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    Berliner Student gründet Online-Uni für Flüchtlinge ohne Papiere

    Autor

    Theresa Locker

    Redakteurin Motherboard Deutschland

    Bild: Frank Seibert


    Update: Seit unserem ersten Interview mit Markus Kressler ist an der Wings University viel passiert. Wir haben darüber mit Markus Kressler gesprochen und werden zum Start seiner Crowdfunding-Kampagne am 07.09. einen weiteren Artikel veröffentlichen.


    Bildung gilt als einer der Schlüssel zur Integration—eine eigentlich naheliegende Erkenntnis, die sich aber nur erschreckend langsam unter deutschen Politikern durchsetzt. Denn an der Umsetzung einer humaneren Flüchtlingspolitik hapert es nicht nur bei der Seenotrettung auf den Überfahrtrouten nach Europa, sondern auch beim Aufbau eines Bildungssystems, dass die Refugees in Deutschland mit offenen Armen aufnimmt. Denn die aktuellen Gesetze sind so gestrickt, dass Flüchtlinge von der Bildung eher ferngehalten werden sollen. Vor dem Weg in einen deutschen Hörsaal steht ein oft langwieriger bürokratischer Spießroutenlauf—der nicht selten ohnehin in der Abschiebung endet, bevor die Option einer Weiterbildung überhaupt in greifbare Nähe rückt.

    Ein Student aus Berlin nimmt das Problem nun selbst in die Hand und entwickelt dafür mit einem kleinen Team eine elegante Lösung, wie er dem BR berichtet: An der Online-Uni Wings University sollen Flüchtlinge und Papierlose ihr Studium fortsetzen und einen international anerkannten Abschluss machen können; Zeugnisse spielen erstmal keine Rolle—nur die Qualifikation zählt. Dabei versteht sich das Projekt aber auch als alternative Bildungsinstitution, die dezidiert nicht nur Flüchtlingen sondern jedem offensteht.

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    Was ein bisschen zu gut klingt, um wahr zu sein, ist tatsächlich ein handfestes Projekt, das schon viel weiter gediehen ist, als die Website vermuten lässt. Ich habe mit dem Gründer Markus Kressler gesprochen, um herauszufinden, wie man gleichzeitig Student sein und parallel eine Uni gründen kann.

    Hi Markus. Du studierst gerade an zwei Unis gleichzeitig und gründest dabei noch eine eigene?

    Das klingt krasser als es ist. Ich habe gerade ein Urlaubssemester in meinem fancy Startup-Studiengang an der UdK genommen, um die letzten zwei Semester meines Masters in Psychologie an der FU fertigzumachen. Und nebenbei arbeite ich zusammen mit dem Team an der Wings University.

    Wie kamst du auf die Idee einer Online-Uni für Flüchtlinge?

    Wenn es irgendwas gibt, bei dem sich alle einig sind, dann ist es der Handlungsbedarf in der Flüchtlingsproblematik, oder? Da kann man sich parteienübergreifend drauf verständigen, dass da etwas getan werden muss. Wenn Menschen nicht arbeiten können und nichts haben, worauf sie ihre Energie konzentrieren können, hat das schlimme Konsequenzen—das ifo-Institut hat mal ausgerechnet, wie hoch die Belastung für Wirtschaft und Gesundheitssystem ist: 20 000 Euro pro Jahr. Und währenddessen sitzen die Leute nur rum und sind frustriert.

    Wer eine Schule öffnet, schließt ein Gefängnis.

    Wir wollen die Hürden verschwinden lassen, die man für den Zugang zum Bildungssystem braucht und eine echte Uni werden: Ohne Gebühren, ohne NC. Jeder, der möchte, soll einen international anerkannten Abschluss machen können, es entscheidet allein die Qualifizierung und nicht, welche Dokumente du gerade bei dir hast. Das gibt den Menschen die Gewissheit: „Ich arbeite wieder etwas und kann mein Studium fortsetzen“. Es gibt doch diesen Spruch: Wer eine Schule öffnet, schließt ein Gefängnis. Ich glaube, das stimmt.

    Wie hoch ist der Bedarf?


    Riesig! Und die meisten wollen einen Abschluss machen, um danach in ihrem Land etwas aufbauen zu können, viele haben ja auch schon in ihrer Heimat studiert.
    Wir haben selbst zwei Flüchtlinge in unserem Team. Einer von ihnen ist zur Zeit in Istanbul und hat dort von unserem Projekt erzählt, und sofort hatten wir nach ganz kurzer Zeit schon 3000 Anmeldungen bekommen. Gerade in der Türkei ist der Austausch zwischen den Flüchtlingen sehr eng, was natürlich auch daran liegt, dass die Gruppe wegen der Nähe zu Syrien sehr homogen ist.

    Was kann ich an der Wings University studieren?

    Bislang könnten wir drei Studiengänge anbieten: Einen allgemeineren Master in Wirtschaftswissenschaften, Informatik und Ingenieurwissenschaften.

    Wieso diese Fächer?

