd, aber es spiegelt die heutige Welt wider.

Wie hast du die Menschen für dein Projekt gefunden und sie überzeugt, mitzumachen?

Das war einfach. Opfer von politischer Gewalt sind sehr leicht zu mobilisieren, wenn du ihnen eine Stimme gibst. Sie lieben die Ironie an dem Projekt und die Tatsache, dass es ihnen seit vielen Jahren zum ersten Mal eine Plattform gibt. Ich habe zehn Monate damit verbracht, Beziehungen zu den Menschen aufzubauen und ihr Leben kennenzulernen. Ich statte sie mit Technologie und Handys aus, ich richte ihnen Accounts auf Facebook, Instagram, Twitter und sogar Tinder ein. Damit zerre ich sie in eine ganz neue Welt, von der sie nicht mal wussten, dass sie existiert. Ich gebe ihnen eine gleichberechtigte Stimme. Über die nächsten Monate hinweg werde ich ihre Erlebnisse dokumentieren und sie mit der Öffentlichkeit auf den Projekt-Seiten teilen. Die Leute wissen gar nicht, wie clever und lustig diese Typen sind. Einige von ihnen sind wie Philosophen, die die Gesellschaft von außen betrachten. Ihr Alltag ist genauso seltsam humoristisch, wie es furchtbar ist.


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Wer, glaubst du, wird die Obdachlosen "kaufen"?

Wir haben bereits ein paar Käufer. Einige von ihnen sind Aktivisten, andere Geschäftsmänner, die das ironische Wechselspiel verstehen. Einer von ihnen geht so locker damit um, dass er seinen Typen scherzhaft als "Tramp-agotchi" bezeichnet [Tramp ist eine englische umgangssprachliche Bezeichnung für einen Obdachlosen]. Der Obdachlose hat auch nichts dagegen. Die Obdachlosen sind mit dem Projekt so sehr im Einklang, dass ich sie davon abhalten muss, ihm eine noch schwärzere Note zu geben. In einem unserer Treffen schlug einer der Männer vor, den Namen des Projekts in Tramp-Tracker zu ändern. Offenbar verstehen sie, dass das Experiment die verrückte, absurde Welt spiegelt, in der wir leben. Die cleveren Jungs hinterfragen das nicht, sie verstehen es einfach.

Welchen Kommentar gibt das Projekt über die zeitgenössische Kultur und Vermarktung ab?

Es gibt gar keine echte zeitgenössische Kultur, es gibt nur Vermarktung. Da draußen gibt es zwar viele Inhalte, aber keine Kultur. Wenn ich ein Kunstprojekt dann mit Inhalten aus echtem Fleisch und Blut fülle, mit echten Menschen, die leiden und eine eigene Geschichte erzählen, dann rennen die Leute weg und nennen es Ausbeutung. Bisher haben bereits fünf Kunstgalerien mein Projekt abgelehnt. Sie wissen, dass das Thema heiß ist und haben Angst, sich zu verbrennen. Sie sind selber Sklaven der Vermarktung; der Inhalt ist da zweitrangig.

Was sagst du zu den Ausbeutungsvorwürfen, die sich gegen dein Projekt richten?

Natürlich ist das Ausbeutung. So funktioniert die Welt nun mal. Ich beute sie aus und sie beuten mich genauso aus. Dafür gibt es noch einen anderen Begriff: Business.

Wie lange soll das Projekt laufen und wann startet es?

Wir haben die Obdachlosen über die letzten zehn Monate gefilmt und die Tracking-Technologie vorbereitet. Die Peilsender sind seit dem 28. Juni 2017 live. Über die nächsten drei Monate werden wir online weitere Videos und Updates veröffentlichen. Die "Besitzer" können ihren Obdachlosen ein Jahr lang folgen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch auf der Seite CREATORS.