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    State of Insecurity

    Die deutsche NRA: Die German Rifle Association kämpft für amerikanische Zustände

    Autor Laura Ewert & Theresa Locker


    „An armed society is a polite society“, zitiert Oliver Huber den liberitären US-Science Fiction-Schriftsteller Robert A. Heinlein.

    Huber ist Mitglied der German Rifle Association (GRA) und erklärt mir gerade, dass eine defensive Bewaffnung einen Angreifer immer zum Verhandeln zwinge: „Wenn zwei Menschen mit einer Waffe in der Hand sich gegenüber stehen, gehen sie erstmal einen Schritt zurück.“

    Huber kommt aus Bochum, ist 1963 geboren, und einer der sechs Mitglieder des „Redaktionsteams“ der Website der GRA, die sich als Informationsdienst für Waffenfans sieht. Mit seinem amerikanischen Namens- und Logopaten, der National Rifle Association, habe die German Rifle Association außer der liberalen Einstellung zu Waffen nicht allzu viel gemein. „Wir werden nicht von der Waffenindustrie finanziert. Für Lobbyismus haben wir kein Geld“, sagt Huber. Dass man aber durchaus Interesse hätte, mit der National Rifle Association—der Mutter aller Waffenlobby-Organisationen—zusammenzuarbeiten, steht auf der eigenen Website.

    Aber was ist die GRA und wofür brauchen wir sie in Deutschland? „Die GRA“, erklärt der Hobbyschütze und Hobbybastler an amerikanischen Autos, „ist ein freier Zusammenschluss von Waffenbefürwortern“. Lobbyarbeit machen sie in ihrem möglichen Rahmen dennoch.

    „Ja, wir propagieren ‘Waffen für alle unbescholtenen Bürger’. Nein, wir propagieren keine Bürgerwehren, haben dafür aber Verständnis.“

    Dem Zusammenschluss der Waffenfans geht es dabei vor allem darum, „einen Informationsraum zur Entmystifizierung von Waffen“ zu schaffen, erklärt Huber etwas nebulös. Beiträge auf der Website wettern dagegen recht konkret zum Beispiel gegen aktuelle Pläne der EU zur Verschärfung des Waffenrechts oder verlinken Petitionen wie eine, die fordert, die polizeiliche Kriminalstatistik möge in Zukunft nach Verwendung von illegalen und legalen Schusswaffen aufgeschlüsselt werden: Die Befürworter eines liberalen Waffenrechts argumentieren, Straftaten würden vor allem mit illegalen Waffen begangen.

    Während der private Waffenbesitz in den USA von vielen als durch die Verfassung geschütztes Grundrecht gilt und der Kauf von Schusswaffen in vielen Bundesstaat einfach möglich ist, sind die Auflagen in Deutschland deutlich höher. Die GRA möchte die gesetzlichen Regularien für Waffenbesitzer senken und argumentiert, dass dies sogar die Sicherheit aller Bürger erhöhen könne—auf Facebook auch mit Bildern im Meme-Format.

    Bild: GRA/Facebook

    Eine Mitgliedschaft in der GRA ist kostenlos auf der Website abzuschließen. Über 900 aktiven Nutzern ist die Website eine Plattform für ihre Beiträge. Die Diskussionen sind öffentlich und unmoderiert. Es gibt keinen Vorstand, keine Gremien. Artikel tragen wuchtige bis gewagte Titel wie „Die Wahrheit über Waffengesetze, Rassismus und Genozid“; eine spezielle Sektion namens „GRA Women“ wendet sich den Belangen von schießenden Frauen zu.

    Natürlich werden auch die sogenannten Vorkommnisse in Köln interessenspolitisch aufgegriffen: „Wir müssen die Waffenrechtsdebatte in Deutschland energisch weiter führen. Es darf nicht sein, dass ein offenbar teilweise hilfloser Staat uns weiterhin die entsprechenden Möglichkeiten für eine effektive Selbstverteidigung verwehrt“, heißt es in einem entsprechenden Beitrag.

