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    Bild: Screenshot AJ+

    Die angebliche Selbstmordattentäterin von Saint-Denis lebt ahnungslos in Marokko

    Autor

    Theresa Locker

    Redakteurin Motherboard Deutschland

    Stell dir vor, du schlürfst morgens nichtsahnend Tee in deinem Lieblingscafé und findest dich plötzlich als vermeintliche Selbstmordattentäterin auf allen Zeitungs-Titelseiten und öffentlichen Fernsehkanälen wieder. Der einzige Grund, weshalb du nicht per internationalem Haftbefehl gesucht wirst, ist, dass die Medien dich bereits für tot erklärt haben.

    Der Frau, die in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit den Razzien von Saint-Denis als islamistisch motivierte Selbstmordattentäterin dargestellt wurde, ist das passiert. Sie lebt (in Marokko), ihr Name ist nicht Hasna Ait Boulahcen (sondern Nabila Bakkatha) und ihre privaten Fotos (unter anderem das Selfie mit zwei anderen Frauen) wurden von zahllosen europäischen, amerikanischen und arabischen Medien fälschlicherweise mit der Anschuldigung verbreitet, sie sei radikale Islamistin und hätte sich in Saint-Denis bei einer Razzia in die Luft gesprengt.

    „Der Journalist hat nicht recherchiert, sondern einfach nur veröffentlicht, was er hat.“

    AJ+, der englischsprachige Digitalkanal des katarischen Nachrichtensenders Al Jazeera, veröffentlichte heute ein Video, in dem ein Reporter die junge Frau aufsucht und die eigene Berichterstattung richtigstellt. „Ich habe nichts mit Hasna oder mit Terrorismus zu tun“, versichert Bakkatha. „Familienangehörige, die mich länger nicht gesehen hatten, dachten, ich sei tot.“

    Bakkatha, die geschieden zusammen mit ihren Kindern in der marokkanischen Stadt Beni Mellal lebt, erfuhr am vergangenen Sonntag telefonisch von Freunden von der Veröffentlichung ihrer Fotos auf Titelseiten mehrerer internationaler Zeitungen.

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    Mit fünfzehn Jahren war sie nach Frankreich gezogen und hatte das Land nach Abschluss eines Modedesign-Studiums im Jahr 2007 wieder verlassen, so Bakkatha gegenüber CNN. Eine frühere Freundin, mit der sie sich zerstritten habe, habe die Ähnlichkeit zur getöteten IS-Anhängerin ausgenutzt und Bakkathas Fotos in einem Racheakt an einen französischen Journalisten verkauft—der sie ungeprüft übernahm. Die Bilder der vermeintlichen Gotteskriegerin gingen um die Welt.

    Ein weit verbreitetes Foto zeigt sie in einer Badewanne, was das Boulevardblatt New York Post dazu inspirierte, ihr den Spitznamen „Thug in a Tub“ zu verpassen (Untertitel: „Hier ist die Selbstmordattentäterin von Paris“); in einem anderen, ähnlich oft reproduziertem Bild lächelt sie mit zwei Familienangehörigen in die Kamera.

    Bild: Twitter

    Immerhin hat es für einen Reim gereicht. Bild: Screenshot New York Post

    „Der Journalist hat nicht recherchiert, sondern einfach nur veröffentlicht, was er hat“, erklärt Bakkatha im Interview mit AJ+. Wer der französische Journalist ist, der das Foto zuerst an das britische Boulevardblatt Daily Mail und später an andere verkauft hat, ist noch nicht bekannt.

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    Ein weiteres Foto, das im Rahmen der internationalen Berichterstattung über die Pariser Anschläge die Runde macht und eine gestikulierende Frau in Trainingsjacke und blauem Hidschab abbildet, zeigt dagegen eine Frau namens Hasna Ait Boulahcen, die bei der Razzia getötet wurde. Über Hasna Ait Boulahcen ist bekannt, dass sie sich erst nach den Charlie-Hebdo-Attentaten mit einem Schleier präsentierte und zuvor einen westlichen Lebensstil pflegte. Ob sie sich in einer Art Blitz-Radikalisierung vom wodkatrinkenden Partymädchen zur flammenden IS-Anhängerin gewandelt hat oder nur orientierungslos war, wird derzeit noch untersucht.

    Auf diesem Bild ist Hasna Ait Boulahcen zu sehen. Bild: DH Sports

    Eine Selbstmordattentäterin war jedenfalls auch sie nicht. Lange Zeit wurde kommuniziert, dass sich während der Razzia in Saint-Denis eine Frau in die Luft gesprengt habe. Von Seiten der französischen Polizei heißt es jedoch mittlerweile, dass sich ein Attentäter neben Boulahcen in die Luft gesprengt habe, wodurch ein Teil des Körpers der Frau durchs Fenster geschleudert und sie ebenfalls getötet wurde.

    CNN musste die bisherige Berichterstattung am 20. November korrigieren: „Offensichtlich hat sich ein männlicher Kollege in die Luft gesprengt, sie stand daneben und wurde getötet. Wir haben auch erfahren, dass es eine dritte Leiche in dieser Wohnung gab.“

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    Im Netz ist eine Tonaufnahme von der Stürmung der Wohnung in Saint-Denis aufgetaucht, auf der Boulahcen Sekunden vor der Explosion mit den Worten „Er ist nicht mein Freund!“ zu hören sein soll. Auch ein Video, das den Selbstmordanschlag von einem Nachbargebäude aus gefilmt zeigen soll, zirkuliert online.

    Geht es noch absurder? Durchaus: Denn auf der Titelseite der Daily Mail, die das Badewannenbild von Bakkatha zuerst veröffentlichte, wird der Fotograf und Rechteinhaber mit Simon Ashton angegeben. Simon Ashton ist wiederum ein alter Hacker-Hoax, der vor fünf Jahren Großbritannien in Atem hielt. Nutzer erhielten Ketten-E-Mails, die vor einem Angriff eines Hackers mit diesem Namen warnten, welcher angeblich von seiner privaten Hotmail-Adresse gefährliche Viren verschicken würde.

    Bakkatha, die geschieden mit ihren Kindern zusammenlebt, traut sich nach eigenen Angaben kaum mehr nach draußen. Sie klärte die Verwechslung gegenüber dem marokkanischen Nachrichtensender Al Yaoum 24 selbst auf, der ihre Geschichte aufnahm und am 20. November als Video auf Youtube postete:

    AJ+ entschuldigte sich ausdrücklich auf Facebook für die weiterverbreitete Verwechslung: „Wir bereuen, dass wir nicht verifizieren konnten, dass eines der von vielen Nachrichtenmedien verwendeten Fotos eins von ihr (Bakkatha) war. Als klar wurde, dass das falsche Foto benutzt wurde, haben wir die Geschichte sofort aus dem Netz genommen und ein Videointerview mit dem Opfer des Identitätsdiebstahls geführt.“

    Bakkatha will die Verkäuferin der Bilder sowie den für die Veröffentlichung ihrer Privatbilder verantwortlichen Journalisten verklagen, da sie seit dem Identitätsdiebstahl „in ständiger Angst“ lebe. „Manche meiner Verwandten reden nicht mehr mit mir“, sagte sie gegenüber CNN. „Ich bin sicher, dass ich eine Menge Probleme bekomme, sollte ich nach Frankreich reisen.“