Bild: ESO/L. Calçada | CC 4.0

Hier küssen sich zwei Sterne, bevor sie für immer vergehen

Physiker haben eine stellare Version von Romeo und Julia im Tarantelnebel beobachtet.

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22 Oktober 2015, 10:00am

Bild: ESO/L. Calçada | CC 4.0

Ein Team internationaler Astronomen der Europäischen Südsternwarte (ESO) hat im Tarantelnebel den heißesten und dichtesten Doppelstern entdeckt, der bisher dokumentiert wurde. Der 160.000 Lichtjahre von der Erde entfernte Tarantelnebel ist bekannt dafür, eines der lebendigsten Entstehungsgebiete von Sternen zu sein. Dort spürten die Wissenschaftler mit dem Very Large Telescope auf dem chilenischen Berg Cerro Paranal dieses stellare Liebespaar auf, dessen zärtliche Annäherung nur das Vorspiel für ihr spektakuläres Ende darstellt.

In dem binären Sternsystem mit dem Namen VFTS 352 umkreisen sich zwei Sonnen in der winzigen Entfernung von zwölf Millionen Kilometern. Diese ist so gering, dass sie aufeinander übergreifen und sich sogar eine Brücke zwischen den Himmelskörpern ausgebildet hat. Eine Umkreisung der beiden umfasst ungefähr einen Erdentag. Der wechselwirkende Doppelstern bringt eine Masse auf, die 57 Mal dichter ist als die unserer Sonne und erreicht Temperaturen von mehr als 40.000 Grad Celsius.

Was passiert, wenn zwei Schwarze Löcher aufeinander treffen?

Im Gegensatz zu dem Phänomen von Vampirsternen, bei denen ein kleinerer Stern einem größeren Materie abzieht, sind die romantischen Komponenten von VFTS 352 nahezu gleich groß. In vollständiger Gleichberechtigung teilen sich die beiden um die 30 Prozent ihrer Masse.

Sterne in diesem Stadium zu beobachten, gelingt nur relativ selten, da sie nur eine kurze Zeitspanne in dieser intensiven Umarmung ausharren, bevor sie sich für immer verabschieden. Auch in der Natur des Weltraums ist eine perfekte Partnerschaft also nur auf kurze Zeit angelegt (was vielleicht einige traurige Menschenseelen beruhigen könnte). Keine Frage, dass das Ende nah ist, wie es jedoch aussehen wird, bleibt umso rätselhafter.

Zwei spektakuläre Möglichkeiten sind denkbar. Im ersten Szenario würden die Sterne zu einem gigantischen, sich schnell drehenden und möglicherweise magnetischen Einzelstern verschmelzen. „Wenn dieser dann weiterhin in extremem Tempo rotiert, wird er sein Leben mit einer der energiereichsten Explosionen des Weltraums, einem langen Gammablitz, beenden", erklärt Hugues Sana von der belgischen Leuven Universität, der das todgeweihte Pärchen während einer Untersuchung von über 900 Sternen der Magellanschen Wolke gefunden hat, in einem Statement der ESO.

Dieser Weiße Zwerg könnte jeden Moment zu einer Supernova explodieren

In einer anderen, eher dunkel-romantischen Variante, verweilen beide Sterne in kompakter Weise getrennt voneinander, ohne sich zu vereinigen. Stattdessen würden sie in zwei separaten Supernova-Explosionen vergehen und zwei nahe gelegene Schwarze Löcher erschaffen. Solch ein Ereignis würde nicht nur einen „völlig neuen evolutionären Pfad jenseits der klassischen stellaren Evolutionsvorhersagen beschreiben" so die theoretische Astrophysikerin Selma de Mink in dem selben Statement, sondern gleichzeitig noch die lang ersehnten Gravitationswellen auslösen.

Diese von Einstein vorhergesagten Kräuselungen der Raumzeit konnten bisher nicht nachgewiesen werden. Dabei würde im Tarantelnebel nicht nur möglicherweise ein engmaschiges Netz Schwarzer Löcher entstehen, es wäre auch ein lang erwarteter Durchbruch in der Astrophysik. Und das alles im Angesicht stellarer Romanzen.