    Von der Piratenpartei-Initiative zum Waffen-Libertären

    Gegründet wurde die German Rifle Association 2013. Gründer ist der Anwendungsentwickler Marc Schieferdecker aus Menden im Sauerland, der damals als Pressesprecher für die Piratenpartei und mit anderen in der AG Waffenrecht der Partei aktiv war. „Bei den Piraten existiert seit 2011 eine aktive Bundesarbeitsgemeinschaft, die AG Waffenrecht, in der ich übrigens auch Mitglied bin, aber in letzter Zeit nur wenig aktiv“, sagte Schieferdecker 2013 in einem Interview. Dort lernte er andere Aktivisten kennen, denen „solche Gremienstrukturen einfach zu langsam” waren. Außerdem, so heißt es auf der GRA-Website, habe man nach Gegenwind von Berliner Piraten und negativer Presse der AG „Rückzug in die Klausur“ verordnet.

    Konkretes Ziel der GRA ist es, in „der BRD einen legalen Waffenbesitz auch ohne Bedürfnisgrund durchzusetzen“, so Huber. Auch die Regelung, dass Menschen mit einer Vorstrafe von über 60 Tagessätzen keine Waffenberechtigungskarte bekommen können, auch wenn es sich nicht um ein Gewaltdelikt handelt, möchte er abschaffen. „Warum sollte Uli Hoeneß keine Waffe besitzen dürfen?“, fragt er.

    „Jede Schützin und jeder Schütze ist eingeladen, sich als Mitglied der GRA auf dieser Webseite zu registrieren. (...) Anstatt sich mal wieder über die qualitativ schlechte Berichterstattung zu ärgern, möchten wir unsere Mitglieder ermutigen, ihrem Ärger in einem Text Luft zu machen. Und dafür nehmen wir keinen Mitgliedsbeitrag, sondern stellen die Infrastruktur kostenlos zur Verfügung“, heißt es weiter in einer Absichtserklärung der GRA, die man selbst als Manifest bezeichnet.

    Die GRA richtet sich weder explizit an Sportschützen, noch an besorgte Bürger. Und doch: Der sich steigernden Angst der Bürger, ob vor Terror oder vor einer angeblichen Bedrohung durch den Zuzug von Flüchtlingen wird nicht nur verständnisvoll begegnet, sie wird auch in Facebook-Posts aufgegriffen, die wie hier eine Schießerei in einem Hamburger Kulturverein kommentieren: „Ein weiteres Beispiel dafür, dass gewisse Tätergruppen sich so oder so bewaffnen und scharfe Waffengesetze immer nur rechtstreue Bürger treffen. Wir dürfen weitere Einschränkungen unserer Freiheit nicht akzeptieren.“

    Ziel der GRA: „Legaler Waffenbesitz in der BRD ohne Bedürfnisgrund“.

    Einmal im Jahr treffen sich Mitglieder und Interessierte zum gemeinsamen Austausch, Schießen und gemütlichen Beisammensein in Wiesloch. Huber schätzt, die Website hätte etwa 5000 Anmeldungen verzeichnet und beschreibt die Mitglieder als bunt gemischt, auch Menschen, die selber nicht schießen würden, diskutierten mit. „Wir sehen neue Medien und soziale Netzwerke als Chance und nutzen sie um unsere Standpunkte zu verbreiten“, erklärt sogar das GRA-Manifest. Die Reichweite ihrer Beiträge in den sozialen Netzwerken schätzt Huber auf 40.000 bis 50.000.

    Auf ihrer Facebook-Seite (9770 Likes) präsentiert die GRA ihr Weltbild dann auch gern im Mantel vermeintlich unanfechtbarer Allgemeinplatz-Zitate, wie dem von Václav Havel, das auch das Website-Banner ziert: „Die Freiheit ist wie das Meer. Die einzelnen Wogen vermögen nicht viel, aber die Kraft der Brandung ist unwiderstehlich“. So findet sich dort zum Beispiel auch das berühmte Gedicht des überzeugten Pazifisten und Theologen Martin Niemöller in einer abgewandelten Version als ergreifende Pro-Waffen-Poesie wieder, in der sich die Kleinkaliberfans zur zu Unrecht verfolgten Minderheit stilisieren: „Als sie den Paintball-Schützen die Waffen verboten haben…“

    Bild: GRA/Facebook

    Die Mitglieder sind unterschiedlich aktiv. Einzelne arbeiten an Studien mit, die etwa beweisen sollen, dass es keine Korrelationen zwischen Selbstmord/Mord und dem legalen Waffenbesitz gibt. Andere Mitglieder geben Interviews, Kurse oder sprechen auf Infoveranstaltungen.