    Da müssen wir uns auf unsere Umfragen verlassen. Diese Fächer wollten die meisten Befragten studieren, die sind handfest. Medizin und Architektur standen auch ziemlich hoch im Kurs, aber das können wir nicht anbieten, weil dabei Präsenzphasen gefordert sind. Genauso ist es mit Kunst: Da musst du ins Atelier und dort interdisziplinär in Teams arbeiten, von unterwegs oder zu Hause aus geht das einfach nicht. Aber in Berlin haben wir für Medizin vielleicht schon ne Lösung gefunden: Die Heliosklinik hat nämlich keine eigenen Studenten in der Ausbildung, weil die Charité momentan alle übernimmt. Für sie wäre es schön, wieder eigenen Nachwuchs auszubilden, der dann dort ins Klinikum kommen könnten.



    Aus einer Umfrage unter Flüchtlingen, die das Team der Wings University versichickt hat. Bild: Facebook / Wings University



    Wieviel kostet es, eine Online-Uni zu gründen?

    Bisher kostet es nix, alle Beteiligten inlusive einem Team aus acht renommierten Professoren—zum Teil sind das Prodekane und Harvard-Mitarbeiter—arbeiten komplett ehrenamtlich. Wenn wir den Betrieb aufnehmen würden, rechnen wir mit einem Betrag von 650 Euro pro Student und Jahr.

    Das ist nicht viel. Wie kriegt ihr das hin?

    Wir haben Partnerschaften mit universitären e-Learning-Anbietern abgeschlossen und versuchen, so viel wie möglich automatisiert ablaufen zu lassen. Es gibt da zum Beispiel einen Algorithmus, mit dem man ein PDF mit Texten einschicken kann, und der daraus einen Prüfungsbogen erstellt, auf dem wirklich Verständnisfragen gestellt werden.
    Für manche Fächer kann man sich die Tests komplett einkaufen. Die Hausarbeiten oder Klausuren werden dann an drei Wissenschaftler geschickt, die sich auf die Thematik spezialisiert haben und sie unabhängig voneinander korrigieren können.

    Wir versuchen, Studium komplett neu zu denken. Im späteren Studienverlauf setzen wir auf Hausarbeiten, bei denen sich die Studenten gegenseitig bewerten können, dadurch wollen wir natürlich auch das Gruppengefühl stärken. Es gibt dann für die Wings University ne App, damit kannst du dir Inhalte runterladen und offline lernen. Wenn du wieder Zugang hast, kannst du immer mal wieder was Schnelles zwischendurch machen, zum Beispiel deinen geschriebenen Code eingeben und checken, ob er funktioniert.

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    Aber hat denn tatsächlich jeder Flüchtling ein videofähiges Gerät, mit dem er die Kurse absolvieren könnte?


    Das hat mich auch überrascht, aber in unseren Umfragen hat nur ein Drittel angegeben, kein Gerät zu besitzen. Das ist aber kein Problem, wir könnten ihnen nämlich auch Tablets stellen. Wir haben da ziemlich gute Rabattangebote und Leasing-Deals von einem Anbieter bekommen. Daran soll’s nicht scheitern.

    Die Politik fängt gerade erst an, Flüchtlingsheime mit W-Lan auszustatten.


    Ok, aber selbst für Onlinekurse bracht man ja Ruhe, ständiges Internet und etwas Privatsphäre zum Lernen…

    Das stimmt natürlich. Die Politik fängt gerade erst an, Flüchtlingsheime mit W-Lan auszustatten. Ansonsten können wir nur hoffen, dass sich unter den Studenten der jeweiligen Städte eine Community bilden kann und die sich den Freiraum irgendwie selbst schaffen.

    Was sind eure größten Hindernisse momentan?

    Wir brauchen staatliche Gelder für die Lizensierungsgebühren der Online-Kurse, sobald wir das Programm etwas konkrekter aufgestellt haben und akkreditiert wurden.
    Davor steht die Frage, mit welcher Uni wir zusammenarbeiten können. Ich fände es schön, wenn es eine deutsche Uni wäre, wir reden gerade mit der UdK und der FU. Die Idee ist, dass die uns sozusagen erstmal als Überbrückung ihre Verwaltung leihen. Damit können die Studenten ihren Abschluss von der Partneruni bekommen, bis wir eine eigene Hochschule sind, die anerkannte Abschlüsse vergeben kann.

    Wart ihr schon bei Politikern damit hausieren?

    Noch nicht richtig. Wir haben die Idee auf der Bildungskonferenz einer politischen Stiftung vorgestellt. Dort war auch Martin Wösler, ein renommierter Asienexperte, der jetzt bei uns Prodekan für Internationalisierung geworden ist. Auf der Konferenz haben wir sehr positives Feedback bekommen, aber das ist auch leicht: Die Menschen dort können die Idee auch schnell gut finden, weil sie nichts zu entscheiden haben.

    Und wie geht's weiter?


    Vielleicht bewerben wir uns auf EU-Ebene um sogenannte 2020-Fördergelder. Und wenn irgendwann mal die UNO sagt: „Was machen denn diese Studenten für einen dilettantischen Quatsch, lass denen das mal aus der Hand nehmen!“, dann bin ich keineswegs traurig. Im Gegenteil, das kann sie gerne machen.

    Danke!