"Staplerfahrer Klaus": Die Geschichte hinter dem blutigsten deutschen Meme

Der bekannteste Staplerfahrer Deutschlands sägte Kollegen entzwei und warf mit Messern um sich. Eigentlich wollten die Macher den kurzen Splatterfilm nicht im Internet haben – heute sind sie darüber froh.

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Nov. 26 2018, 5:05pm

Szene aus "Staplerfahrer Klaus" |  Screenshot: YouTube | KurzFilmAgentur Hamburg

Klaus ist das Spirit Animal für alle, die es mit der Sicherheit am Arbeitsplatz nicht ganz so genau nehmen. Klaus ist der Kollege, der sich für dich ein Bein ausreißen würde. Klaus ist freundlich. Klaus ist tollpatschig. Klaus ist tödlich. Klaus ist Staplerfahrer.

Staplerfahrer Klaus: So heißt der Kurzfilm aus dem Jahr 2001, der wie ein Lehrfilm über Arbeitssicherheit beginnt, sich im Verlauf aber in eine Splatter-Orgie verwandelt – spritzendes Blut, unkontrollierte Kettensägen und abgetrennte Gliedmaßen inklusive. Diese ungewohnte Mischung machte Staplerfahrer Klaus zum Kultfilm und bis heute beliebten Meme. Eine Berliner Craft-Bier-Brauerei widmet ihm ein Bier, auf Filmfestivals gibt es Remix-Wettbewerbe und bei echten Schulungen zur Arbeitssicherheit wird er gerne gezeigt, um die Stimmung aufzulockern. "Goethe, Schiller, Staplerfahrer Klaus. Die zeitlosen Klassiker deutscher Kultur", fasst es ein Nutzer auf Reddit zusammen.

"Der Staplerfahrer hat sich total verselbstständigt", sagt Stefan Prehn im Gespräch mit Motherboard. Der Hamburger Filmemacher hat gemeinsam mit seinem Kollegen Jörg Wagner das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Dass er auch knapp 18 Jahre später immer noch darauf angesprochen wird, hätte er nicht gedacht. Aber 2001 konnte Prehn wie wir alle natürlich nicht ahnen, welche Entwicklungen das Internet noch nehmen würde. Denn Staplerfahrer Klaus ist ursprünglich ein Offline-Meme, das heute vor allem online weiterlebt.

Ein blutiger Splatterfilm auf der Suche nach Geld

Zuerst aber gilt es, mit einem Vorurteil aufzuräumen: Nämlich, dass Staplerfahrer Klaus bloß eine Low-Budget-Produktion einiger verpeilter Filmstudenten sei. Die Bildqualität und Effekte mögen heute, in Zeiten von Digitalkameras, Computeranimation und UHD-Auflösung, antiquiert wirken, aber zu seiner Zeit habe der Kurzfilm richtig viel Geld gekostet, sagt Prehn.

"Jörg und ich haben uns Mitte der 90er kennengelernt und wir haben schnell gemerkt, dass wir eine ähnliche Art von Humor haben." Der heute 55-jährige Prehn hatte zum damaligen Zeitpunkt bereits einige Jahre in unterschiedlichen Berufen in der Filmindustrie gearbeitet. In der Kunstszene verwurzelt erschuf er Filme aus Found-Footage-Material und erstellte unter anderem ein Mash-up der Krimiserie Der Kommissar. Als Kameramann war er an verschiedenen Kino- und Fernsehproduktionen beteiligt.

Gemeinsam mit Wagner beschloss Prehn, einen eigenen Kurzfilm zu drehen. Es folgte eine Zeit, in der die beiden sich durch verschiedenste Genres wühlten, um letztlich bei den "berufsgenossenschaftlichen Betriebslehrfilmen" zu landen. Ihr Fazit: "Sehr lustig, wenn auch unfreiwillig". Die beiden Filmemacher entschieden sich für eine Persiflage dieses Genres. Der Protagonist sollte Staplerfahrer ein. Weshalb Staplerfahrer? "Da hat man Geschwindigkeit, Perspektiven, viel Raum drum herum", sagt Prehn.