    „Gestern habe ich als Mitglied der German Rifle Association auf einer vom Kreisverband Baden-Baden/Rastatt der AfD organsiertenen Informationsveranstaltung zu Thema innere Sicherheit und Waffenrecht einen Vortrag gehalten. Da ich auch durch Medien nicht unbeeinflussbar bin, war ich mit Vorurteilen auf dem Weg… rechtspopulistische Partei, rechstextreme Ansätze und das ganze bla, bla…“ schreibt Huber etwa in einem seiner Beiträge. Doch diese hätten sich glücklicherweise als unbegründet zerstoben—der Autor erlebte das AfD-Publikum als „Menschen, die sehr tiefgehend über die momentanen Probleme nachdenken und für ihr Leben individuelle und unkonventionelle Lösungswege für die in ihren Augen dringenden Probleme suchen“.

    Ansonsten gäbe es aber keine Nähe zu irgendeiner Partei, nur mit den Sons of Libertas , einer ultra-libertären Vereinigung, pflegt die GRA eine offizielle Partnerschaft. Auch eine direkte Nähe zur seit den Vorfällen von Köln deutschlandweit aufkeimenden Initiativen von Bürgerwehren bestreitet man aktiv: „Ja, wir propagieren ‘Waffen für alle unbescholtenen Bürger’. Nein, wir propagieren keine Bürgerwehren, haben dafür aber Verständnis.“

    Zwischen den vielen zitierten Statistiken gehen die Quellen schnell unter

    Gegenüber der Presse und Politik ist die GRA grundsätzlich eher skeptisch eingestellt. „Schlechte Recherche, unterdrückte Informationen, fehlende Relation“, wirft sie auf Facebook dem NDR und dem WDR in Bezug auf einen Bericht über Waffenhandel vor. Sie vermutet tendenziöse Berichterstattung und spottet über Journalisten, die den Unterschied zwischen Waffenschein und Waffenberechtigungskarte nicht kennen. Zwischen den vielen zitierten Statistiken gehen die Quellen allerdings schnell unter: 99,9 Prozent der Menschen, so sagt zum Beispiel Oliver Huber am Telefon, begingen keine Morde, auch wenn sie eine Waffe hätten. „Fakten statt Fehler“ fordert analog dazu der Facebook-Auftritt. Die Umsetzung dieses Ziels lässt allerdings direkt bei der ersten Stichprobe zu wünschen übrig:

    In einem Artikel behauptet die GRA, in den vergangenen zehn Jahren seien keine 100.000 Menschen durch Waffengewalt in den USA gestorben. „Diese Zahl taucht nur in den deutschen Medien auf, sie findet sich in keinem englischsprachigen Medium. Checkt das selber: Google Suche 100.000 Obama“, schreibt das GRA-Mitglied Marc Schieferdecker.

    In dem von ihm selbst verlinkten New York Times-Artikel heißt es aber bereits explizit im Bezug auf die vergangenen zehn Jahre: „It turns out that big, scary military rifles don’t kill the vast majority of the 11,000 Americans murdered with guns each year. Little handguns do.“

    Und in der Presseerklärung des Weißen Hauses zu Obamas Forderung nach schärferen Waffengesetzen vom 4.1. 2016 heißt es: „Over the past decade in America, more than 100,000 people have been killed as a result of gun violence—and millions more have been the victim of assaults, robberies, and other crimes involving a gun.“ Die Behauptung, die Zahl von 100.000 Menschen, die in den letzten zehn Jahren durch Waffengewalt in den USA starben, sei ein Fabrikat der deutschen Presse, ist also falsch.

