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Wie eines der größten deutschen Online-Video-Netzwerke kurzzeitig einen Salafistenkanal promotete

Auf Best Trend Videos werden normalerweise Klicks und Geld mit banalen Unterhaltungsvideos gemacht. Nun rutschte vorübergehend ein Video von Dschihadisten dazwischen.

Richard Diesing

Ein LIES!-Stand in Berlin 2012 | Bild: Imago | IPON

"Ich bin wütend, weil sie fanatisch sind", schimpft eine ältere Frau in der Berliner Fußgängerzone. Ihr Ärger richtet sich gegen Vertreterinnen der salafistischen "Lies"-Kampagne, die dort kostenlos Exemplare des Korans verteilen. Eine wirkliche Debatte findet hier nicht statt, stattdessen redet sich die Frau in unzusammenhängenden Sätzen immer mehr in Rage, während eine Vertreterin am "Lies"-Stand ihr nur noch auf Arabisch antwortet. Die "Lies"-Vertreterinnen machen sich über die Frau lustig, äffen sie nach – sie revanchiert sich auf die gleich Weise und verlässt schließlich den Stand.

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Nicht bekannt ist, wer das Video von der skurrilen Szenerie, in dem anschließend noch eine Mitarbeiterin der "Lies"-Kampagne zu Wort kommt, aufgenommen hat. Wie die im Hintergrund zu sehende Lebensmittelwerbung nahelegt, wurde es bereits 2013 gedreht.

Am 24. November 2017 tauchte der Clip nun zwischen banalen Unterhaltungsvideos auf der Facebook- und Instagram-Seite des Kanals "Best Trend Videos" auf, wie Yahoo News zuerst berichtete. Das mittlerweile gelöschte Video habe dabei auf beiden Plattformen schnell jeweils über 500.000 Views erreicht, wie Yahoo berichtet.

Was ist an dem Post von Best Trend Videos problematisch?

Während das im Video zu sehende Treiben in der Fußgängerzone eher banal erscheint, ist die Verbreitung des Clips durch eine so reichweitenstarke Seite wie "Best Trend Videos" mit über 900.000 Facebook-Fans und 600.000 Instagram-Followern aus zwei Gründen problematisch.

Erstens: Hinter der "Lies"-Kampagne steckt der bekannte deutsche Salafist Ibrahim Abou-Nagie, der auch im Video zu sehen ist. Der von Abou-Nagie gegründete Verein Abou-Nagie "Die wahre Religion" soll ab 2011 in deutschen Innenstädten Kämpfer für den IS angeworben haben, unter dem Deckmantel des kostenlosen Verteilens von Koranen. 2016 wurde die Organisation von Innenminister De Maizière verboten, da sie gegen die verfassungsmäßige Ordnung in Deutschland agieren würde. Mindestens 140 Menschen haben sich nach Teilnahme an Lies!-Aktionen in Deutschland dem IS in Syrien und Irak angeschlossen.

Zweitens: Im Facebook-Post von Best Trend Videos, der Yahoo News vorliegt, war die Quelle des Videos samt Link angegeben. Er führt auf den YouTube-Kanal "Die einzige Wahrheit". Auf diesem Kanal finden sich neben dem besagten Video ausschließlich Propaganda-Clips von bekannten deutschen Salafisten wie Pierre Vogel oder Abu Dujana. Verlinkt ist der Kanal dabei nicht als reine Quellenangabe für das Video, sondern wird laut Screenshot ausdrücklich beworben: "Noch mehr Videos findet ihr auf dem YouTube Channel".

Wie konnte der Clip auf Best Trend Videos gelangen?

Hinter dem Facebook- und Instagram-Kanal Best Trend Videos steckt das Netzwerk Mediakraft, das sich vor allem als größtes deutsches YouTuber-Netzwerk einen Namen gemacht hat. Eine Vielzahl an großen deutschen YouTube-Kanälen stehen oder standen bei dem Netzwerk unter Vertrag. Mediakraft hat sich in den letzten Jahren zu einem Vermarkter von Social-Media-Inhalten gewandelt. So wie andere Unterhaltungsseiten teilt auch Best Trend Videos über Facebook und Instagram Videos, die möglichst viele Leute anklicken. Im Netz gefundene Clips werden dabei durch die Betreiber der Seite durch Texttafeln ergänzt und neu hochgeladen. Solche Kanäle verdienen auf Facebook Geld, indem sie entweder hin und wieder gesponsorte Posts, oder aber sogenannte Mid Rolls verkaufen: Kurze Werbeclips, die in das laufende Video eingebunden werden.

Aber wie konnte das inzwischen gelöschte Video auf den Social-Media-Kanälen von Best Trend Videos landen? Mediakraft erklärte auf Anfrage von Motherboard Deutschland: Die Videos, die auf Best Trend Videos geteilt werden, würden anhand von Vorschlägen aus der Community ausgewählt. Diese werden über ein speziell eingerichtetes Webformular auf BestTrendVideos.com eingereicht. Mit dem Einsenden der Video-Vorschläge versicherten die Nutzer, dass sie auch die Rechte an den eingereichten Inhalten besitzen.



Genauso sei es auch bei dem Salafistenvideo gelaufen: Ein Nutzer habe das Video eingereicht, der Betreiber von Best Trend Videos veröffentlichte es. Warum dem Betreiber nicht aufgefallen war, um welche Art von Content und was für einen YouTube-Kanal es hier ging, erklärt Mediakraft dagegen nicht. "Der Betreiber der Facebook-Seite hat sich ausdrücklich von den verlinkten Inhalten distanziert und bedauert die Verlinkung", heißt es lediglich.

Die Seite habe schließlich das Video "aufgrund einer Presseanfrage" gelöscht. Ein Justiziar habe das Video geprüft und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass ein "Anfangsverdacht auf eine Rechtsverletzung des Urhebers des Videos" vorgelegen habe. Konkret, so Mediakraft, könne man nicht ausschließen, dass möglicherweise die Persönlichkeitsrechte der gefilmten Frau verletzt worden seien. Eine Werbung für die "Islam-Missionare" habe man nicht bezwecken wollen.

Wie viele Nutzer tatsächlich über den Link auf Best Trend Videos den salafistischen YouTube-Kanal entdeckt haben, ist unklar. Warum Betreiber von Social-Media-Kanälen wie Best Trend Videos aber einer besonderen Sorgfaltspflicht nachkommen müssen, die in diesem Fall grob verletzt wurde, dürfte Mediakraft nun deutlich klar geworden sein.