Idee und Drehbuch standen, die Finanzierung nicht. Drei weitere Jahre benötigten Prehn und Wagner, um das Geld aufzutreiben. Die Filmförderung lehnte ihren Antrag erst ab und zahlte später, nach Überarbeitung des Drehbuchs, die Hälfte. Die andere Hälfte mussten die Macher aus anderen Quellen zusammenklauben. "Die kulturelle Filmförderung hatte damals eine etwas andere Ausrichtung", erzählt Prehn. Ein blutiger Splatterfilm zweier in diesem Bereich unerfahrener Filmemacher sei jedenfalls nicht das gewesen, was die Fördergelder damals zum Fließen brachte.

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Die Regisseure Stefan Prehn (rechts) und Jörg Wagner | Bild: Melanie Zwiehoff

Es sah aus wie nach einem Massaker

Das Blut allerdings schon, und davon gibt es in Staplerfahrer Klaus reichlich. "Wir mussten uns für die Dreharbeiten erst einmal Zugang zu einem Hochregallager außerhalb Hamburgs verschaffen", erinnert sich Prehn. "Deshalb mussten wir auch entsprechend seriös auftreten. Also haben wir den Eigentümern zuerst gesagt, dass wir einen Sicherheitslehrfilm drehen wollen. Nach und nach haben wir dann Infos nachgeliefert: Also, naja, eigentlich machen wir ja eine Persiflage. Okay, eigentlich ist es eine sehr blutige Persiflage."

Da die Dreharbeiten vor allem nachts und nach Betriebsschluss stattfanden, sei jede Einstellung minutiös geplant gewesen, sagt Prehn. Zwischenfälle gab es trotzdem: "Eines Tages drehten wir die Enthauptungs-Szene, in der Klaus das Blut aus dem Hals spritzt und der Stapler führerlos durchs Lager rast. Wir haben dazu Kunstblut in einem Eimer benutzt, das mit einer Teichpumpe und Schläuchen im Rumpf verbunden war. Einer der Schläuche lockerte sich während der Fahrt und verteilte wie eine Schlange tanzend das ganze Blut auf die sauberen Kartons, auf den Boden und auf die Arbeitskleidung der Firma. Die ganze Crew musste dann die Halle putzen, denn es sah aus wie nach einem Massaker, und das sollte der Eigentümer natürlich nicht mitbekommen."

"Staplerfahrer Klaus" lief bei den Filmfestspielen in Cannes

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Szene aus "Staplerfahrer Klaus" | Screenshot: YouTube | KurzFilmAgentur Hamburg

Trotz oder gerade wegen seiner Blutigkeit wurde Staplerfahrer Klaus zum Erfolg. Der Kurzfilm lief allein in seinem Erscheinungsjahr auf knapp 50 Filmfestivals weltweit, wurde in verschiedenen Sprachen synchronisiert, gewann ein Dutzend Preise und lief sogar im Wettbewerb bei den Filmfestspielen in Cannes. Doch auch außerhalb der Filmszene verbreitete sich "der Staplerfahrer" schnell – und das war der Technik zu verdanken.

Regisseur Stefan Prehn erinnert sich noch daran, wie ihm die Kontrolle über den Staplerfahrer nach und nach entglitt: "Zuerst hatten wir VHS-Kassetten produziert, später sind wir dann auf DVDs umgestiegen. Die lagen stapelweise bei Media Markt zu Weihnachten rum." Doch als es den Film auf DVD gab, konnten ihn begeisterte Fans noch einfacher kopieren.

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In Zeiten, in denen viele Menschen in Deutschland noch an der ISDN-Leitung hingen und Videostreaming noch in seiner Frühphase steckte, fand der Austausch von Musik und Filmen noch vorwiegend analog statt: Filme wurden auf 699 Megabyte, die Speichergröße einer CD, geschrumpft und anschließend auf dem Schulhof getauscht. Pixelige Filmchen, die man heute per WhatsApp versenden würde, wurden erst auf LAN-Partys unter Freunden und später auf frühen Filesharing-Diensten wie Limewire und Kazaa mit Menschen weltweit geteilt. So fanden Dateien wie 'staplerfahrerklaus.avi' ihren Weg auf die Computer vieler Menschen.