    Selbst wenn man Obama unterstellen möchte, zu lügen, helfen umfassende Statistiken wie der Sonderbericht zu Waffengewalt des US-Justizministeriums: Der nämlich zählt in den USA ebenfalls einen jährlichen Durchschnitt von 11.385 getöteten Menschen durch Waffengewalt im Zeitraum von 2001-2011. Im vergangenen Jahr lag diese Zahl sogar noch höher— bei 13.286, wie auch das ständig aktualisierte Gun Violence Archive dokumentiert.

    Frage: Wozu braucht jeder Mensch eine Waffe? —„Wozu braucht man ein Formel 1-Auto, 120 dB laute Musik oder Rollerblades?“

    Mit Waffengewalt kommen die Mitglieder der GRA jedoch außer bei der Zahlenrecherche nicht in Kontakt. Die meisten von ihnen sind wie Huber begeisterte Sportschützen, die schon lange eine Waffe im Schrank stehen haben und die ihre liebste Freizeitbeschäftigung oft etwas zu emotional verteidigen. Und weil er noch mahr Menschen von diesem Hobby überzeugen möchte, lädt der Selbstständige aus dem Dienstleistungsbereich Interessenten jeden Monat ganz pragmatisch zu Schnupperschießkursen ein.

    Im Gespräch bietet er praktische Vergleiche. Auf die Frage, wozu denn jeder Mensch eine Waffe brauche, fragt er zurück: „Wozu braucht man ein Formel 1-Auto, 120 dB laute Musik oder Rollerblades?“ Der Wunsch, sich verteidigen zu können, sei bei ihm jedoch nicht ausschlaggebend, sagt er.

    Schon mit drei Jahren schoss er das erste Mal. Er wuchs laut eigener Aussage in einem intakten Elternhaus auf und wäre deswegen nie auf die Idee gekommen, die elterlichen Waffen unerlaubterweise zu benutzen. Und keine Sorge, dass Waffen in den Händen unfähiger Leute keine gute Idee sind? Sonst müsse man sich ja auch sorgen, dass 17-Jährige heute PS-starke Autos fahren dürften, entgegnet er.

    Kritik an der GRA gibt es natürlich auch. EU-Parlamentsmitglied Sven Giegold von den Grünen veröffentlicht auf seiner Website ein Schreiben der GRA, das Waffenbesitz als Menschenrecht propagiere—und das er erst als Satire verstand—sowie seine Antwort darauf. „Die tendenziöse Fragestellung, die nach einem messbarem Zusammenhang zwischen legalem Waffenbesitz und Verbrechen fragt, dabei aber völlig ausblendet, dass verbrecherisch genutzte Waffen natürlich schwerste Schäden anrichten, ist schwer erträglich. Ebenfalls völlig ausgeblendet werden Verletzungen und Tötungen durch Unfälle, die ohne diese Waffen niemals stattgefunden hätten.“

    Um dieserlei Argumente zu kontern, schießen die Mitglieder der GRA auch an der multimedialen Front mit mehreren Youtube-Channels scharf:

    Da gibt es beispielsweise ein Video, in dem sich Gründungsmitglied Marc Schieferdecker über eine vermeintliche „Dekowaffen-Lüge“ echauffiert und vor einer NRA-Fahne „Klartext“ redet: Dekowaffen—also Originalwaffen, die unbrauchbar gemacht wurden und daher frei erhältlich sind—könnten überhaupt nicht zu scharfen Waffen zurückgebaut werden.

    Auch das lässt sich leicht widerlegen. In diesen Tagen steht ein Student in Schweinfurt wegen besonders schweren Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor Gericht, der auf illegalen Schwarzmärkten im Darknet dutzende Waffen an ihm weitgehend unbekannte Kunden in ganz Europa verkauft haben soll.

    Prozessauftakt gegen mutmaßlichen Campus-Waffenhändler

    Wie der begeisterte Hobbyschütze an die Waffen kam? Laut Staatsanwaltschaft waren diese Marke Eigenbau: Er soll Deko-Waffen legal erworben und in seiner Werkstatt mit ein paar Schleifarbeiten wieder zu scharfen Waffen umgebaut haben.