Die Macher wollten "Staplerfahrer Klaus" erst gar nicht im Internet sehen

"Solange das Tauschen eine Materialität hat, ist das ja noch okay", erzählt Prehn heute. Dass der Staplerfahrer auf gebrannten CDs auf Schulhöfen herumgereicht wurde, sei nicht problematisch gewesen. Nicht so toll aber fand er es, als der Kurzfilm nach 2006 das erste Mal auf YouTube erschien – und zwar ohne Erlaubnis. "An jeder DVD verdienten wir damals vielleicht 50 Cent pro Nase, nicht viel, aber immerhin. Im Internet gab es erst einmal gar nichts. Im Gegenteil, Dritte machten Geld damit."

Die Macher setzten zunächst ihren Verleih darauf an. Doch auch der musste merken, wie schwer es ist, gegen unrechtmäßige Uploads auf YouTube und anderen Plattformen vorzugehen. Kaum war es an einer Stelle gelöscht, tauchte es anderer Stelle wieder auf. Erst später konnten die Macher zumindest ein bisschen Geld damit verdienen: als YouTube ein neues System einführte, durch das Rechteinhaber auch dann am Gewinn beteiligt werden, wenn andere Nutzer ihr Video unrechtmäßig hochladen. Seit einigen Jahren gibt es – neben unzähligen Uploads – auch eine offizielle Version der KurzFilmAgentur Hamburg auf YouTube.

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Immer für einen Zwischenfall gut: Klaus. | Bild: Imgur

Stefan Prehn findet diese Entwicklung einerseits kritisch. Nur etwas schnell hochzuladen und damit die Lorbeeren zu ernten sei fragwürdig und setze ein schlechtes Zeichen für andere Filmemacher. Andererseits weiß er, dass die Verbreitung im Internet Staplerfahrer Klaus Jahre nach der Veröffentlichung einen Schub gab: "In jedem Fall hat der Film durch das Internet noch einmal eine ganz andere Dynamik erhalten."

Was das heißt, sieht man schnell: Auf YouTube kommen die verschiedenen Uploads auf mehrere Millionen Abrufe. Noch immer wird er regelmäßig wieder auf Reddit gepostet, auf der Website 9gag sind Bilder von Staplerunfällen mit "Staplerfahrer Klaus" getaggt. Die beliebtesten Szenen gibt es als Gif und als Schablone für Memes mit fetter Schrift. Immer noch kommentieren Zuschauer das Video auf YouTube: "Haben wir heute in der Schule geguckt", "Immer wenn ich einen Gabelstapler sehe, denke ich daran", "Legende!". Die Figur des tollpatschigen Klaus mag im Film gestorben sein, im kulturellen Gedächtnis lebt sie weiter.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Was macht Klaus, beziehungsweise dessen Darsteller Konstantin Graudus eigentlich heute? Auf eine Anfrage von Motherboard hat der heute 53-Jährige nicht geantwortet, aber vor einigen Jahren gab er der Bild ein kurzes Interview. Die Rolle des Klaus sei in seinem Leben immer noch allgegenwärtig und selbst jüngere Kollegen sprechen ihn immer noch auf die Rolle an, sagte er damals. Inzwischen arbeitet Graudus vor allem als Theaterschauspieler und Synchronsprecher. Jüngere Menschen dürften ihn als die deutsche Stimme von Bob aus Bob's Burgers kennen.

Und konnte er überhaupt Stapler fahren? "Er hatte zwar, glaube ich, keinen Führerschein, aber er hatte es gelernt. Das war aber keine Voraussetzung für die Rolle. Wir hatten ein Casting gemacht mit etwa 20 Leuten. Konstantin kannte ich von einem Dreh vorher und er war am überzeugendsten. Er hat die Rolle einfach mit Leben gefüllt", sagt Prehn. Wobei ihn dieses Leben bekanntlich sehr schnell wieder verlassen hat.

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